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Aufgeheiztes Klima: Heiße Diskussionen im Bauernstand

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Von: Timo Aichele

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Biogas als Alternative zu fossiler Energieerzeugung präsentierte Landwirt Franz Göschl den Besuchern der KLB-Dialogveranstaltung auf seinem Hof in Schönbrunn.
Biogas als Alternative zu fossiler Energieerzeugung präsentierte Landwirt Franz Göschl den Besuchern der KLB-Dialogveranstaltung auf seinem Hof in Schönbrunn. © privat

Zwei Veranstaltungen, zwei Schwerpunkte, ein Zukunftsthema: Landwirtschaft und Umwelt. Viele Bauern sind wütend und in Sorge.

Eibach/Schönbrunn – Bienenvolksbegehren, Klimaschutz, Pestizidverbote – viele Landwirte fühlen sich an den Pranger gestellt. 40 000 zum Teil wütende Bauern haben das in der vergangenen Woche bei der großen Traktoren-Demonstration in Berlin mehr als deutlich gemacht. Entsprechend groß war auch das Interesse an zwei Veranstaltungen zu dem Thema im östlichen Landkreis – die inhaltlichen Schwerpunkte wurden jedoch unterschiedlich gesetzt.

Hitzige Debatten gab es bei der Diskussionsrunde „Sterben die Bauern aus?“ mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz im Gasthaus Mayer in Eibach (Stadt Dorfen). Vor rund 150 Zuhörern machten sich alle Redner für den Bauernstand stark. Das wird in einer Pressemitteilung der Veranstalter von der Facebookgruppe „Landwirtschaft im Landkreis Erding“ deutlich.

Die Herausforderungen durch den Klimawandel standen dagegen bei einer vom Bundesumweltamt geförderten und vom Bildungswerk der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) durchgeführten Dialogveranstaltung im Fokus. Auf dem Hof von Familie Göschl in Schönbrunn (Gemeinde St. Wolfgang) trafen sich etwa 50 Teilnehmer. „Erzählen wir uns gegenseitig, was wir für den Klimaschutz tun“ – so formulierte einer von ihnen laut der KLB-Presseerklärung das Fazit.

Risiko: Billig-Importe

Die Nöte der Bauern rückte Michael Hamburger in Eibach in den Mittelpunkt. „Die Flächen werden knapper, die staatlichen Auflagen immer schärfer, die Erwartungen der Verbraucher steigen – wie sollen wir dem gerecht werden?“, fragte der stellvertretende Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands und Kandidat auf der CSU-Kreistagsliste, der die Veranstaltung leitete. Wenn deutsche Landwirte nicht die Lebensmittel produzieren, würden Waren mit niedrigeren Standards importiert.

2040 werde es in Deutschland nur noch 100 000 landwirtschaftliche Betriebe geben, das seien zwei Drittel weniger als heute. „Und das, obwohl alle beteuern: Wir setzen uns für den Erhalt der bäuerlichen Betriebe ein“, kritisierte Sabine Berger, ebenfalls CSU-Kreistagskandidatin. „Wir fühlen uns verkauft und verraten.“

Entfremdung

Den großen Frust der Landwirte konnte Lenz, dessen Bruder im Kreis Ebersberg einen Bauernhof mit Milchkühen und Biogasanlage betreibt, nachvollziehen. Er habe aber auch kein Patentrezept: „Wir müssen aufpassen, dass nicht die Maßnahmen, die sicher teilweise gut gemeint sind, dazu führen, dass immer weniger junge Menschen den Beruf des Landwirts ergreifen.“ Die Entfremdung von Produktion und Verbrauchern trage zu einem teilweise „schiefen Verständnis von Landwirtschaft“ bei.

Raps und Milch

Der Rapsanbau werde durch das Verbot vieler Pflanzenschutzmittel und mangels effektiver Beizmittel immer mehr erschwert, erklärte Caroline Brielmair. Dabei sei der Raps hinsichtlich des Klimawandels eine gute Alternative zu Treibstoffen aus Erdöl. „Wäre durch politische Weichenstellungen das Rapsöl nicht so extrem besteuert worden, dann könnten wir hier schon viel weiter sein.“

BDM-Kreisvorsitzender Mathias Lohmeier ist in Sorge. „Die Milchviehbetriebe haben sich in den letzten Jahren halbiert, und wenn die Politik nicht bald handelt und die Agrarpolitik ändert, geht das ungebremst so weiter, und die bäuerliche Landwirtschaft stirbt aus“, sagte er.

Landwirtschaftsschule

Im Landkreis Erding gebe es etwa 2000 landwirtschaftliche Betriebe, berichtete Landrat Martin Bayerstorfer. So gebe es hier etwa genauso viele Rinder- und Schweinehalter wie in den Nachbarlandkreisen Ebersberg und Freising zusammen. Der Fortbestand der Landwirtschaftsschule am Standort Erding sei ihm ein großes Anliegen, erklärte der CSU-Kreisvorsitzende, der selbst gelernter Landwirt ist.

Kritik an Söder

Nicht verständlich für einige Besucher war die aktuelle Politik der Unionsparteien und speziell der „Grüne Kurs“ des CSU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Markus Söder. „Wir müssen versuchen, die Probleme im gesellschaftlichen Miteinander zu lösen, aber vor allem den Landwirten auch Perspektiven geben“, sagte Lenz schließlich. Doch dazu müsse mit den Bauern diskutiert werden, anstatt nur Ziele vorzugeben, da waren sich Veranstalter und Besucher einig.

Mittelmeer-Klima

Vor gut 50 Landwirten, Aktiven in der Umweltbildung, KLB-Mitgliedern und weiteren Interessierten sprach Dr. Annette Freibauer, Leiterin des Instituts für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz aus Freising, bei der KLB-Veranstaltung in Schönbrunn. Hitzerekorde, Gefahr von Frostschäden im Frühling, Dauerniederschläge im Winter, Dürre im Sommer – das werde der Klimawandel mit sich bringen. Die Landwirtschaft müsse sich daher für Extremwetterereignisse wappnen und habe in jedem Fall einen Mehraufwand.

Erosionsschutz

Die Heftigkeit der Niederschläge werde sich in Bayern bis 2050 verdoppeln, erklärte die Wissenschaftlerin. Deswegen sei Erosionsschutz notwendig, um die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Mindestens 30 Prozent des Bodens müssten bedeckt sein, je mehr umso besser, sagte Freibauer. Aber dann brauche es ein Herbizid, um Unkraut zu verdrängen. Die Forschung sei an dem Thema dran, dass nicht unnötig viele Schutzmittel ausgebracht werden.

Landwirtschaftlichen Betrieben könne man nur raten, die Risiken breit zu streuen. Vielfalt im Betrieb und eine vielfältige Fruchtfolge seien zwei Anregungen. Eine dem Klima angepasste Landschaftsgestaltung müsse aber weit über die Landwirtschaft hinaus gedacht und geplant werden, ergänzte Freibauer.

KLJB-Forderungen

Postitionen der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) zu dem Thema stellte KLJB-Referent Franz Wieser dar. Die ökologische Landwirtschaft müsse ausgebaut sowie ein Netzwerk von Gewässerrandstreifen in ganz Bayern umgesetzt und eine gesetzliche Begrenzung des Flächenverbrauchs auf fünf Hektar pro Jahr eingeführt werden, forderte er.

Weniger Ideologie

Landwirt Franz Göschl grenzte sich von Nichtregierungsorganisationen ab, der verantwortliche Landwirt denke in Generationen, die Organisationen hätten Kampagnen. „Den Verbrauchern sollte weniger Ideologie, sondern mehr Fakten vermittelt werden“, forderte der Gastgeber schließlich, der auf seinem Hof neben Milchkühen eine Biogasanlage hat. Die Biogasanlage sei weiterhin eine im Vergleich zu fossilen Brennstoffen klimafreundliche Energie für die Menschen im Ort, so die Meinung mehrerer Landwirte.

Mehr Stolz

Die Lebensart von Bäuerinnen und ihren Familien, die das eigene Angebot nachhaltig nutzen und zum Beispiel Gemüse- oder Obstgärten bewirtschaften, schilderte die Landwirtin und Berufsschullehrerin Christine Schöberl aus Gars am Inn. Sie sprach aber auch die aktuelle Situation an, dass sich viele Landwirte von der Gesellschaft kritisiert und nicht ernst genommen fühlen. An ihre Kollegen appellierte sie, miteinander zu arbeiten und auf den Bauernstand stolz zu sein. Alle Redner betonten, dass der Dialog zwischen Landwirten und Verbrauchern sowie zwischen Wissenschaft, Politik und Landwirten enorm wichtig sei. Lebensmittel sollten wieder ihren Preis wert sein, und ein positives Bild von allen guten Ansätzen solle in der Öffentlichkeit vermittelt werden.

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