1. Startseite
  2. Lokales
  3. Erding
  4. Dorfen

Die Nazi-Zeit in Dorfen - ein immer noch schlechtes erforschtes Kapitel

Erstellt:

Von: Michaele Heske

Kommentare

Bei Aufmärschen am Unteren Markt, wie hier bei einer undatierten Veranstaltung der Deutschen Arbeitsfront, streckten viele Dorfener den Arm zum Hitler-Gruß aus.
Bei Aufmärschen am Unteren Markt, wie hier bei einer undatierten Veranstaltung der Deutschen Arbeitsfront, streckten viele Dorfener den Arm zum Hitler-Gruß aus. © Geschichtswerkstatt Dorfen

Großer Zulauf bei Vortrag der Geschichtswerkstatt Dorfen zum Thema: „Täter, Opfer, Widerstand“.

Dorfen – „Der Bierkrieg ist besser erforscht, obwohl er nur einen Tag dauerte, als die Zeit des Nationalsozialismus in Dorfen von 1933 bis 1945“, sagte Schorsch Wiesmaier, fast schon provokant. Grund genug für die Mitglieder der Geschichtswerkstatt wieder einmal unermüdlich in Archiven zu recherchieren, die Verwandten von Tätern und Opfern zu interviewen, und vor allem die Ergebnisse der Forschung dann auch zu präsentieren. „Täter, Opfer, Widerstand“, so lautete der Titel eines Vortragsabends im Jakobmayer.

Nahezu alle Plätze im Saal waren besetzt, das Interesse an Aufklärung und Informationen war bei den rund 200 Besuchern immens.

Die Namen der engagierten Nazis zu nennen, das sei bis heute ein Tabu, so Wiesmaier, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt e.V.. Der Grund: „Es leben noch Angehörige.“ Für den Lokalhistoriker ist dieses Argument irrelevant: „Wir können ja alle nichts für unserer Vorfahren.“ Er selbst stieß bei seinen Forschungen ebenfalls auf die Nazi-Vergangenheit seines Patenonkels, der Stützpunktleiter in Großhündlbach (Gemeinde Fraunberg) gewesen war, von wo seine Familie herkommt.

Und Vroni Vogel aus Walpertskirchen, die den Abend moderiert hat, ergänzte: „Die Taten waren monströs, die Täter aber dennoch keine Monster.“ Die Journalistin betonte: „Die Arbeit der Geschichtswerkstatt ist wichtiger denn je, wir müssen genau hinschauen – allein schon, weil antisemitische Straftaten wieder ansteigen.“

Wiesmaier referierte über die Anfänge der NSDAP in Dorfen. In einer zeitgenössischen Zusammenfassung steht zu lesen, dass die Dorfener Nazis, „durch Versammlungen der NSDAP-Ortsgruppen Schwindegg und Erding wachgerüttelt“, am 18. Februar 1931 zusammenkamen, um sich ebenfalls zu organisieren. Gut zwei Jahre später schlossen sich bis auf eine Ausnahme alle Gemeinderäte der Partei an. Bürgermeister von 1933 bis 1945 wurde Georg Erhard, zuvor Mitglied der Bayerischen Volkspartei. 1941 trat Erhard aus der katholischen Kirche aus.

Historische Dokumente las Christian Theis (l.) auf der Jakobmayer-Bühne vor. Georg Wiesmaier kommentierte den Vortrag mit Fakten aus seinen Recherchen.
Historische Dokumente las Christian Theis (l.) auf der Jakobmayer-Bühne vor. Georg Wiesmaier kommentierte den Vortrag mit Fakten aus seinen Recherchen. © Michaele Heske

Nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus wurde er 27 Monate in Moosburg interniert und war von 1952 bis zu seinem Tod 1955 noch einmal Bürgermeister in Dorfen. Er kandidierte für die Christlich-soziale Wählergruppe und bekam 60 Prozent der Stimmen. „Ein politischer Wendehals“, so könne man die Karriere des Bürgermeisters bezeichnen, so Wiesmaier, dessen Konterfei neben den anderen Amtsinhabern nach wie vor im Dorfener Rathaus hängt. Die Geschichtswerkstatt hat Dokumente gefunden, die belegen, wie Erhard persönlich dafür gesorgt hat, dass Dorfener Bürger ins KZ Dachau kamen.

Die Vorträge wurden immer wieder durch Textpassagen unterbrochen, die Christian Theis, Betriebsratsvorsitzender im Isar-Amper-Klinikum in Taufkirchen, mit sonorer Stimme vorlas. Denn auch das Bezirkskrankenhaus in der Nachbargemeinde blickt auf eine NS-Vergangenheit mit Euthanasie-Opfern aus Dorfen zurück, wie Heidi Oberhofer-Franz und Doris Minet erklärten.

„Die geistig behinderte Berta Sewald wurde im Alter von 33 Jahren in einer Tötungsanstalt bei Linz umgebracht“, klagen die beiden Dorfenerinnen an. Auch Franz Schweiger aus Rutzmoos, ein Viehhändler und Vater von sieben Kindern, der verändert aus dem Ersten Weltkrieg zurück kam und später psychisch erkrankte, wurde im Alter von 52 Jahren von den Nazis ermordet. „Er war Anfang 1940 in der ersten Gruppe von Männern und Frauen, die später von Haar aus in eine Tötungsanstalt abtransportiert wurden.“

Bei öffentlichen Aufmärschen am Unteren Markt streckten viele Dorfener den Arm zum Hitler-Gruß aus, später behaupteten diese, sie seien lediglich Mitläufer gewesen, stellten sich gegenseitig „Persilscheine“ aus: „Man musste nicht mitmachen“, betonte Wiesmaier.

Doch es gab auch lokalen Widerstand gegen das NS-Regime. Etwa Andreas Ostermeier, den früheren KPD-Vorsitzenden in Dorfen, sowie mehrere Geistliche. Anton Limmer aus Wampeltsham und Anton Wirthl aus Norlaching, die beiden politischen Häftlinge, starben im KZ Flossenbürg.

Auch interessant

Kommentare