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Bier, Feuer und Verbrechen: Kalender mit Dorfener Wirtshausgeschichte(n)

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Von: Michaele Heske

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Heute im Lebzelter sind Holger Behrens mit seinen Eltern Helga und Uwe Behrens sowie Fritz Huber und Simone Jell-Huber fasziniert von Fotos und den Geschichten (oberes Bild, v. l.). „Der Kalender ist ein Muss“, sagt die Stadträtin und Seniorenbeauftragte.
Heute im Lebzelter sind Holger Behrens mit seinen Eltern Helga und Uwe Behrens sowie Fritz Huber und Simone Jell-Huber fasziniert von Fotos und den Geschichten (oberes Bild, v. l.). „Der Kalender ist ein Muss“, sagt die Stadträtin und Seniorenbeauftragte. © Michaele Heske

Der Wirthauskalender der Geschichtswerkstatt Dorfen beleuchtet die Historie der Gastronomie.

Dorfen – Im Wirtshaus wird nicht nur getrunken und gegessen. Es wird gefeiert und getanzt, geratscht und politisiert. Hier lädt man zur Hochzeit und zum Leichenschmaus. „Das Wirtshaus ist ein tröstlicher Ort in Freud und Leid“, sagt Schorsch Wiesmaier. Das sei auch der Grund dafür, so der Lokalhistoriker, weshalb es in Dorfen früher 21 Wirtshäuser gegeben habe. In Erinnerung daran hat die Geschichtswerkstatt Dorfen unter dem Titel „Dorfener Wirtshausgeschichte(n)“ einen Kalender für das Jahr 2023 herausgegeben – eine Chronologie mit zwölf historischen Schwarz-Weiß-Fotos, Anekdoten und Geschichte.

„Wir wollten mal was anderes machen – nicht ausschließlich die NS-Geschichte in Dorfen erforschen“, sagt Wiesmaier. Da bot sich gerade für das Jahr des Stadtjubiläums die Historie der Wirtshäuser an. Die Beisl-Dichte in der Isenstadt hing mit den vielen Brauereien der Stadt zusammen. Zudem war Dorfen im 17. und 18. Jahrhundert nach Altötting der meist besuchte Wallfahrtsort Süddeutschlands.

Wiesmaier selbst hat ein „äußerst inniges Verhältnis“ zu den Gasthäusern in der Stadt, sagt er schmunzelnd. Er ist passionierter Wirtshaus-Besucher – so wie andere, die sich regelmäßig beim Stammtisch, zum Mittagessen oder zu einer Brotzeit in einem der Lokale treffen. Etwa im Lebzelter an der Apothekergasse – eine Schenke mit überaus dramatischer Geschichte.

Damals im Bräuwinkl: Auf dem Juli-Blatt erfährt man vieles über den Wailtl.
Damals im Bräuwinkl: Auf dem Juli-Blatt erfährt man vieles über den Wailtl. © Michaele Heske

„Lebzelter, das waren spezialisierte Bäcker, die Lebkuchen herstellten. Und dazu brauchten sie Honig“, erfährt man im Kalenderblatt für den September. Da lag es nahe, den Honig auch für den Honigwein Met zu verwenden. Franz Heigl, der erste Wirt, habe vermutlich 1816 das Schankrecht erworben, steht im Kalender.

1865 wurde der Lebzelter ein Opfer der Flammen. Und auch Verbrechen geschahen hier: Matthias Kreitmayer erstach im Juni 1966 den Dorfener Händler Andreas Ostermeier, der aktives KPD-Mitglied in der Weimarer Republik gewesen war. „Zwischen den beiden Männern herrschte eine langjährige Feindschaft“, schrieb die Heimatzeitung. Dazu forschte Wiesmaier auch im Archiv des Erdinger Anzeiger nach Berichten zum Mord und zum späteren Prozess.

Auch der Waitlbräu, früher Bräu im Winkel, gehörte seit 1530 zu den alteingesessenen Brauereien. Die Einkehrenden konnten das Brot selbst mitbringen. Auch hätten viele Frauen die „Preuhandtierung“, die Braukunst betrieben: Katharina Lipp beim Bachmayer oder Jakobe Mayr beim Jakobmayer.

Wo heute die Raiffeisenbank steht, schenkte früher der Bösl Sepp aus – ein Dorfener Original und „Hütchenspieler“, der vor Gericht landete. Der Richter ließ sich das Spiel vorführen und sprach ihn frei – aus Bewunderung für die Geschicklichkeit des Delinquenten. Den Greißlwirt gab es bis 1977, dann wurde er abgerissen.

Einer der berühmtesten Dorfener Wirtshaus-Institutionen, der Soafa, wird der Monat Mai gewidmet. Anno 1717 wurde die Gaststätte am Kirchtorplatz erstmals erwähnt. 1910 wurde die Soafa während des Bierkriegs angezündet und brannte ab. Später führte das legendäre Wirtsehepaar Leni und Richard Widl die Soafa.

Die heutige Jakobmayer-Chefin Birgitt Binder machte das Wirtshaus später zu einer weit über Dorfen hinaus bekannten Kleinkunstbühne. Heute ist die Soafa kein Wirtshaus mehr. Man sieht dort eine Ausstellung von Badarmaturen sowie ab und zu die Geschichtswerkstatt bei ihren Treffen.

Fritz Huber (56) ist einer der ersten, der beim Stammtisch im Lebzelter den Kalender in die Hand bekommt. Fasziniert blättert er die Seiten um. Der Dorfener erinnert sich noch genau an seinen ersten Besuch in der Soafa. „Da war ich grad mal vier Jahre alt“, erzählt er. In vielen der hier beschriebenen Wirtshäusern verkehrt er bis heute – doch bei weitem nicht jede Geschichte ist ihm bekannt.

Der Kalender wird schon bald für acht Euro in der Buchhandlung in Dorfen und in vielen Wirtshäusern verkauft.

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