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Rentner-Schicksal in Dorfen: Zu reich für die Tafel, zu arm für neue Kleider

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Nach Krankheiten und Schicksalsschlägen kommen ein Rentner-Ehepaar und ihr schwerbehinderter Sohn kaum über die Runden. 

Dorfen – Es ist ja nicht so, dass Elfriede Stocker in ein leichtes Leben hineingeboren wurde. Als Gastwirtstochter hieß es, frühmorgens vor der Grundschule Kartoffeln schälen. Nach dem Unterricht musste das Mädchen mit der Hand Teller spülen. Erst danach gab es Mittagessen für sie. Die depressive und alkoholkranke Mutter ließ die junge Elfriede (Namen geändert) mit einer frühen Ehe hinter sich. Doch das Leben hielt Schicksalsschläge bereit, nach denen mancher nicht mehr aufgestanden wäre. Heute leben sie und ihr 72-jähriger Mann Hartmut in Dorfen – von einer Rente, die ein bisschen zu viel ist, um Sozialleistungen zu bekommen. Aber zu wenig für Zahnersatz, eine neue Matratze oder einen Friseurbesuch.

Mit in dem Häuschen, das noch lange nicht abgezahlt ist, wohnt Sohn Martin (43). Er ist zu 100 Prozent schwerbehindert und arbeitet trotzdem in Vollzeit als IT-Kaufmann. Vor eineinhalb Jahren bekam er eine todbringende Diagnose: Darmkrebs. Doch Martin überlebte. Gemeinsam kämpfen sich die Drei nun durch. Das Häuschen, in dem ihr Mann Hartmut (72) seit dem Einzug vor elf Jahren alles selbst und mit sparsamsten Mitteln renoviert, soll einmal eine Absicherung für den Sohn sein.

Dass die Stockers überhaupt so weit denken können, ist schon ein riesiges Lebensglück. Denn Martin hätte fast seinen 18. Geburtstag nicht erlebt. 1994 hatte er einen Motorradunfall, nach dem ihm die Ärzte eigentlich keine Überlebenschance einräumten. Nach 16 Wochen im Koma wachte der 18-Jährige dann doch auf. „Seine ganze linke Seite war kaputt“, berichtet die Mama. Überlebt – aber die ganze Zukunft des jungen Manns war im Eimer. Seine Lehre zum Installateur konnte er nicht abschließen und verbrachte stattdessen Jahre in Krankenhäusern. Viele gesundheitliche Probleme quälen ihn seither.

„A bisserl depressiv war ich ja schon immer. Aber damals habe ich auch noch zu trinken angefangen“, erzählt die 65-Jährige. Irgendwann wusste sie: Sie musste für ihren schwerbehinderten Sohn da sein. „Er musste alles von vorne lernen. Seine Freunde hat er nicht mehr gekannt“, erinnert sich die Mama.

Nach der Entziehungskur folgte die gelernte Metzgereifachverkäuferin einem Tipp – und wurde Unternehmerin. Als fliegende Händlerin für Kristalle und Edelsteine konnte sie ihren Sohn anstellen. Erst auf dem Papier, dann doch als echte Hilfskraft. So erwarb sich der Sohn das Recht auf Umschulung. Und die Chance nutzte er. „Jetzt geht er acht Stunden auf Arbeit. Das soll ihm erst einmal einer nachmachen“, sagt die Mama stolz. „Aber jetzt muss er. Jetzt brauchen seine Eltern Hilfe.“

Vor acht Jahren, damals putzte Elfriede Stocker im Dorfener Rathaus, meinte es ihr Hausarzt gut mit ihr und schickte sie auf Kur. Schmerzen hatte sie ja schon vorher, aber von dort kam sie mit einer niederschmetternden Diagnose zurück: Fibromyalgie, Weichteilrheuma, unheilbar.

Ohne Medikamente sind die Schmerzen mittlerweile unerträglich. Die steile Treppe in dem 1950er-Jahre-Häuschen geht Elfriede Stocker höchstens drei Mal am Tag hinunter. Dazu Zahnschmerzen und eine chronische Bronchitis. „So gehen die Depressionen weiter, wenn man nicht rauskommt aus dem Scheißloch.“

In der alten fränkischen Heimat hätten sich die Stockers niemals aufs Sozialamt getraut. Hartmut war damals Feuerwehrkommandant – undenkbar. In Dorfen tat Elfriede Stocker dann doch diesen schweren Schritt. Mit einer Tafel-Karte wurde das Leben leichter. Doch als ihr Mann ins Rentenalter kam, durften die Stockers nicht mehr zur Tafel. Sie sind um 200 Euro im Monat zu reich. Sie erhält 340 Euro Rente, ihr Mann kommt mit Betriebsrente auf 1350 Euro. Dem Sohn, der die finanzielle Last der Hypothek trägt, zahlen die Eltern Miete.

In der Kleiderkammer dürfen die Stockers aber noch einkaufen: Anziehsachen à ein Euro. „Rotary Club, Tafel, Kleiderkammer, Nachbarschaftshilfe – wenn es diese Leute mit ihren großen Herzen nicht gäbe, hätte ich schon seit Jahren nichts anzuziehen“, schwärmt die 65-Jährige und dankt vor allem Brigitte Museler von der Nachbarschaftshilfe.

Licht in die Herzen

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