Leonhard F. Seidl ist Schriftsteller. Er ist in Isen aufgewachsen und lebt in Franken.

Gastkommentar

Dem Fremdenhass entgegenstellen

Schriftstelller Leonhard F. Seidl, ein gebürtiger Isener, hat sich in einem Gastkommentar für den Dorfener Anzeiger Gedanken gemacht zu Fremdenhass und Nächstenliebe.

Glücklicherweise gibt es noch Menschen, die sich dem Fremdenhass entgegenstellen

Können Sie sich noch daran erinnern, welche Träume Sie mit 20 Jahren hatten? Wollten Sie eine Familie gründen? Wollten Sie ins Ausland, um vor dem Studium die Welt kennenzulernen?

Mit 20 Jahren habe ich den ersten Menschen verloren, der mir nahe stand. Kurz vor Erding prallte sie auf der B 388 gegen einen Baum und das Auto brannte komplett aus. Sie war meine Freundin gewesen. Bis heute frage ich mich, was sie für Träume gehabt hat und wie ich ihren Tod hätte verhindern können.

Was hatte wohl der 20 Jahre junge Mann aus dem Senegal für Träume, als er sich aus Westafrika auf dem Weg nach Deutschland gemacht hat? Hat er ebenfalls davon geträumt, eine Familie zu gründen? Oder hat er „nur“ davon geträumt, seine Familie mit dem Geld, das er verdient, ernähren zu können? Den Senegal kenne ich nicht. Aber das Nachbarland Gambia. Dort habe ich mehrfach miterlebt, wie sich deutsche Frauen und Männer junge gambianische Männer gekauft haben: Um Sex mit ihnen zu haben.

Was muss der in Dorfen gestorbene junge Mann im Laufe seines Lebens bereits durchgemacht haben? Überquerte er auf seiner Flucht das Mittelmeer zwischen Leichen, toten Frauen und Kindern? Musste er sich prostituieren, um sein Geld für die Schlepper zu bezahlen? Nach seinem Tod schrieben etliche in der Facebook-Gruppe Dorfen oder auch unter dem Artikel des Erdinger Anzeiger hämische und hetzerische Kommentare. Bis dato dachte ich, hierzulande sei es üblich, selbst entfernten Bekannten beim Verlust eines Angehörigen oder Freundes zu kondolieren? Was ist mit den Menschen geschehen, dass sie nicht einmal angesichts eines getöteten Menschen Humanität bewahren?

Natürlich verstehe ich, nicht zuletzt als Vater von zwei Kindern, wenn Eltern um ihre Kinder besorgt sind. Hätte ein deutscher Nachbar einen jungen Mann erstochen, würde Conny D. dann schreiben: „Na toll.... Und unsere Jugendlichen müssen dort mit dem Fahrrad vorbei um nach Dorfen zu kommen.... Da hat man echt Angst... mittlerweile kann ich wieder alles fahren, die Selbstständigkeit, die man vorher aufgebaut hat, muss wieder zurück geschraubt werden...“?

Vermutlich hätte sie der Frau des Nachbarn ihr Beileid ausgedrückt und Hilfe angeboten. Wäre es nach dem Tod eines Menschen nicht naheliegend, nach dem „Warum“ zu fragen? Und damit etwas an den Ursachen zu ändern. Meinetwegen auch um die eigenen Kinder zu schützen. Hatte der Täter psychische Probleme? Kam er mit den beengten Wohnverhältnissen nicht klar? Fühlte er sich bedroht? Belastete ihn die drohende Abschiebung und die damit verbundenen Konsequenzen in seinem Herkunftsland? Bereitete ihm die Langeweile Probleme? Stattdessen schreibt Andrea N.: „Aber man sieht das die keine scheu vom Töten haben hätte ein Bürger von uns auch sein können ! Na servus stechen einfach so zu.“

Jene, die pauschal über die Geflüchteten und deren primitive Kultur abwertend urteilen, zeigen, dass sie weitaus primitiver sind, als die, über die sie sich stellen. Nicht nur dadurch, dass sie nach dem Tod eines 20-jährigen Mannes gruppenbezogen menschenfeindliche Aussagen machen und keinerlei Mitgefühl zeigen. Wären sie intelligent, wüssten sie: Ablehnung macht Menschen aggressiv. Soziale Kontakte sind ein menschliches Grundbedürfnis. Ebenso wie Sicherheit.

Geflüchtete werden dieser Tage von einigen entmenschlicht, als Parasiten und Wilde dargestellt. Die Hetzer werden durch einige Politiker geradewegs dazu ermutigt, indem sie unter anderem Schussbefehle an den Grenzen fordern. Aber auch dadurch, dass mantraartig eine Anpassung an „unsere Kultur“ gefordert wird.

Glücklicherweise gibt es da noch Menschen wie die Ehrenamtlichen der Dorfener Flüchtlingshilfe, Sozialpädagogen und Psychologen, die häufig bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gehen, um den Geflüchteten das Ankommen zu erleichtern. Damit stellen sie sich dem Hass entgegen. Genau wie die unzähligen couragierten Menschen, die sich im Netz dafür als „Gutmenschen“ beschimpfen lassen müssen.

Abschließend möchte ich dem Toni H. aus Dorfen antworten, der auf Facebook geschrieben hat: „In Anbetracht das dieses Jahr weitere 1 mio kulturfremde Migranten erwartet werden kann ich nur noch sagen - passt auf euch auf in diesen gefährlichen neuen Zeiten.“ In Anbetracht Ihrer Reaktion auf den Tod eines 20-jährigen Menschen bin ich froh, dass so viele kulturfremde Menschen unsere Gesellschaft bereichern.

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