Zornige Worte musste sich Bürgermeister Heinz Grundner am Freitagvormittag bei der Aussprache mit Betroffenen des Hochwassers anhören. Sie sind verzweifelt.
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Zornige Worte musste sich Bürgermeister Heinz Grundner am Freitagvormittag bei der Aussprache mit Betroffenen des Hochwassers anhören. Sie sind verzweifelt.

Bewohner der Siedlung Am Seebach verzweifelt – Stadt Dorfen richtet Koordinierungsstelle ein

Oberdorfen: Hochwasseropfer fühlen sich allein gelassen

Oberdorfen - Die Nerven liegen blank in Oberdorfen. Die vom Hochwasser stark betroffenen Bewohner der Siedlung am Seebach fordern die Stadt zum Handeln auf.

Nach der Überschwemmung der Siedlung Am Seebach in Oberdorfen fühlen sich die Anwohner alleine gelassen. Bürgermeister Heinz Grundner stellte sich am Freitagvormittag den Fragen der Betroffenen – einige Opfer der Hochwasserkatastrophe reagierten bei dem Treffen hochemotional.

„Wir müssen obacht geben, dass die Situation nicht entgleist“, meint Franz Wunschik, der selbst ein Haus in der Siedlung hat. Bürgermeister Grundner und Landrat Martin Bayerstorfer waren zwar am Tag nach der Evakuierung vor Ort. Dabei hätten die Betroffenen „salbungsvolle Worte“ gehört, so Wunschik, doch seitens der Stadt sei nichts passiert. „Es geht hier nicht um Wut und Zorn – die Menschen haben Angst und sind verzweifelt“, erklärt der ehemalige Polizeibeamte im Gespräch mit der Heimatzeitung.

„Uns ist außerdem bewusst geworden, dass so was wieder passieren kann“, sagt Wunschik. Der über die Ufer tretende Seebach, ein kleiner, unscheinbarer Graben, der die landwirtschaftliche Fläche zwischen Oberdorfen und Landersdorf entwässert, hatte die Flutwelle verursacht. Die Bürger in der Siedlung wurden davon überrascht. Das Wasser schoss bis zu einem halben Meter hoch durch die Straßen und überflutete die Häuser – es riss mit sich, was es zu fassen bekam. Die Bewohner mussten evakuiert werden.

Am Donnerstag seien Gutachter da gewesen, berichtet Wunschik. „Sehr viele Häuser müssen kernsaniert werden“, lautet die ernüchternde Bilanz. Er selbst hatte Glück, nur der Keller seines Hauses wurde überschwemmt. Doch alle, bei denen das Wasser auch ins Erdgeschoss drang, stehen jetzt ohne Obdach da. Sie können ihre Häuser nicht mehr beziehen, nicht zuletzt, weil auch Güllebakterien im Wasser waren. „Alle Böden müssen raus, der Putz runter – alles muss erneuert werden“, beschreibt Wunschik die anstehenden Sanierungsarbeiten.

Eine Seenplatte hatte sich am Montag in kürzester Zeit rund um die Siedlung Am Seebach in Oberdorfen gebildet.

Er erzählt von einer verzweifelten Mutter, die nicht wisse wo sie aktuell hin könne, ihr Mann sei Gastronom und müsse das Restaurant öffnen – erst habe die Familie die Pandemie gebeutelt, nun das Hochwasser. Eine andere Familie sei erst am vergangenen Wochenende eingezogen. Noch nicht fertig eingerichtet, müssten sie das Haus gleich wieder verlassen.

„Wir brauchen dringend Ersatzunterkünfte“, erklärt Anwohner Jochen Flinner, Umweltbeauftragter am Flughafen München. Er wendet sich an alle privaten Vermieter, die derzeit leer stehende Wohnungen haben, und bittet sie, sich bei der Stadt zu melden. Auch haben die Anwohner mit Stefan Zimmer einen Siedlungssprecher ernannt, erzählt er.

Flinners Haus, das am Ende der Siedlung liegt, wurde verschont, das Wasser lief nur in den Garten, sagt er. Hätte es allerdings weitergeregnet, wäre es auch bei ihm möglicherweise zur Katastrophe gekommen. Schließlich wurden in der Nacht von Sonntag auf Montag mehr als 50 Liter pro Quadratmeter im Landkreis gemessen.

Bereits am Tag der Flut war Dorfens Bürgermeister Heinz Grundner (l.) in Oberdorfen vor Ort, hier mit Kreisbrandinspektor Richard Obermaier.

Auch Grundner will die Bevölkerung aufrufen, Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Ebenso werde er schauen, ob kommunaler Wohnraum für die Flutopfer zur Verfügung stehe – schwierig in Anbetracht der Wohnungsknappheit im Speckgürtel von München.

Die Anspannung der Anwohner verstehe er nur zu gut, sagt der Dorfener Bürgermeister. Er verspricht ihnen die Schaffung einer Koordinierungsstelle im Rathaus. „Es geht jetzt erst mal um die elementaren Dinge, die man regeln muss“, erklärte Grundner.

„Es muss aber bald was passieren“, fordert Wunschik, der voll des Lobes für die Einsatzkräfte der Feuerwehr am Katastrophentag ist. Auch findet er Worte des Dankes für die Stadtwerke und alle anderen Helfer. „Es ist schon einiges gut gelaufen“, sagt Wunschik, der während seiner 44-jährigen Polizeikarriere schon so manche Chaos-Situation erlebt hat. Auch die Kramerei am Kreisel erwähnt er, die die Anwohner seit Tagen mit Leberkäs- und Schnitzelsemmeln, süßem Gebäck und auch Getränken versorge. „Eine super Geste“, bedankt sich Anwohnerin Barbara Glas ebenfalls.

Jetzt steht natürlich noch die Frage im Raum: Können solche Hochwasserkatastrophen künftig verhindert werden? Das mache große Angst, sagen die Anwohner. MICHAELE HESKE

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