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Noch sind sie glücklich vereint: Samir und Christine Attia mit ihren Töchtern Elena, Amelie und Amina. Ende des Monats muss der Familienvater Deutschland verlassen, wenn die Behörden nicht noch einlenken. 

Bundesamt rigoros

Zwangstrennung: Familienvater droht die Abschiebung - Mutter kommen die Tränen

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Es war die Hoffnung nach einem besseren Leben. Deshalb kam Samir Attia 2014 nach Deutschland. Fünf Jahre später wird aus dem einstigen Traum ein Albtraum.

Dorfen – Der 36-jährige Ägypter muss Deutschland bis Ende des Monats verlassen. Und das, obwohl er mittlerweile mit einer Dorfenerin verheiratet ist und drei kleine Töchter mit ihr hat. Der Grund dafür: Attia hat die Behörden belogen – was er heute zutiefst bereut.

Rechtlich ist an der Ausweisung des 36-Jährigen wohl nichts auszusetzen. Über die Balkanroute ist Attia vor fünf Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, hat hier Asyl beantragt. Heute macht er kein Hehl daraus, dass er aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage und Lebensumstände in Ägypten sein Heimatland verlassen hat. Damals jedoch gab er sich als Syrer aus, der in Deutschland Asyl suchte.

Dorfen: Von Flüchtlingen zur Lüge verleitet

Zu dieser Lüge wurde er von anderen Flüchtlingen verleitet, sagt er. Sie sagten ihm, er müsse sich nur als Syrer ausgeben, dann könne er in Deutschland bleiben und bekomme auch Asyl. Attia glaubte das. Bei einer Anhörung im Dezember 2014 im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gab sich der Ägypter als Syrer aus, der in Aleppo geboren sei, drei Kinder habe, die sich zusammen mit seiner Ehefrau in der Türkei aufhielten.

Doch der anwesende Dolmetscher bezweifelte aufgrund widersprüchlicher Angaben, dass Attia syrischer Staatsangehöriger sei. Schon im Februar 2015 wurde der Asylantrag Attias, der in Dachau untergebracht war, abgelehnt und seine Abschiebung nach Ungarn angeordnet. Als das Landratsamt Dachau dem Bundesamt mitteilte, dass Attia wohl ägyptischer Staatsangehöriger sei und mit der Dorfenerin eine deutsche Verlobte habe, welche von ihm ein Kind erwarte, wurde von einer Abschiebung abgesehen.

Dorfen: Attia zu Geldstrafe verurteilt

Ehefrau Christine (33) hat ihrem Mann nach dem Kennenlernen 2015 dazu ermutigt, die Wahrheit zu beichten. Doch die rechtfertigt kein Asyl. Attia hat Ägypten verlassen, weil es ihm dort wirtschaftlich schlecht gegangen ist. Zuvor schon war seine Ehe zerbrochen, er wurde von seiner Frau geschieden, bei der die vier gemeinsamen Kinder geblieben sind.

Mit Beginn der Revolution wurden die wirtschaftliche Lage und die Lebensumstände aufgrund des politischen Umbruchs im Land immer schlechter. Gegenüber den Behörden räumt Attia aber ein, dass er sich in seiner Heimat politisch nicht engagiert und daher auch keine Probleme mit der ägyptischen Polizei oder den Behörden hatte.

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Dorfen: Anwältin legt Widerspruch gegen Ausweisung ein

Der 36-Jährige wurde 2016 wegen „unerlaubten Aufenthaltes ohne Pass in Tatmehrheit mit Erschleichen einer Duldung duch unrichtige Angaben in Tatmehrheit mit Verändern von amtlichen Ausweisen“ zu einer Geldstrafe von 1800 Euro verurteilt worden. Diese Strafe hat Attia nach Angaben seiner Frau auch beglichen.

Im Dezember 2017 lehnt das Bundesamt den Asylantrag Attias ab und fordert ihn auf, Deutschland zu verlassen. Über seine Anwältin legt Attia dagegen im Januar 2018 Widerspruch ein. Eine der Begründungen: Ägypten sei keineswegs ein sicheres Herkunftsland, dort herrsche Willkür. Zudem hat Attia zu dem Zeitpunkt mit seiner Dorfener Lebensgefährtin bereits zwei zweijährige Kinder, die Zwillingstöchter Elena und Amelie. Eine Ausweisung verstößt gegen geltendes europäisches Recht, meint die Anwältin. Das Verwaltungsgericht hat die Klage gegen diesen Bescheid im Juli 2019 mittlerweile unanfechtbar abgelehnt.

Dorfen: Frau von Attia kommen die Tränen

Im September 2018 heirateten Samir und Christine in Dorfen. Dann kommt bald die dritte Tochter Amina zur Welt. Sie hoffen, dass Samir deswegen bleiben darf. Doch das Landratsamt Erding lehnt die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis ab.

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Wenn sie an ihre und die Zukunft der drei Töchter denkt, laufen Christine Attia Tränen übers Gesicht. Zwar steht im Bescheid des Landratsamtes, dass ihr Mann nach der Ausreise einen Aufenthaltstitel zur Familienzusammenführung im Visumsverfahren begehren kann. Doch die dreifache Mutter befürchtet, dass die ägyptischen Behörden ihren Mann gängeln und eine Ausreise verhindern werden. Reist der 36-Jährige aus Deutschland nicht freiwillig aus, droht ihm die Abschiebung und in der Folge eine mehrjährige Einreisesperre nach Deutschland.

Dorfen: Landratsamt kommt Familienvater entgegen

Trotz des versuchten Asylbetrugs, der eine erhebliche Straftat darstellt, will das Landratsamt Attia und seiner Familie helfen. Wenn der 36-Jährige freiwillig Deutschland verlässt, erhält er von der Ausländerbehörde Erding eine Vorabzustimmung zu dem zu beantragenden Visum. „Somit ist die Nachholung des Visumsverfahrens nur mit einer kurzen Ausreise verbunden“, sagt dazu Behördensprecherin Daniela Fritzen.

Was Samir Attia machen wird, ist offen. Dass ihre Töchter ohne Vater aufwachsen müssen, dass will sich Christina Attia gar nicht erst vorstellen. Die drei Mädchen können noch nicht ahnen, dass in vier Wochen die Welt für sie vermutlich anders aussieht, ihr Papa weg ist. Nur dass ihre Mama weint, das sehen sie. Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet . . .

*Im Gegensatz zu vielen anderen Berichten auf unserem Portal ist dieser Artikel nicht kommentierbar. Wir bitten um Verständnis.

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