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Isentalautobahn A94 bei Dorfen.

Verzweifele Anwohner

Die Lärmgeplagten fordern Tempolimits auf der A94

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Viele Menschen an der neu eröffneten A94 sind verzweifelt. Sie wollen, dass ihnen  gegen den Dauerlärm der Autobahn geholfen wird.

Dorfen – Familie N. weiß, was Autobahnlärm ist. 50 Meter nördlich von ihrem Wohnhaus in Lindum grollt permanent die A 94. Bei Ostwind hören Mama Maria und ihr zweieinhalbjähriger Sohn Vinzenz die Lastwagen besonders laut über die Lappachbrücke rattern. Der Westwind trägt das Röhren beschleunigender Raser vom Watzlinger Berg heran. Das war die Kulisse eines Ortstermins, zu dem am Freitag der Bund Naturschutz und die Aktionsgemeinschaft gegen die Isentalautobahn eingeladen hatten. Mehrere verzweifelte Anwohner fordern besseren Lärmschutz und vor allem Tempolimits.

Trotz des drohenden Autobahnbaus hatten sich Maria und Martin N. 2014 entschieden, auf dem Hof der Familie ein neues Wohnhaus zu bauen. „Man geht nicht so leicht. Wir lieben unsere Heimat“, sagt die 30-Jährige. Doch jetzt übertrifft der Dauerlärm ihre schlimmsten Horrorvorstellungen. Top-Lärmschutz und Lüftungsanlage hat sich Familie N. in ihr Heim eingebaut. Trotzdem sei es im Obergeschoss nicht auszuhalten.

A94-Lärm „Körperverletzung für mein Kind“

Raus gehen sie mit Vinzenz auch nicht so gern. „Ich habe immer Angst um seine Ohren. 64 Dezibel für eine Splittersiedlung wie Lindum – das ist reine Körperverletzung für mein Kind, bewilligt durch den deutschen Rechtsstaat“, klagt die Mama in Anspielung auf den erlaubten Tag-Grenzwert von 64 dB(A).

„Es ist hier das billigste Material verbaut worden“, schimpft Maria N. über die Autobahn. „Die rattern mit 200 über die Dehnungsfugen.“ Hier hakt der Dorfener Stadtrat Heiner Müller-Ermann ein, der schon Jahrzehnte gegen die A 94-Trasse durchs Isental kämpft: „Wir werden mit dem Bund Naturschutz das Thema angehen, ob hier wirklich nach dem Stand der Technik gebaut wurde, oder ob die Konzerne Extra-Reibach gemacht haben.“

„Man hat den Leuten in den Verfahren immer gesagt: Wir halten die Grenzwerte ein, das wird streng überwacht“, sagt Müller-Ermann. Das Ausmaß der Belastung hätten viele wegen der Beschwichtigungen nicht erwartet. Mit einer Karte verdeutlich Rita Rott vom Bund Naturschutz, wie viele Menschen in einem 250-Meter-Korridor entlang der A 94 leben.

„Wir befinden uns hier an einem Hotspot einer völlig verkehrten Verkehrspolitik“, erklärt Martin Geilhufe, Landesbeauftragter des BN. „Die Mehrheit der Gesellschaft will Tempolimits“, trotzdem habe der Bundestag soeben den entsprechenden Grünen-Antrag abgelehnt.

„Es ist erschütternd, aber es ist genau das eingetreten, was für mich zu erwarten war“, erläutert Lärmschutzsachverständiger Gerhard Steger den Anwesenden beim Ortstermin, ein Dutzend Betroffene und Medienvertreter. Die geltenden Grenzwerte 16. Verkehrslärmschutzverordnung seien zu niedrig, meint Steger.

„Wenn wir jetzt den Pegel von 64 Dezibel hätte, dann könnten wir uns gar nicht unterhalten.“ Bis der Wert im Mittel erreicht werde, wie es das Gesetz als Grenze vorsieht, hätten Betroffene „gar keinen Rechtsanspruch auf irgendetwas. Das ist kein Lärmschutzgesetz, sondern es soll das Straßenbauen billig machen“, sagt Steger.

130 Unterschriften aus Oberhausmehring gegen den A94-Lärm

Anwohner Jörg A. schimpft über die Glaswände an der Lappachbrücke, die keinerlei Lärmschutz darstellen. „Das ist reiner Spritzschutz“, bestätigt Müller-Ermann. Er fordert die Nachrüstung von Lärmschutzwänden und ein Tempolimit. Letzteres „wäre von heute auf morgen ohne Kosten möglich“.

„Wir kriegen den Lärm von zwei Seiten. Die Scheißbrücke, die klappert! Und das für den Rest unseres Lebens“, schimpft Isolde F.. „Kurz nach der Eröffnung war ich psychisch total von der Rolle“, erzählt Alois B. aus Watzling. „Eine Grillfeier auf der Terrasse ist unmöglich geworden.“ Auch Angelika B. aus Oberhausmehring sagt, dass sie „wie paralysiert“ gewesen sei. Der Lärm sei ein „alles durchdringer, hoher Ton, wie wenn man mit dem Finger am Rand eines Glases entlangfährt – 24 Stunden, sieben Tage die Woche“. Sie hat in ihrem Ort 130 Unterschriften gesammelt, die sie am Montag Bürgermeister Heinz Grundner überreichen will.

„Man kann keine Fenster mehr öffnen“, klagt Beate G., die mit Blick auf die Lappachbrücke wohnt. „Wir sind im Bermuda-Dreieck zwischen Eisenbahn, B 15, und jetzt auch noch der Autobahn“, berichtet Otto H. aus Oberhausmehring. Seit der A 94-Eröffnung sei der Verkehr auf der Bundesstraße sogar angewachsen. Kastulus G. aus Lappach schimpft: „Die Staatsregierung tut für uns Menschen gar nichts.“ Seine Tocher Sabine K. aus Kloster Moosen fragt: „Muss das eine zweite Garmischer Autobahn werden, wo jeder rasen darf, wie er will?“

Die Autobahndirektion Südbayern hat einen kleinen Trost für die Lärmgeplagten. „Es wird besser werden“, sagt ein Sprecher. Mehr dazu im Bayern-Teil dieser Ausgabe.

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