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Elvis lebt - und einer stirbt: Szene aus dem zweiten Teil der Aufführung.

Im Jakobmayer-Saal

Doppel-Oper mit Elvis

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Wenn Regisseur Andreas Wiedermann Hand an eine Oper legt, ist eines sicher: Seine Handschrift ist unverwechselbar. Die neueste Inszenierung des 39-Jährigen von zwei Opern-Einaktern mit der Opera Incognita im Jakobmayer-Saal wird zum kalauernden Spiegelbild des alltäglichen Wahnsinns. Die Premierenkritik.

Dorfen – Das Bühnenbild von Anton Empl ist gewohnt minimalistisch. Ein paar blaubezogene Würfel, Tische und ein Kühlschrank genügen, und schon ist man mitten in der Wohnung von Lucy. Sie ist die Geliebte von Ben. Er will ihr bei einem Besuch einen Heiratsantrag machen, scheitert aber immer wieder schon im Ansatz – seine Geliebte hängt ständig am Telefon. Gian Carlo Menotti hat seine Operngroteske „Das Telefon“ 1947 komponiert.

Regisseur Andreas Wiedermann verlegt die Oper in die Jetztzeit. Das Telefon ist heute ein iPhone. „Ein Monster aus dem Apple Store, das ungefragt reinplatzt und mir den ganzen Tag versaut“, wie Mantas Gacevicius, ein hervorragender Bariton, als Ben klagt. Auch als Schauspieler überzeugt der Litauer, der mit allen Mitteln, selbst mit nacktem Oberkörper, vergeblich versucht, die Aufmerksamkeit seiner Lucy zu bekommen. Diese wird überzeugend von der gebürtigen Amerikanerin Samantha Britt dargestellt. Ihre wunderschöne Sopranstimme macht ihren Auftritt zu einem Erlebnis.

„Das Telefon“ ist 60 Jahre nach der Uraufführung aktueller denn je. Zeigt es doch den Wahnsinn auf, dass Menschen ihrem Smartphone oft viel mehr Zuneigung und Zeit widmen, als ihren Freunden und Partnern. In der Originaloper verlässt Ben seine Lucy, ruft sie aber von einer Telefonzelle aus nochmals an.

Anders bei Regisseur Wiedermann. Der lässt die Oper nicht aufhören, sondern verknüpft sie geschickt mit dem zweiten Einakter des Abends, Giacomo Puccinis „Gianni Schicchi“ aus dem Jahr 1918. Denn Ben und Lucy finden über Siri und das iPhone doch zueinander. Ihre Hochzeit feiern sie kurzerhand in Amerika und spielen damit in Puccinis Oper einfach weiter. Gerade als urplötzlich Elvis Presley in die Feier platzt und mit seinem Gesang verzaubert, rafft es Buoso Donati (Guido Neumann) dahin.

Mit scheinheiliger Anteilnahme versammelt sich die Verwandtschaft um das Totenbett Donatis, und betrauert dessen Ableben. Doch als sie das Testament des Familienoberhauptes finden, hört die Trauer auf: Donati hat sie enterbt. Seinen ganzen Besitz hat er einem Kloster vermacht. Jetzt denken alle darüber nach, wie das Testament doch noch zu ihren Gunsten interpretiert werden könnte. Am traurigsten sind Lauretta (Helena Goldt) und Rinuccio (Rodrigo Trosino), die unsterblich ineinander verliebt sind. Ohne die Erbschaft bekommt Rinuccio von seiner Tante Zita (Carolin Ritter) niemals die Bewilligung, Lauretta, die Tochter von Gianni Schicchi (Herfinnur Arnafjall), zu heiraten. Letzterer ist in den Augen der hochwohlgeborenen Verwandtschaft nur ein Habenichts, ein schwarzes Schaf. Schicchi kommt ebenfalls ins Haus. In der Arie „O mio babbino caro“ („O mein geliebter Vater“), droht ihm seine Tochter Lauretta mit Selbstmord, wenn er nicht hilft, die Erbschaft und somit die Hochzeit zu retten. Und Schicchi hat tatsächlich einen Plan, wie man das Erbe retten kann.

Er verkleidet sich als Donati, legt sich im abgedunkelten Zimmer in dessen Bett und lässt den Notar (Peter Kellner) rufen. Der falsche Donati verteilt das Vermögen unter der Verwandtschaft, vermacht sich selbst aber, als „bestem Freund“ des Verstorbenen, das meiste. Als die geprellten Erben nach der Verabschiedung des Notars ihre Wut über Schicchi zum Ausdruck bringen wollen, jagt dieser sie aus dem Haus, da es ja nun ihm gehört; nur das glückliche Liebespaar bleibt zurück.

Sowohl die gesanglichen als auch die schauspielerischen Leistungen der Solisten sind großartig. Zu absoluten Publikumslieblingen avancieren aber Rodrigo Trosino (Tenor) und Caroline Ritter (Mezzosopran). Beide sind schon mehrmals bei Produktionen in Dorfen zu sehen und hören gewesen. Die Dorfener haben sie ins Herz geschlossen. Das Ensemble wurde mit einem lang anhalten Schlussapplaus gefeiert.

Eine Klasse für sich ist der musikalische Leiter Ernst Bartmann, von Freunden nicht umsonst als „Maestro“ verehrt. Der Dorfener Kirchenmusiker und Komponist sorgt in beiden Opern am Flügel für die teils dramatische Musik, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu verspielen. Bartmann und sein Freund Wiedermann sind für Dorfen und die kulturelle Szene der Stadt ein absoluter Glücksfall.

Weitere Aufführungen

gibt es im Jakobmayer-Saal am Mittwoch/Freitag/Samstag, 3./5./6. Mai (jeweils 20 Uhr. Danach ist das Ensemble mit den beiden Operneinaktern im Hubertus-Saal in Schloss Nymphenburg am 19./26. und 27. Mai zu sehen.

Die Besetzung

Inszenierung: Andreas Wiedermann

Musikalische Leitung/Klavier: Ernst Bartmann

Bühne: Anton Empl

Kostüme: Bärbel Gruber

Produktionsleitung: Evi Festl

Darsteller: Herfinnur Arnafjall (Gianni Schicchi), Samantha Britt (Lucy), Mantas Gacevicius (Ben), Helena Goldt (Lauretta), Frauke Mayer (La Ciesca), Carolin Ritter (Zita), Rodrigo Trosino (Rinuccio), Peter Kellner (Notar, Arzt, Pizzabote), Kalle Kosthorst (Simone), Guido Neumann (Buoso Donati), Laura Stürzl (Gherardina).

Anton Renner

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