Traurig schön und herrlich finster: Die bayerische Band Dreiviertelblut entfachte im Jakobmayer-Saal ein Feuerwerk der Emotionen.
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Existentielle Fragen und bayerische Lebensfreude vermittelt die Band Dreiviertelblut um Sänger Sebastian Horn (M.). 

Morbide Geschichten

Folk-Band Dreiviertelblut begeistert im Jakobmayer-Saal

Traurig schön und herrlich finster: Die bayerische Band Dreiviertelblut entfachte im Jakobmayer-Saal ein Feuerwerk der Emotionen.

DorfenTraurig schön und herrlich finster: Die bayerische Band Dreiviertelblut entfachte im Jakobmayer-Saal ein Feuerwerk der Emotionen. Schon zum dritten Mal traten die kongenialen Musiker hier auf und zeigten dabei erneut, dass sie zum Besten gehören, was die bayerische Folkrock-Szene derzeit zu bieten hat. Kraftvolle Musik, eindringliche Texte, irgendwo gefunden im Graubereich zwischen Existenz, Tod und allem, was es im Leben sonst noch so gibt.

In Nietzsches Abgrund hat sich Frontmann Sebastian Horn katapultiert. Nun blicke dieser auch in ihn zurück, offenbarte der Sänger. „Aber was wuist du macha, wenn’s Lebn di verschluckt?“ Horn sang, schrie und schnaufte. Er schüttelte sich und stampfte, erzählte in seinen Liedern von einem, der nicht mehr aus dem Zimmer gehen will, weil sich seine Welt verschoben hat. Dann stellte er seine eigene Farbenlehre vor: „Rot is des, wos übrig bleibt, wennst d’Haut obziagst von alle Leid.“ Ein Befreiungsschlag quasi – „aus den Ketten der Gesellschaft“. Horn erinnerte daran, dass wir ohne Haut alle ziemlich gleich aussehen.

Die Musik von Dreiviertelblut gab den morbiden Geschichten ein faszinierendes Gewand. Horn entlockte seiner Stimme viele Facetten. Flankiert wurde er auf der Bühne von virtuosen Vollblutmusikern. Mit Gerd Baumann (Gesang, Gitarre), Dominik Glöbl (Trompete, Flügelhorn), Florian Riedl (Klarinette, Saxofon), Luke Cyrus Goetze (Gitarre), Benny Schäfer (Kontrabass) und Andi Haberl (Schlagzeug) entwickelte sich ein komplexer Sound, der zwischen Volksmusik, Rock und Jazz pendelte und die Zuhörer in die Stücke geradezu hineinsaugte.

Bananafishbones-Sänger Horn und Filmkomponist Gerd Baumann („Wer früher stirbt, ist länger tot“) haben Dreiviertelblut vor sechs Jahren gegründet. Die Texte stammen zumeist aus Horns Feder, entspringen dessen Fantasie oder weisen autobiografische Züge auf, wie etwa der „Odlgruamschwimmer“. Darin erzählt er, wie ihn als kleines Kind ein Mädchen aus der Güllegrube rettete. Einprägsame Refrains, Dichtung mit Biss sowie ein Schuss Übersinnliches und Sagenhaftes hafteten den Liedern an.

Manches blieb schwer im Magen zurück. Etwa, wenn der längst gefallene Soldat zu Wort kommt, an dessen Denkmal die Menschen achtlos vorbeigehen. Erschossen wurde der Soldat von von einem unbekannten Feind: „Es hat di koana gfragt.“ Und: „Jetzt flackt er neben mir“, schließlich habe sein Protagonist nur fünf Minuten länger gelebt.

Traurig düster sind auch die letzten Gedanken des NS-Widerstandskämpfers und Hitler-Attentäters Georg Elser in seiner Zelle. „13 Minuten“ ist ein Appell an die Menschlichkeit und ein klares politisches Statement.

Andere Lieder wiederum strotzten vor Lebensfreude. Das „Festl auf dem Friedhof“ beispielsweise, bei dem viel Bloody Mary fließt. Mit eingängiger Melodie kam auch die „Schwupp Marie“ daher, die „botanische Schönheit vom Lande“ – gemeint ist damit der Hanf. Und gleich noch zum Mitsingen und Mittanzen: „1, 2, 3 …“, jene Ode an die Schlaflosigkeit und die gutbayerische Droge, den Hopfen. Wiesn-Atmosphäre kam auf und beglaubigte den Tour-Namen „Diskothek Maria Elend“. Diskothek und Dreiviertelblut, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Horn klärte auf: „Viele Songs sind fast tanzbar. Es rumpelt und pumpelt.“

Baumann und Horn sehen hin, wo man sonst gerne wegsieht. Sie beschäftigen sich mit dem Leben und der Sterblichkeit – den ernsten Themen unserer Zeit. Doch eines sind die Lieder immer: lebensbejahend. Und bei aller Nachdenklichkeit bleibt beim Zuhörer eines haften: die Hoffnung. Ganz so wie im Leben, in dem auch nicht immer die Sonne scheint, sich die dunklen Wolken irgendwann wieder verziehen.

Zugaben und stehende Ovationen gab es vom Publikum in Dorfen – und von Dreiviertelblut noch einen letzten Song: „Gemma Hoam“.

Michaele Heske

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