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Zweite Chance für verbotene Liebe?

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Von: Anton Renner

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Kämpfen seit zehn Jahren für die Freiheit von Victoria und deren Sohn: Patricia Blum und Jörg Evers. Das Bild wurde 2012 aufgenommen.
Kämpfen seit zehn Jahren für die Freiheit von Victoria und deren Sohn: Patricia Blum und Jörg Evers. Das Bild wurde 2012 aufgenommen. © Anton Renner

Im Fall der behinderten Victoria sieht der Europäische Gerichtshof  eine Menschenrechtsverletzung. Die Mutter kämpft um ein Wiederaufnahmeverfahren.

Dorfen – Haben geistig behinderte Menschen ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung? Diese Frage muss neu bewertet werden, wenn der Fall der im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder in Algasing untergebrachten Victoria vor Gericht wieder aufgerollt werden sollte. Die Chancen dafür stehen gut. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sieht in dem gerichtlichen Verfahren von Victoria eine Menschenrechtsverletzung.

Victoria ist heute 33 Jahre alt, und sie hat eine bewegende Geschichte. Es geht um eine außergewöhnliche Liebe, die nicht sein darf (die Heimatzeitung berichtete). Als Victoria vor zehn Jahren im Alter von 23 schwanger wird, kommt das Kind auf richterliche Anordnung sofort nach der Geburt zu anonymen Pflegeeltern. Die junge Frau wird noch während der Schwangerschaft aus der Obhut ihrer Mutter gerissen und im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder in Algasing untergebracht. Es beginnt ein juristisches Tauziehen, das Patricia Blum (61), die Mutter von Victoria, als „nicht enden wollenden Albtraum“ beschreibt. Die junge Mutter sei sexuell missbraucht worden, glauben Richter und Behörden. Denn der Vater des Kindes ist Jörg Evers, damals 71 Jahre alt, und zuvor längere Zeit mit Victorias Mutter liiert. Patricia Blum hingegen verteidigt die aus ihrer Sicht „besondere Liebe“ ihrer Tochter zu dem ehemaligen Flugkapitän – und kämpft seither entschlossen für die Freiheit ihrer Tochter und des Enkelsohnes.

Zwei Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs gegen Jörg Evers wurden eingestellt. Die Staatsanwaltschaft München kam zu dem Ergebnis, dass der sexuelle Kontakt zwischen Evers und Victoria „einvernehmlich“ zustande gekommen sei und „. . . dass die Zeugin trotz ihrer Behinderung durchaus in der Lage ist, einen irgendwelchen (sexuellen) Handlungen entgegenstehenden Willen klar und deutlich zu äußern“. Doch obwohl das Gericht zu dem eindeutigen Urteil kommt, dass es keinen Missbrauch gibt, wird der Antrag des Vaters auf das Sorgerecht für seinen Sohn abgelehnt. Und Victoria muss gegen ihren Willen im Pflegeheim bleiben – und ist dort bis heute.

„Das ist ein klarer Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonfession“, urteilte 2012 der damalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe. Er wertete es als Skandal, dass die junge Frau gegen ihren Willen in der Behinderteneinrichtung untergebracht wurde. Auch dass das Amtsgericht Erding Victoria das Recht auf selbstbestimmte Sexualität abgesprochen hat, ist für Hüppe unfassbar. Das Gericht rechtfertigte dies damit, dass die junge Frau auf „dem emotionalen Niveau eines Kindergartenkindes“ sei und es daher klar sei, „dass dieser Mensch nicht Sexualität leben kann wie ein Erwachsener“.

Nicht zuletzt auch aufgrund dieser völlig konträren Ansichten hat der Vater von Victorias Buben Anfang 2014 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Beschwerde eingereicht. Ihm war in dem Betreuungsverfahren eine Anhörung vor Gericht verwehrt worden. Das Gericht hatte Evers mit einem absoluten Kontaktverbot auf Lebenszeit zu Victoria belegt.

Diese Nichtanhörung des heute 81-Jährigen wertet das EGMR als Menschenrechtsverletzung, wie der Anwalt des Kindsvaters, Maximilian Kaiser aus Landshut, bestätigt. Zwar könne der EGMR nationale Gerichtsurteile nicht aufheben. Aber es gebe jetzt die Möglichkeit, das Verfahren neu aufzurollen. „Wir werden jetzt einen sogenannte Restitutionsantrag einreichen“, sagt Rechtsanwalt Kaiser. Dies muss binnen vier Wochen beim Amtsgericht Erding erfolgen.

Der Rechtsanwalt mit Schwerpunkt für Medizin-, Zivil- und Strafrecht geht davon aus, dass er eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreichen wird. Da sein Mandant damals nicht gehört worden sei, liege „ein elementarer Verstoß gegen Verfahrensrecht vor“. Kaiser ist sich sicher, dass es in dem Betreuungsverfahren möglicherweise eine „andere Weichenstellung“ gegeben hätte.

Der Anwalt hat ein Ziel, das er als „Bestcase-Szenario“ bezeichnet: Die Umgangssperre wird aufgehoben, der Vater darf endlich seinen Sohn zu sich holen, und Victoria kann Algasing verlassen. Jedenfalls bewertet Kaiser die Chancen gut, dass sich die Gerichte den ganzen Fall nochmals sorgfältigst anschauen und „nicht nach subjektivem Empfinden bewerten“.

Kaiser zitiert hier den damaligen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, der im Fall Victoria einen vielfachen Verstoß gegen Behindertenrechte sieht. Die Justiz maße sich an, „nach Sitte, Anstand und Moral Entscheidungen zu treffen, die als solche aus meiner Sicht objektiv nach der geltenden Rechtslage nicht getroffen werden dürften. Meiner Meinung nach stellen die Richter ihre eigene Auffassung von Moral über das Gesetz“.

Auch Victorias Mutter Patricia Blum hofft auf ein Wiederaufnahmeverfahren. „Das wird für Menschen mit Handicap sicherlich Signalwirkung haben“, ist sich die 61-Jährige sicher. Und sie macht klar: „Egal, was auch passiert, ich werde weiterhin für die Freiheit Victorias kämpfen.“

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