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Im Lavendel liegt die Kraft: Matthias Tafelmeier hat viel vor

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Von: Alexandra Anderka

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Beruhigender Duft, spektakuläre Farbe: Hildegard Pritscher und Matthias Tafelmeier schnuppern an den getrockneten Blüten, die bald in Säckchen landen und für guten Duft im Haus oder in den Schränken sorgen soll. Mit Lavendel könnte man    ganze Städte beruhigen. Matthias Tafelmeiers Idee von erfrischenden und besänftigenden Nebelduschen Blüten von 80 000 Sträuchern Projekt für Idealisten
Beruhigender Duft, spektakuläre Farbe: Hildegard Pritscher und Matthias Tafelmeier schnuppern an den getrockneten Blüten, die bald in Säckchen landen und für guten Duft im Haus oder in den Schränken sorgen soll. © anderka

Landwirt Matthias Tafelmeier verarbeitet seine Ernte zu Öl und Hydrolat. Der Idealist kann auf einige Helfer bauen - und auf seine vielfältigen Ideen.

Dorfen – Das Lavendelfeld bei Adlstraß ist ein beliebter Instagram-Hotspot. Von Mitte Juni bis Ende Juli zog das duftende Paradies zwischen Gebensbach und Grüntegernbach wieder viele Instagramer, Blumen- und Naturliebhaber an. Doch nun sind die Lavendelreihen abgeerntet, die Fotomodels und ihre Fotografen haben sich verabschiedet. Auch zur Ernte kamen etliche Helfer, wie Lavendelbauer Matthias Tafelmeier erzählt. Einiges könne er mit seiner umgebauten Mähmaschine aus den 1960er Jahren machen, dennoch bleibe noch viel Handarbeit.

„Wenn möglichst viele Menschen unseren Gemeinwohl-orientierten Ansatz mittragen, wird alles leichter.“ Dieses Jahr hat der Landschaftsgärtner-Meister schon eine Woche früher geerntet. „Da bleiben die Sträucher kräftiger“, erklärt er. Viele Ideen schwirren in den Köpfen von Matthias Tafelmeier und seiner Lebensgefährtin Hildegard Pritscher, wie der Lavendel verarbeitet werden könnte. Einiges setzen sie schon um.

So produzieren sie heuer zum zweiten Mal Lavendelöl und -hydrolat. Vergangenes Jahr hatten sie sich dafür eine kleine Anlage ausgeliehen. Heuer steht eine überdimensionale Extraktionsmaschine mit rund fünf Meter hohen Röhren aus Edelstahl in der Maschinenhalle in Adlstraß. Sie wurde vor zehn Jahren in Bayern konzipiert, dann nach Georgien verkauft. Im Frühjahr kam sie, verladen auf drei Lastwagen, wieder in die Heimat zurück.

Das große Glück der Lavendelbauern: Ingenieur Emmerich Tetkov, der die Maschine mitentwickelt hat, hegt eine Vorliebe für den Lavendel in Adlstraß und ist extra aus Thüringen zu dem Hof im Gemeindegebiet Dorfen gereist, um die Maschine zum Laufen zu bringen. So ganz einfach sei das nicht gewesen, gibt Tafelmeier zu. Immer wieder seien Überraschungen aufgetaucht. Aber schließlich habe alles geklappt.

Blüten von rund 80 000 Sträuchern füllten der 39-Jährige und seine Helfer kurz nach der Ernte nach und nach in die Edelstahl-Türme. Der eingeleitete Wasserdampf transportiert die ätherischen Öle, die sich auf dem kondensierten Wasser absetzen. Das Hydrolat ist der Wasserdampf und enthält die wasserlöslichen Stoffe des Lavendels. 50 Liter Öl und mehrere Tausend Liter Hydrolat sind heuer der Ertrag.

Beides haben sie in Fläschchen abgefüllt. Das Hydrolat ist ein Allround-Wunder. Hildegard Pritcher verkauft es im Vereinsladen. Es erfrischt, sorgt für gute Luft, parfümiert Sahne, Eis, Milchreis, Gebäck und viele andere Speisen. Deshalb hat es in Adlstraß auch viele Namen. So gibt es ein Gute-Besserung, Kissen- oder Geburtstagsspray. Der Renner sei aber das Prinzessinnenspray. Auf die Idee kam die 40-Jährige, als ihre vierjährige Tochter Ramina zu einem Prinzessinnen-Geburtstag eingeladen war. „Was liegt da näher, als ein Prinzessinnenspray mitzubringen? Im Nu waren alle Mädchen in Prinzessinnen verwandelt“, erzählt sie lachend.

Das Lavendelöl ist eine Kostbarkeit, das aus Adlstraß besonders, denn es ist zu 97 Prozent ölrein. „Nicht nur naturrein, das ist ein Unterschied“, wie Pritscher betont. „Unser Öl muss man nicht unter die Nase halten, das riecht schon aus der Entfernung“, sagt der Landschaftsgärtner stolz. Ihnen sei klar, dass sie trotz der Reinheit nicht mit den Lavendelbauern aus der Provence konkurrieren könnten. „Deshalb suchen wir eine kleine Kosmetiklinie, jemanden, der unsere Qualität schätzt“, sagt Pritscher.

Auch das Lavendelöl ist eine Wundertüte. Schon vor vielen Jahren waren Mönche, Ärzte und Heilkundler von der Heilkraft der Duftpflanze überzeugt, wie in vielen Volksheilkunde-Büchern nachzulesen ist. Die Pharmazie schätzt vor allem ihre entzündungshemmende und wundheilende Wirkung. Im Haushalt wird Lavendel erfolgreich gegen Kleidermotten eingesetzt.

„Die beruhigende Wirkung von Lavendel ist bekannt“, weiß Tafelmeier. In der Medizin wird es als Massageöl, bei Bronchial- und Lungenerkrankungen verwendet. „Der Lavendel hat so viele Aktivstoffe, die kann man synthetisch gar nicht nachbauen“, ist Pritscher überzeugt.

Sie rührt gerade in ihrem Schoko-Milchreis, den sie natürlich mit einem Schuss Lavendel-Hydrolat versetzt hat, während sie und ihr Lebensgefährte von ihren Visionen erzählen. „Jetzt, wo es bei uns immer heißer wird, wird schon darüber nachgedacht, in Städten Nebelduschen zu installieren. In Verbindung mit unserem Hydrolat könnte man damit ganz Städte beruhigen“, ereifert sich der Idealist.

Mit viel Idealismus und Vertrauen in eine Solidargemeinschaft hat der 39-jährige Landwirt seinen Hof 2010 auf Bio umgestellt. Seit drei Jahren pflanzt er neben Hanf, Aroniasträuchern und Wildblumen den Lavendel auf dreieinhalb Hektar an. Wirtschaftlich sei das Ganze noch lange nicht. Deshalb hat er einen gemeinnützigen Verein gegründet, der auf mittlerweile 68 Mitglieder angewachsen ist: „90 Prozent machen die Vereinsarbeit und -spenden aus, zehn Prozent die Landwirtschaft.“

„Es braucht ein grundlegendes Umdenken in der Landwirtschaft“, fordert Tafelmeier. „Es müssen wieder Werte geschaffen werden, die Generationen überdauern.“ Noch ist er auf die EU-Subventionen angewiesen, doch er hofft: „Wenn mehr Menschen zu uns kommen, mithelfen und verlässlich unsere Produkte abnehmen, benötigen wir die EU-Hilfen vielleicht bald nicht mehr.“

„Wir brauchen mehr Fans“, sagt Hildegard Pritscher und vergleicht den Hof mit einem Hobby, wie Fußball. Fußball-Fans würden gerne viel Geld für eine Stadionkarte ausgeben oder für den Verein arbeiten. „Unsere Fans bekommen Produkte aus der Region, das gute Gefühl des Miteinanders und Balsam für die Seele, wenn sie am Öl riechen oder in den Lavendelreihen den beruhigenden Duft einatmen.“

Weitere Informationen: www.adlstrass.de

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