Die erste Hemadlenzn-Puppe wurde 1952 verbrannt.

Neues zur Tradition

Der erste Hemadlenz brannte 1952

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Das Verbrennen der Strohpuppe zum Ende des Hemadlenzn-Umzugs gilt als Symbol der Winteraustreibung. Doch das Abfackeln des strohernen Lenzn ist gar keine so uralte Tradition.

Dorfen– Es ranken sich viele Geschichten und Gerüchte um die Entstehung und die Hintergründe des Hemadlenzn-Treibens in Dorfen. Das Verbrennen der beim Umzug mitgeführten Strohpuppe gilt bei vielen Dorfenern als uralte Tradition. Symbolisch soll damit der Winter ausgetrieben werden. Doch das scheint ein Trugschluss zu sein. Günter Janocha, der sich seit vielen Jahren mit dem Dorfener Fasching beschäftigt und alles zu dem Thema sammelt, was er finden kann, ist auf einen Zeitungsbericht und ein Foto gestoßen, wonach die erste Hemadlenzn-Verbrennung erst 1952 war. Der langjährige und legendäre KG-Präsident Franz Anneser soll die Verbrennung damals „eingeführt“ haben, um den Hemadlenzn-Umzug wieder attraktiver zu machen. Und 1952 waren erstmals als auch Frauen beim Umzug zugelassen. Vorher durften nur Männer mitgehen.

Erster Umzug war 1891

Dorfener Faschingsgeschichte als Hobby: Günter Janocha.

Aus einem anderen Zeitungsartikel von 1951 lässt sich schließen, dass der erste Hemadlenzn-Umzug 1891 war. In dem Bericht heißt es jedenfalls, dass der Umzug erstmals vor 60 Jahren stattgefunden hat. Etwa 30 Männer sind damals laut dem Bericht dabei gewesen. Und, das währe eine Sensation: Der Hintergrund des ersten Hemadlenzn-Umzugs war möglicherweise gar nicht das Winteraustreiben. Diesen Schluss lässt eine Aussage des Dorfener Friseurmeisters Karl Haberland zu. Haberland führte 2007 mit dem Dorfener Heimatforscher Franz Streibl ein Gespräch über die Dorfener Hemadlenzn, das von Streibl auch protokoliert wurde. Haberland erzählte dabei von Überlieferungen, wonach der Hemadlenzn-Brauch nicht wegen des Winteraustreibens begonnen wurde. Vielmehr gehe die Faschingsgaudi auf eine Idee des Dorfener Seilermeisters Lorenz Hammerschmid zurück. Dieser sei als Handwerkergeselle weit herumgekommen und habe unter anderem im Rheinland den Karneval erlebt. Beeindruckt vom Umsatz, den die Geschäfte dort machten, habe Hammerschmid, zurück in Dorfen, das Hemadlenzn-Treiben ins Leben gerufen, um Dorfen wirtschaftlich anzukurbeln. Das Nachthemd als Verkleidung sei nur deshalb gewählt worden, weil jeder so ein Stück zuhause habe, und daher für den Umzug nicht extra ein Gewand gekauft werden musste. Mit Beginn des ersten Weltkrieges hörte sich die Faschingsgaudi auf. Lorenz Hammerschmid, Xaver Kiermaier, Rudi Zelger und Goggi Thalmeier waren es, die nach dem Krieg wieder als erstes als Hemadlenzn durch Dorfen zogen.

Janocha hat durch die Unterstützung von Streibl, KG-Ehrenpräsident Reinhold Kuliga und Otto Schmid, der ein großes Fotoarchiv mit alten Dorfener Aufnahmen hat, in den vergangenen Jahren schon mehrere, nicht bekannte Fakten zum Hemadlenzn-Treiben in Dorfen gefunden. So konnte er nachweisen, dass es in den Jahren vor 1900 auch ein „Treiben der Schneegänse“ gegeben hat. Gekleidet waren die Umzugsteilnehmer mit langem Hemd, enger Unterhose und weißer Papiermütze mit rotem Papierschnabel – weitgehend schon die „Dienstkleidung“ der Hemadlenzn.

Alkohol war schon immer ein Problem

Und auch dem übermäßigen Zuspruch des Alkohols haben Hemadlenzn schon früher gedröhnt. „Die Hemadlenzn haben am Unsinnigen Donnerstag die Aufgabe, den Prinzen zu wecken. Um 10 Uhr beginnt der Weckruf und um 12 Uhr sind sie meistens alle blau, aber nicht von der Kälte“, heißt es in einem alten Beitrag „Unsinniger Donnerstag – Hochfest der Dorfener Narretei“ im Veranstaltungskalender der Dorfener Karnevalsgesellschaft, den Janocha gefunden hat.

Wegen der Sauferei wurde von der Karnevalsgesellschaft 1951 dann sogar ein eigenes Statut verfasst. „Ausschreitungen der letzten Jahre haben es notwendig gemacht, folgendes Statut aufzustellen“, heißt es in der Begründung der Festsetzungen. Aufgeführt ist, dass an der Spitze der Hemadlenzn „der von der Karnevalsgesellschaft gewählte Oberhemadlenz steht, der für die ordnungsgemäße Durchführung und die Erhaltung des schönen Brauchtums verantwortlich ist“. Ihm helfen „ausgewählte, bewährte Maschkara“. Ein Punkt ist der Jugend gewidmet: „Jugendliche unter 18 Jahren sind prinzipiell vom Umzug ausgeschlossen, können sich jedoch als ,Hemadlenznanwärter‘ beteiligen, wenn sie sich besonderen Anordnungen unterwerfen.“

Alte Dokumente gesucht

Günter Janocha ist weiter auf der Suche nach alten Dokumenten unter Unterlagen, die mit dem Thema Dorfener Fasching zu tun haben. Wer Zeitungsberichte, Fotos oder auch alte Faschingsorden oder sonstige Relikte hat, kann sich bei Janoacha unter Tel. (01 77) 5 45 83 35 oder per E-Mail an gifti62@gmx.de melden.

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