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Interessierte Zuhörer: Die Geschichtswerkstatt im Johanniscafé traft sich zum ersten Mal. „Bauer wurde einfacher Mitarbeiter, er war nicht raus aus der Zeitung“Schorsch Wiesmaier

Geschichtswerkstatt

Ein Versuch, Dorfener Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten

Auch 72 Jahre nach dem Kriegsende gibt es eine unbewältigte deutsche Vergangenheit. Diese auch auf lokaler Ebene nicht zu vergessen, soll die „Geschichtswerkstatt“ sicherstellen. Dies traf sich jetzt erstmals im Johanniscafé.

Von Anne Huber

Dorfen – Der Aufarbeitung der lokalen Geschichte des Nationalsozialismus haben sich Hans Elas und Schorsch Wiesmaier mit ihrer Geschichtswerkstatt verschrieben. Bei der ersten öffentlichen Veranstaltung ging es mit Josef Martin Bauer und Albert Hartl um zwei Männer, die sich auf unterschiedliche Weise dem Zeitgeist angepasst haben.

Dass die Wahl der beiden geschichtsinteressierten Ex-Lehrer auf den Journalisten und Schriftsteller Bauer und den ehemaligen Priester und späteren SS-Sturmbannführer Albert Hartl fiel, habe nichts damit zu tun, dass man „sie gleichstellen oder desavouieren“ wolle, sagte Elas. Auf Hartl, der nur kurze Zeit in Unterhofkirchen gelebt hat, sei er bei Recherchen zudem zufällig gestoßen. Interessant seien allerdings die Parallelen im Leben der beiden: Die Kinder- und Jugendfreunde haben Jahre ihrer Kindheit in Unterhofkirchen bei Taufkirchen verbracht, zusammen das Gymnasium in Scheyern besucht und seien dann auf das staatliche Gymnasium in Freising gewechselt.

Während Hartl jedoch das Theologiestudium abschloss, später aber – wie in einem Artikel der ZEIT aus dem Jahr 1982 zu lesen ist– aus der Kirche aus- und in die SS eintrat und Karriere als Mitarbeiter von Himmler und Heydrich im Reichsicherheitshauptamt in Berlin machte, kam Bauer 1927 zur Dorfener Zeitung. Um die Rolle Bauers im Nationalsozialismus zu beleuchten, forschte Wiesmaier in verschiedenen Archiven, darunter Bundesarchiv, Literaturarchiv Marbach, Spruchkammerarchiv und Dorfener Stadtarchiv. „Ich kann alles belegen“, sagte er. Belegen konnte er, dass Bauer mehr war als bloßer Mitläufer und seine berufliche Zusammenarbeit mit den Nazis nicht erzwungen war. Als Mitläufer war Bauer im Zuge der Entnazifizierung von der zuständigen Spruchkammer 1949 eingestuft worden, eine Ausstellung in Dorfen hatte Bauer als „Schriftsteller im Würgegriff der Nazis“ bezeichnet. Der geschichtsinteressierte Pensionär, konnte anhand von Dokumenten beweisen, dass Bauers Mitarbeit beim Völkischem Beobachter, wo Bauer 1944 Schriftleiter war, oder in der Propagandakompanie freiwillig war, Bauer sich teils selbst angedient hat. Auch der Ehrenpreis für bäuerlich gebundenes Schrifttum, bekam Bauer 1944 entgegen seiner eigenen Aussage nicht „trotz Einspruchs des Propagandaministerium“, sondern nach Absprache mit Goebbels verliehen, wies Wiesmaier zweifelsfrei nach.

Wie etabliert Bauer, der auch viele Hörspiele verfasst hat, im Kulturbetrieb der Nazis war, zeigte Wiesmaier anhand einer Einkommenserklärung, die der Schriftsteller gegenüber der Reichsschriftumskammer abgegeben hat. 23 800 Reichsmark hat Bauer demnach 1939 durch seine Veröffentlichungen eingenommen. Eine Summe, die in ihrer Bedeutung erst erfasst werden kann, wenn man weiß, dass Lehrer 2000 bis 5000 Reichsmark und Gauleiter jährlich 30 000 Reichsmark verdient haben. Auch die von Bauer selbst als ohne eigenes Mittun beschriebene Aufnahme in die NSDAP, ist, so konnte Wiesmaier nachweisen, auf dessen Antrag geschehen. Als Beleg, wie kritisch Bauer von den Nazis gesehen wurde, wurde in den Biografien wohl auch die Tatsache fehlinterpretiert, dass Bauer nach der Fusion von Dorfener Zeitung und Dorfener Tagblatt nicht mehr als Schriftleiter tätig war. „Bauer wurde einfacher Mitarbeiter, er war nicht raus aus der Zeitung“, sagte Wiesmaier.

Auf die Lebensgeschichte des Lehrersohns Hartl ging Elas im zweiten Teil der Veranstaltung ein. Auch seine Darstellung basierte auf autobiografischen Texten, Aussagen von Zeitzeugen sowie historischen Dokumenten und Darstellungen. Nach 1945 kam Hartl glimpflich davon; ein erst in den 1960er Jahren durchgeführtes Spruchkammerverfahren verurteilte ihn zu mehreren Jahren Gefängnis.

Dass Bauer in Dorfen nicht nur Ehrenbürger werden konnte, sondern noch heute als „ehrenwerte Person“ gilt, so Dritte Bürgermeisterin in Doris Minet, hat für Arthur Dittlmann, der sich selbst eingehend mit dem Schriftsteller beschäftigt hat, damit zu tun, dass „Dorfen mit Bauer einen großen Sohn bekommen hat, dass die Dorfener auf Josef Martin Bauer sehr stolz sind“. Inwieweit dieser Stolz berechtigt ist, wurde nicht thematisiert. Eines wurde durch die Arbeit der beiden Laien-Historiker allerdings klar: auch 72 Jahre nach Kriegsende gibt es eine deutsche Vergangenheit, die aufgearbeitet werden muss. Sie zu verschweigen, zu beschönigen oder gar zu vergessen ist auch heute noch der falsche Weg. 

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