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Revolutionsgruppe: Dieses Foto zeigt die rund 20 Dorfener Revolutionäre 1919. Eine Woche lang hatten sie in Dorfen den Volksrat gebildet. Zu diesem Zweck setzten Rotarmisten aus München den Dorfener Bürgermeister und den Sparkassendirektor ab und verhafteten Polizisten. Am Ende wurde den Rovoluzzer selbst der Prozess gemacht.

 Machtübernahme der Rotarmisten vor 100 Jahren

Als Dorfen kommunistisch war

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Die Kommunisten waren in Dorfen vor genau 100 Jahren an der Macht. Eine Woche lang – vom 24. April bis 1. Mai 1919.

Dorfen – Sie nahmen die Dorfener Sparkasse in Beschlag, verhafteten Polizisten, stürzten den Bürgermeister und nahmen den Dorfenern ihre Waffen ab: Die Kommunisten waren in Dorfen vor genau 100 Jahren an der Macht. Eine Woche lang – vom 24. April bis 1. Mai 1919. Das hat der Dorfener Hobby-Historiker und ehemalige Schulleiter Franz Streibl (80) dokumentiert. Er hat dafür in der Dorfener Zeitung recherchiert und vor einigen Jahren noch mit Zeitzeugen gesprochen. Streibl erzählt, wie es zur einwöchigen Machtübernahme kam.

Nach der Ermordung des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 wurde am 7. April die kommunistische Räterepublik in München ausgerufen. Deshalb wollten zwölf ehemalige russische Kriegsgefangene, die in Mühldorf waren, am 23. April mit der Eisenbahn nach München fahren. Ihr Ziel: die Kommunisten in München unterstützen, so Streibl. Allerdings bekam die Mühldorfer Polizei Wind davon und befahl den Dorfener Kollegen, die Revolutionäre im Zug festzunehmen. Elf wurden geschnappt – mindestens einer floh nach München. „Dort berichtete er von der bösen Polizei in Dorfen“, erzählt Streibl.

Deshalb wurde noch am selben Tag eine Abteilung der Roten Armee mit der Bahn nach Dorfen geschickt. Streibl zitiert aus einem Artikel in der Dorfener Zeitung: „Zwecks Ausrufung der Räterepublik kamen in der Nacht vom 24. April eine größere Anzahl von stark bewaffneten Rotgardisten von München mit dem Extrazug nach Dorfen.“ Um 1 Uhr nachts waren die Rotgardisten da: „Sie verhafteten die Dorfener Polizisten und entwaffneten die Dorfener Einwohnerwehr.“ Gegen 3 Uhr früh rissen sie die Familie Zauner aus dem Schlaf. Sie führte eine Druckerei am Johannisplatz und sollte Flugblätter für die Kommunisten drucken. Streibl: „Die Frau des Druckereibesitzers, Karolina Zauner, regte sich dabei so auf, dass sie sich ein unheilbares Nervenleiden zuzog.“ Er ergänzt: „Die hat so einen Schock bekommen, weil die Rotarmisten mit vorgehaltener Waffe gedroht haben.“

Am nächsten Morgen beriefen die Kommunisten eine Volksversammlung ein: „Dabei wurden der bisherige Bürgermeister Wilm und der Sparkassendirektor abgesetzt und ein provisorischer Volksrat eingesetzt“, so Streibl. Danach zogen die Münchner Rotarmisten ab und rund 20 Dorfener Revolutionäre übernahmen das Ruder. „Darunter waren Handwerksgesellen, Arbeiter, aber auch ein Arzt“, sagt Streibl. Vor allem Männer, denn: „Frauen hatten damals noch nicht viel zu sagen.“

Zeitzeugen berichteten Streibl, dass dieser Volksrat ständig tagte und Beschlüsse fasste, aber nicht viel bewirkte. Die Revolutionäre forderten zum Beispiel, dass die Dorfener ihre Waffen abgeben sollten, sagt Streibl. Und: „Immerhin schloss sich Dorfen mit einem Beschluss des Volksrates der Münchener Räterepublik an.“

Am 1. Mai war der ganze Spuk vorbei: Ein Zug mit Gegenrevolutionären kam ins benachbarte Wasentegernbach – von dort feuerte eine Feldkanone (Kaliber 7,5 Zentimeter) vier Schuss nach Dorfen ab, die nahe der Niedermühle (Löffl-Holzner) und der Obermühle (Erber) einschlugen. Die Folge: „Eine Augenzeugin hat mir berichtet, dass danach in Dorfen überall Armbinden und Waffen herumlagen, die Revolutionäre sind nach Hause gegangen.“ Eine Patronenhülse nahm Josef Strasser aus Wasentegernbach mit nach Hause. Später überließ sein Neffe Franz Strasser diese dem Heimatmuseum Dorfen als Leihgabe.

So ging es nach der kommunistischen Woche weiter: Nur der „Herr Badereibesitzer Anton Stapfner“, den die Revolutionäre als Bürgermeister eingesetzt hatten, blieb im Amt. Den Dorfener Revolutionären wurde der Prozess gemacht, nicht wegen ihrer Gesinnung als Kommunisten, so Streibl, sondern „weil sie illegal die Macht übernommen und die Sparkasse beschlagnahmt hatten“. Aber sie kamen mit milden Strafen davon, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Heute erinnert ein Gedenkstein an diese Ereignisse. Er wurde 1929 auf dem Oberfeld errichtet.

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