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Er kennt das Böse: Josef Wilfling, der ehemalige Chef der Münchner Mordkommission.

Lesung Josef wilfling

„Der durchschnittliche Mörder ist 31 Jahre alt“

Einen realen Einblick in das Böse gewährte Josef Wilfling. Der ehemalige Münchener Hauptkommissar berichtete im Taufkirchener Pfarrsaal aus seinem spannenden Berufsleben.

Taufkirchen Eineinhalb Stunden lang erzählte Josef Wilfling, Hauptkommissar im Ruhestand, den Zuhörern im Pfarrsaal von seinen teils spektakulären Fällen, die er als Leiter der Münchner Mordkommission aufgeklärt hat. Von unglaublich grausamen Taten, die betroffen machten und schockierten. Aber auch der Humor kam bei seinem Vortrag nicht zu kurz, zu dem das Büchereiteam um Brita Schild eingeladen hatte.

„Es gibt gute Krimis, aber auch absoluten Schrott“, sagte der Autor von mittlerweile drei Büchern. „Krimis sind Fiktion. Sie sollen Spannung erzeugen“, aber „die Realität ist viel brutaler als die Fiktion“. Als Polizist erlebe man Entsetzen, Leid und Angst, die eine ganze Gemeinde traumatisieren können. „Heute lernen sie, dass der Mensch zu allem fähig ist“, warnte er und erzählte, wie ein Mann seine Frau erschlagen habe und die drei Kinder daneben standen. „Dass die Kinder für ihr Leben zerstört sind, brauche ich nicht zu erwähnen.“ Drei Mal habe er sowas in seiner Laufbahn erlebt. Auch mit dem Mord an zwei Mädchen in Krailling, die vom Postboten bestialisch erschlagen, erstochen und stranguliert wurden, war er beauftragt. „Das hat selbst hart gesottene Rechtsmedizinern und Kriminalern wie mir die Tränen in die Augen getrieben.“

2009 ging Wilfling in Pension und begann mit seiner zweiten Karriere als Autor. Sein Anliegen sei es, mit Klischees, Vorurteilen und Verdächtigungen aufzuräumen. In seinem Erstlingswerk befasste er sich mit der Frage, warum Menschen morden und welche Motive sie haben. Das Buch war so erfolgreich, dass er gleich ein zweites nachschob. „Stimmt es, dass jeder zum Mörder werden kann?“ Hier geht Wilfling der Frage nach, was sich im Vorfeld alles abspielen kann. „Was kommt danach. Die Opfer und Folgen“, stehen im Mittelpunkt seines dritten Werks.

„Das Böse ist so alt, wie die Menschheit“, weiß der ehemalige Hauptkommissar. „Die bösartigen Anlagen wird es geben, so lange es Menschen gibt. Im weltweiten Ranking der Mordraten befinde sich Deutschland ziemlich weit unten, führte Wilfling weiter aus. Pro 100 000 Einwohner seien es 15 Menschen im Jahr. „Momentan liegen wir bei 0,8 pro Jahr, also 800 Mordopfern bei 80 Millionen Einwohnern.“ In Mittel- und Südamerika liege die Rate sehr viel höher, in Honduras momentan bei 120. „Wenn wir dieses Verhältnis hätten, hätten wir 50 000 bis 70 000 Morde pro Jahr.“ Natürlich sei dies in Honduras in erster Linie der Banden- und Drogenkriminalität geschuldet. „Wo staatliche Organe versagen, da gibt es solche Verhältnisse“, betonte er.

In den 22 Jahren, in denen er bei der Mordkommission in München gearbeitet habe, von 1978 bis 2009, seien es 1211 Tötungsdelikte gewesen. 80 Prozent der Tötungsdelikte würden bei uns mit dem Messer begangen, 50 Prozent davon mit dem Küchenmesser. „Es braucht kein Rambo-Messer. Es reicht auch ein Tomatenmesserchen.“ Beim Ranking der Tötungsarten folge auf das Erstechen Erschlagen, Erwürgen und Erdrosseln die Schusswaffen. „Die spielen in Deutschland eine untergeordnete Rolle, weil wir ein sehr strenges Waffengesetz haben.“ Im Gegensatz zu Amerika, wo es 30 000 Tote durch Schusswaffen gebe. „Je mehr Schusswaffen, desto mehr werden sie eingesetzt. Bei uns hauen sie sich halt eine aufs Maul“, brachte er es auf den Nenner und verriet, das Gift „völlig aus der Mode gekommen ist“.

Auch von dilettantisch ausgeübten Morden, erzählte der Ex-Kriminaler. Etwa von dem Mann, der seine Frau mehrmals erfolglos in die Tiefe gestoßen hatte, um sie letztlich mit einem Stein zu erschlagen. „Das hinterlässt aber Spuren, auch wenn er gereinigt wird.“ Außerdem habe der sparsame Mann für seine Frau für den Zug nur eine Hinfahrkarte gekauft: „Das sind die Fehler, von denen wir leben.“

Sein Ausblick war durchaus positiv: Die Zahl der Morde sei seit 20 Jahren stark rückläufig, auch wenn Zeitungen und Fernsehen einen gegenteiligen Eindruck vermitteln würden. Das gelte aber nicht für Gewalttaten und Rohheitsdelikte. Wilfling führte das auf den demografischen Faktor zurück. „Gewalt ist eine Domäne der Jungen. Der durchschnittliche Mörder ist 31 Jahre alt.“ Auch habe sich die Rolle der Frau stark verändert. Sie würden nicht mehr so lange bei gewalttätigen Männern bleiben, die Polizei könne eher einschreiten und es gebe Einrichtungen, die helfen.

Auch von seinen prominentesten Fällen erzählte er. „Als Walter Sedlmayr ermordet wurde, gab es einen Aufschrei des Entsetzens. Nicht, weil er umgebracht wurde, sondern weil er schwul war.“ Früher habe es „fast wöchentlich einen Homomord gegeben“, erzählte er. „Denn sie konnten sich nicht outen und mussten ins Strichermilieu gehen“. Das sei gefährlich, denn es handle sich hier meistens um Raubmorde. „Beim Rudolph Moshammer war es fast schon Suizid“, meinte Wilfling zynisch, wenn dieser mit seinem Rolls Royce zum Bahnhof gefahren sei, auf der Suche nach südländischen, ungepflegten, heterosexuelle Männern und er alle Warnungen in den Wind geschlagen habe.

Dank „Kommissar Computer“ und DNA-Analyse habe sich die Ermittlungsarbeit grundlegend geändert, denn mit jeder Körperzelle hinterlasse der Mörder gespeicherte Spuren. 1990 seien zur Analyse noch fünf Büschel Haare und zwei Liter Blut sowie die Hilfe von Scotland Yard nötig gewesen, erzählte er. Die Münchner Mordkommission hätte sich 1998 als erste in Deutschland mit diesen neuen Methoden an die so genannten „Cold Cases“ gewagt und 747 alte Mordfälle der letzten 30 Jahre neu überarbeitet. Schon im ersten Jahr lag die Aufklärungsquote bei 130 Fällen.

Birgit Lang

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