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Da geht noch mehr: Franz Leutner vom Vorstandsteam.

„Lebendige Willkommenskultur“

Dorfen – die bunte Vorzeige-Stadt

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Dorfen ist anders. Auch im Umgang mit Flüchtlingen. Trotz fremdenfeindlicher Parolen rechter Populisten haben diese nicht verhindern können, dass die Isenstadt nach wie vor von einer „lebendigen Willkommenskultur“ geprägt ist. Das ist zumindest die Überzeugung der Flüchtlingshilfe Dorfen. Und das will man feiern. An diesem Donnerstagabend bei einem Dankeschön-Fest im Jakobmayer-Saal.

Dorfen – Michaela Meister, Franz Leutner und Heiko Altmann, das Vorstandsteam der Flüchtlingshilfe, beziehen sich bei ihrer Einschätzung auf mehrere Kundgebungen gegen AfD-Veranstaltungen in Dorfen. Viele junge Leute hätten zusammen mit der Bewegung „Dorfen ist bunt“ und der Flüchtlingshilfe „ihre Sympathie für eine weltoffene und solidarische Gesellschaft gezeigt“.

Viele von den 2015 nach Dorfen gekommenen geflüchteten Menschen seien auf einem guten Weg. Mehr als ein Drittel der rund 250 Menschen wohne inzwischen in eigenen Wohnungen. Gut funktioniere auch die Integration der über 80 Kinder in Kindergärten, Schulen und Vereinen. Viele Dorfenerinnen und Dorfener würden ohne großes Aufsehens ihre Freizeit dafür einsetzen, geflüchteten Familien zu helfen.

Trotz vieler positiver Aspekte machen sich Flüchtlingshelfer aber auch Sorgen. So etwa Vorstandsmitglied Leutner. Denn nur wenige Asylbewerber, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen sei, dürften einer Arbeit nachgehen. „Das ist ein großes Problem. Es betrifft vor allem junge Männer, die zum Nichtstun verdonnert sind“, kritisiert Leutner. So eine Ausgangslage sei „nicht die beste“. Die Leute hätten keine Perspektive, sie würden depressiv und „auf Dauer empfänglich für alles“.

Viele Asylbewerber
psychisch krank

Zahlreiche Flüchtlinge seien aufgrund ihrer Situation „eindeutig psychisch krank“. Das führe zu Auseinandersetzungen in den Unterkünften. Bislang sei aber noch keine Radikalisierung erkennbar, sagt Leutner. Wer Menschen jahrelang in so einer Lage lasse, „der schürt soziale Konflikte“, warnt der Dorfener in Richtung der verantwortlichen Politiker im Landkreis. Die Kinder derart frustierter Menschen kopierten zudem das Verhalten ihrer Eltern. „Das führt in ein paar Jahren zu zusätzlichen Problemen.“

Probleme gibt es schon jetzt immer wieder. Gerüchten zufolge sogar sehr große. Anwohner sehen das etwa an der großen Polizeipräsenz in Lindum bestätigt. Dort leben derzeit etwas mehr als 80 Menschen aus verschiedenen Nationen. Die räumlich isolierte Lage der Unterkunft erschwert die Integration der dort lebenden Menschen. Das die Polizei da häufiger vor Ort ist, räumt auch der Dorfener Polizeichef Harald Kratzel ein. Doch das habe nichts damit zu tun, dass dort ständig Straftaten begangen würden. Mit der Präsenz wolle man den Flüchtlingen auch zeigen, „dass die Polizei auch Freund und Helfer ist, anders, als das oft in ihren Herkunftsländern der Fall ist“.

Damit solle auch Vertrauen aufgebaut werden. Und das scheint notwendig zu sein, wie ein Polizeieinsatz vor Wochen zeigte. Bei einer Begehung der Unterkunft Lindum mit Vertretern der Regierung sei ein Asylbewerber aus dem Fenster gesprungen und geflüchtet. Nicht etwa, weil er sich illegal in Lindum aufgehalten habe, wie Kratzel berichtet, sondern weil er Angst vor der Polizei hatte. Der Mann habe wegen hoher Stressbelastung überreagiert – bei dem, was viele Flüchtlinge durchgemacht hätten, kein Wunder, findet der Dorfener Polizeichef. Mittlerweile hat die Regierung in Lindum auch einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt. Damit sollen auch kleinere Konflikte möglichst vermieden werden. Insgesamt, so versichert Kratzel, gebe es in Lindum „keine großartigen Probleme“. Es bestehe kein Grund zur Sorge.

Auch in der Unterkunft im Wailtl-Keller schauen Anwohner genau, was Flüchtlinge machen. Eine Frau hat die Polizei alarmiert, weil Kinder dort mit Spielzeugwaffen hantierten. Ihrer Meinung nach unmöglich. Die Polizei sieht’s gelassener. Kinder in aller Welt spielten mit Spielzeugwaffen – nichts Außergewöhnliches. Die Flüchtlingshilfe hat nach Angaben von Vorstandsmitglied Leutner mit Bewohnern der Unterkunft darüber gesprochen, dass dies in der Öffentlichkeit kritisch gesehen werde. Die Eltern hätten zugesagt, auf ihre Kinder einzuwirken.

Deutschland kann

noch mehr leisten

Angesprochen auf den Streit um den UN-Migrationspakt, kann Leutner dafür kein Verständnis aufbringen, sich einzumauern. „Deutschland ist ein Land, das zur Hilfe in der Lage ist, ein Land mit den meisten Möglichkeiten.“ Und für Leutner steht auch fest: „Wir könnten noch viel mehr leisten. Wie viele Flüchtlinge das Land aufnehmen kann, ist eine Frage, die nach oben offen ist. Noch sind wir nicht soweit, dass wir überfordert sind. Kein Mensch hat bisher Nachteile. Niemand wurde etwas weggenommen“. Auch der Punkt sei noch lange nicht erreicht, dass durch Flüchtlinge der Wohlstand Deutschlands untergraben werde. Insgesamt verweist die Flüchtlingshilfe auf eine internationale Studie des Instituts Pew Research Center. Demnach bejahen 82 Prozent der befragten Deutschen die Aufnahme der Menschen, die vor Gewalt und Krieg flüchten. Dorfen stehe da mit an der Spitze.

Gemeinsam feiern

Die Flüchtlingshilfe Dorfen lädt für Donnerstag, 8. November, um 19.30 Uhr Bürger, Helfer, Unterstützer und Flüchtlinge in den Jakobmayersaal ein. Beiträge zum Fest und zum Buffet sind erwünscht. Wer mithelfen will, kann sich unter Tel. (0 80 81) 9 52 53 83 melden.

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