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Von der Überholspur aufs Abstellgleis

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Von: Anton Renner

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Die Jugend genossen, im Alter hilfsbedürftig: So enden viele Menschen, die nicht vorsorgen. © Frank May, DPA (Symbolfoto)

In der Jugend denkt man an vieles, nur nicht an das Alter. Jahrzehnte später kann das zum großen Problem werden – vor allem dann, wenn auch noch Schicksalsschläge hinzukommen.

Dorfen – Horst B. (Namen geändert) aus Dorfen muss das seit Jahren schmerzlich erleben. Seine Gesundheit ist stark angegriffen, der Geldbeutel leer, die Freunde sind längst weg.

Über einen solchen Fall berichtet Ruth Wildgrube, die Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe Dorfen. Der Mann, um den es geht, ist Jahrgang 1943. Er ist im Kreis Ebersberg geboren und wächst zusammen mit einer Schwester auf. Die Schulzeit bringt B. noch so leidlich hinter sich. Der Schritt ins Arbeitsleben beginnt mit einer Ausbildung zum Schreiner. Sein Gesellenstück fertigt B. noch an, dann hat er jedoch keine Lust mehr. Zur Prüfung tritt der junge Mann erst gar nicht mehr an. „In der Schreinerei hat man eh nichts gelernt, wir haben immer nur auf Baustellen gearbeitet, und ich durfte Laufbursche spielen“, sagt der heute 75-Jährige ein wenig entschuldigend.

B. braucht Geld. Er geht jobben, arbeitet einige Jahre in einem Kfz-Auslieferungslager. „Das war „die höchste Gaudi“, erzählt er. Ein junger Bursche, der immer neue Autos zur Auslieferung herrichten und auch Probe fahren darf, bevor sie dem Kunden übergeben werden – das ist schon etwas anderes, als mit Holz zu arbeiten. B. liebt seinen Job, und so wird er schon bald als Verkäufer eingesetzt. Dann kommt die Einberufung zur Bundeswehr. Bei der Luftwaffe in Manching wird er stationiert. Wegen des Geldes verpflichtet sich B. auf zwei Jahre. 3000 Mark Prämie gibt es dafür.

Nach der Soldatenzeit sucht sich B. wieder einen Job. Er findet ihn im damaligen Flughafen in Riem bei der Lufthansa. Als Fahrer bei der Versorgung von Flugzeugen auf dem Vorfeld verdient er nicht schlecht. Und auch die Arbeit mit Schichtdienst passt, da gibt es Zuschläge. „Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich der 75-Jährige zurück. Und auch daran, dass er für die Kollegen „immer Kaffee gekocht und für’s Frühstück gesorgt“ hat. Irgendwann mal wird der Schichtdienst dann doch nervenaufreibend. B. wechselt die Arbeitsstelle. Er wird Auslieferungsfahrer bei einer Bäckerei. Sein Gebiet reicht vom südlichen Oberbayern bis runter nach Garmisch. Doch mit zunehmenden Alter kommen gesundheitliche Probleme. Mit 55 zeigen das schwere Heben und die langen Stunden hinter dem Lenkrad Auswirkungen: Rücken, Bandscheiben und Gelenke sind kaputt. Hinzu kommt ein doppelter Leistenbruch. Die Folge: B. ist zwei Jahre im Krankenstand, bekommt einen Schwerbehindertenausweis.

Es folgen Jahre der Arbeitslosigkeit, dann geht es in den vorzeitigen Ruhestand. Die Rente ist eigentlich zum Leben zu wenig, aber zum Sterben zuviel.

Nach Dorfen kommt der Rentner wegen einer Zeitungsannonce. Dort liest er vor zehn Jahren von einer günstigen Wohnung mit Öl- und Holzöfen. Da er in Ebersberg die Miete nicht mehr berappen kann, ist das die Lösung. In Dorfen ist er laut Mietvertrag auch für die Instandhaltung zuständig. Doch das ist mittlerweile sein Problem.

Das Auto ist ganz wichtig für ihn, so kann er sich weitgehend selbst versorgen und ist einigermaßen mobil.

Ruth Wildgrube, NBH Dorfen

Seit längerem ist die Pumpe des Öltanks kaputt. „Eine neue Pumpe kann er sich nicht leisten“, berichtet Wildgrube. „Also holt er das Öl kanisterweise von auswärts. Eigentlich dürfte er aus gesundheitlichen Gründen die Kanister gar nicht schleppen. Waschmaschine oder Herd dürfen nicht kaputtgehen. Für eine solche Reparatur fehlt das Geld.“

B. hat auch privat wenig Glück im Leben. Zweimal heiratet er. Die erste Ehe dauert nur ganz kurz. Er habe zu jung geheiratet, sagt er heute. Seine zweite Frau kommt aus Tirol. Mit ihr hat B. eine gemeinsame Tochter. Doch auch diese Ehe zerbricht. Seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen – weil B. trinkt. „Viel zu viel“, wie der 75-Jährige rückblickend einräumt. Stundenlang sitzt er damals abends und nachts in der „Bar“ im Keller.

Wenn das Trinken alleine keinen Spaß macht, geht er mit Spezln auf Sauftour. Irgendwann nach der Scheidung rafft B., wo er gelandet ist. Er macht eine Entgiftung im Krankenhaus. Heute trinkt er „nur noch sehr selten Alkohol“, sagt er. Zu seiner geschiedenen Frau hat er noch Kontakt. Man sieht sich zu Geburtstagen und Familienfeiern. Seine Tochter unterstützt ihn ab und zu, auch wenn es um eine Reparatur an seinem altem Diesel-Fahrzeug geht. „Das Auto ist ganz wichtig für ihn, so kann er sich weitgehend selbst versorgen und ist einigermaßen mobil“, sagt Wildgrube.

Dabei hätte der Rentner eigentlich einen finanziell guten Lebensabend haben können. Er hat vor vielen Jahren eine Erbschaft von seinem Onkel gemacht. Der hat ihm zu Lebzeiten versprochen, dass er sein Haus erben wird. Da es aber kein Testament gibt, muss er die Erbschaft mit seiner Schwester teilen. Das Haus wird verkauft. B. bekommt etwa 230 000 Mark. Viel davon steckt er noch während der Ehe in eine Modeboutique seiner zweiten Frau. Die wirft aber keinen Gewinn ab.

Mit dem Rest des Geldes führt B., solange es geht, ein gutes Leben. Er reist viel mit seinen Spezln, ist in Bayern, Österreich und Italien unterwegs. Darüber nachgedacht, das Geld anzulegen oder für später für eine Altersvorsorge zurückzulegen, hat er nicht. Die Hilfe der Nachbarschaftshilfe Dorfen nimmt der Rentner in Anspruch, da er so gut wie gar nichts mehr heben und kaum ein paar hundert Meter in einem Stück gehen kann. NBH-Chefin Wildgrube: „Um Hilfe bittet er bei Besorgungen, insbesondere von schweren Dingen – oder auch bei zu großer Hitze oder Glätte. Dann traut er sich selbst das Einkaufen nicht zu.“


Licht in die Herzen

Das Leserhilfswerk des Erdinger/ Dorfener Anzeiger unterstützt die Nachbarschaftshilfe Dorfen. Diese hilft unter anderem Menschen im Alter, die aufgrund einer Krankheit etwa bei Alltagstätigkeiten und Besorgungen Hilfe brauchen. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN: DE54 7005 1995 0000 0171 11. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie bitte mit Ihrer Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht wünscht, vermerkt es ebenfalls.

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