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Chaffeurin aus Leidenschaft: Anita Gillhuber.

Omnibus Erl

Ein Leben hinter dem Steuer

Über sechs Jahrzehnte hatte das alteingesessene Oberdorfener Omnibusunternehmen Erl einen guten Namen. Nachdem Anita Gilhuber, Inhaberin des Familienunternehmens, bereits zum Jahreswechsel den Regionalbusverkehr abgab, ging jetzt zum 30. Juni die Ära des Unternehmens endgültig zu Ende.

Von Georg Brennauer

Oberdorfen – Es sei schon ein komisches Gefühl, das Steuer von heute auf morgen für immer aus der Hand zu geben, sagt die leidenschaftliche Chauffeurin. Schließlich war Anita Gilhuber von Kindesjahren an mit dem Geschäft groß geworden. Viele Stammgäste, Berufspendler und Schüler bleiben ihr in Erinnerung. Wie ihr überhaupt das lange Berufsleben am Steuer überwiegend schöne Eindrücke hinterließ, wie die Oberdorfenerin sagt.

Gegründet hatte das Unternehmen ihr Vater Franz Erl, der zusammen mit ihrer Mutter Rita Erl den Betrieb kontinuierlich aufbaute. „Mein Mann, ein gelernter Kfz-Mechaniker, war erst 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und hat zunächst bei den Amerikanern am Erdinger Flughafen gearbeitet“, erzählt Rita Erl. Für einen Unternehmer aus der Gemeinde St. Wolfgang fuhr Franz Erl damals schon nebenbei täglich die Arbeiter zum Flughafen Erding und zurück. Dafür hat er 50 Pfennig pro Tag bekommen. 1952 machte sich Franz Erl selbstständig und übernahm den Bus – noch mit Holzaufbau – der hauptsächlich für den Linienverkehr eingesetzt wurde. Daneben führten die Erls bis 1970 noch eine vor allem von Ausflüglern gern besuchte Gaststätte.

Die Basis des wachsenden Betriebs war seit Anbeginn der Linienverkehr. Darüber hinaus wurden Fahrten für die heimischen Vereine sowie verschiedene Ausflugsfahrten durchgeführt. Einhergehend mit dem wachsenden Auftragsbereich im Linien- und Reisebusverkehr hatte die beliebte Familie auch den Betriebshof in Oberdorfen samt Garagen und Serviceeinrichtungen ausgebaut. Später kamen dann regelmäßige Wochenendfahrten für Gastarbeiter von München nach Jugoslawien dazu. In den Jahren von 1970 bis 1980 hatte die Firma bis zu zehn Busse im Einsatz und entsprechend das Fahrpersonal aufgestockt.

1972 hatten Franz und Rita Erl einen Schutzengel. Obgleich für die Unternehmer ein privater Urlaub ein Fremdwort war, verweilten sie mit dem Verband Oberbayerischer Busunternehmer zwei Wochen auf Teneriffa. Weil die große Gruppe beim Rückflug auf zwei Flieger aufgeteilt werden musste, sollten zunächst überwiegend die Teilnehmer abfliegen, die von München aus noch eine etwas weitere Rückreise zu ihren Wohnorten hatten. Die Erls hätten noch mit dem ersten Flieger abreisen können, verzichteten aber darauf. Franz Erl meinte damals, erinnert sich seine Frau Rita heute: „Ich will mich morgen noch etwas von den Reisestrapazen ausruhen.“ Das war seine Lebensversicherung. Denn der erste Flieger am Abend verunglückte beim Start, was allen Insassen, darunter auch einem bekannten Unternehmerpaar aus dem Landkreis, das Leben kostete. Franz Erl ereilte indes 1989 im Alter von nur 66 Jahren noch mitten im Arbeitsleben in der Busgarage der Herztod.

Die älteste von zwei Töchtern, Anita Gilhuber war bereits früh, seit 1979, als Busfahrerin eingebunden und übernahm 1988 den Betrieb. „Ich bin jetzt viele Jahre um 4.15 Uhr aus den Federn und ab 5.30 Uhr Bus gefahren. Bei den erforderlichen Pausen tagsüber war ich bis zuletzt meist bis 19.30 Uhr unterwegs“, erzählt Anita Gilhuber im Gespräch mit der Heimatzeitung. Eine besondere Liebe verbindet sie seit über zwei Jahrzehnten mit dem Dorfener Eishockeyclub. Der ESC hat der Familie Erl viel zu verdanken und dies nicht nur, weil die Firma dem Club stets preislich entgegenkam. Für mehrere Spieler aus Übersee hatte Gilhuber in Oberdorfen ein Quartier gestellt.

Dass sie jetzt aufgehört hat, liegt in den Perspektiven in dem Geschäft, die angesichts der EU-Auflagen und der hohen Sicherheitsbestimmungen von einem kleinen Unternehmen kaum noch zu stemmen seien. Dies wollte sich die Unternehmerin, die kurz vor dem Rentenalter steht, nicht mehr antun. Auch deshalb, weil keines ihrer drei erwachsenen Kinder Ambitionen auf die Fortführung der Firma hatte.

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