Zwangsarbeiter in der Ziegelei: Josef Baliki war 16, als sein Ausweis ausgestellt wurde.
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Zwangsarbeiter in der Ziegelei: Josef Baliki war 16, als sein Ausweis ausgestellt wurde.

Tag der Befreiung 8. Mai 1945: Zeitzeugen berichten

Hundertfaches Leid in Dorfen: Zwangsarbeiter schufteten bei Meindl

Der Krieg hat viele Gesichter, allesamt sind sie grausam und menschenverachtend: Auch im Landkreis zeigte er seine schreckliche Fratze. Zwischen 1939 und 1945 waren etliche Zwangsarbeiter aus dem Ausland in den Landkreis gekommen. Viele von ihnen mussten in der ehemaligen Ziegelei Meindl in Dorfen arbeiten.

VON MICHAELE HESKE

Dorfen - Dem Zweiten Weltkrieg und der Zwangsarbeit gedenkt das Aktionsbündnis „Gesicht für Gesicht“ des Erdinger Historikers Giulio Salvati am heutigen 8. Mai, dem Tag des Kriegsendes und der Befreiung durch die Amerikaner.

„An der Birkenallee, da war das Russenlager, hier lebten Kriegsgefangene“, erinnert sich der Dorfener Jakob Lutz, heute 88 Jahre alt. „Ich habe Brot gegen Holzspielzeug getauscht.“ Der Zeitzeuge besitzt noch heute drei Holzflugzeuge aus Kriegstagen.

Auch die 91-jährige Maria Baumgartner, die damals in der Nähe des Dorfener Bahnhofs wohnte, erinnert sich an die russischen Zwangsarbeiter: „Sie standen hungrig vor dem Fenster. Wir hatten selbst nicht viel, aber ich brachte ihnen Kartoffeln runter oder kochte Tee. Ich sehe immer noch den Gesichtsausdruck der Männer vor mir.“

Das Gros der Zwangsarbeiter arbeitete bei der ehemaligen Ziegelfabrik Meindl, andere mussten den Bauern in der Umgebung helfen. „Die Franzosen waren sehr nett“, weiß Baumgartner zu berichten. Sie hätten sie unterstützt, als sie selbst auf dem Feld als Erntehelferin aushelfen musste: „Die wussten, dass ich noch ein Kind und die Arbeit schwer war.“

In der ehemaligen Ziegelei Meindl mussten sich im Zweiten Weltkrieg viele Zwangsarbeiter schinden.

Zwangsarbeit war ein unerlässlicher Faktor für die deutsche Kriegswirtschaft. Bis 1941 waren es einige hundert französische Kriegsgefangene und belgische Vertragsarbeiter im Landkreis. Von 1942 an kamen immer mehr Menschen aus Osteuropa, „ganze Dörfer und Familien mit Kleinkindern“, so der Erdinger Historiker Salvati. Insgesamt 8000, die Hälfte davon sowjetische und polnische Zwangsarbeiter, die in der NS-Rassenskala als „Untermenschen“ galten.

Die genaue Zahl der Zwangsarbeiter in Dorfen sei nicht bekannt, sagt Lokalhistoriker Schorsch Wiesmaier von der Dorfener Geschichtswerkstatt. „Es müssen aber Hunderte gewesen sein.“ In Archiven forschte der pensionierte Lehrer nach Namen. Und wurde fündig: Etwa Andreas Balcer aus dem polnischen Gorsupia, Heinrich Czyde aus Leszno oder Budaj Kasimier aus Krakau sowie Josef Baliki, ebenfalls in Krakau geboren, bei Kriegsende gerade einmal 18 Jahre alt, um nur einige wenige namentlich zu nennen.

Genau diesen Zwangsarbeitern möchte der 31-jährige Salvati nun ein Gesicht. geben und Verantwortung für die vergessenen Opfer übernehmen. „76 Jahre nach Kriegsende existiert im Landkreis kein Ort, um an die angeworbenen und oftmals verschleppten Menschen zu erinnern, die im Landkreis Zwangsarbeit leisten mussten.“

Am heutigen Samstag, dem Jahrestag der Befreiung vom Nationsozialismus, beginnt um 11 Uhr eine öffentliche Kundgebung am Erdinger Schrannenplatz. Auch Wiesmaier spricht dabei. Er wird die Geschichte von einem polnischen Zwangsarbeiter erzählen, der im Wäldchen nahe der Fürmetz-Kapelle hingerichtet wurde: „Der Galgen wurde im Fürstholz aufgebaut. Der Werkmeister von Meindl hatte den Auftrag bekommen, sämtliche Polen, die in der Ziegelei arbeiteten, zu dem Wald zu bringen. Diese warteten in einiger Entfernung, bis ihr Kollege erhängt war“, fasst Wiesmaier zusammen.

Der Mann habe vorher bei einem Bauer in Eitting gearbeitet, er wurde von diesem eines Sittlichkeitsverbrechens an der Tochter beschuldigt und später auf dem Dorfener Friedhof beerdigt.

Doch auch echte Liebe war zu NS-Zeiten ein Verbrechen: Eine Dorfenerin verliebte sich in einen französischen Zwangsarbeiter, wurde von diesem schwanger. Maria Baumgartner erinnert sich noch genau an das verstörende Szenarium im Jahr 1941. Denn die Schwangere wurde durch die Innenstadt getrieben und bespuckt – die Haare geschoren, ein Täfelchen hing ihr um den Hals: „Ich glaube, Hure stand drauf“, meint sie. Anneliese Jung (89) ergänzt: „Unser Vater erlaubte uns nicht, an diesem Tag in die Stadt zu gehen. Gehört haben wir das Geschrei aber schon“, so die Dorfenerin.

Ein weiterer Zwangsarbeiter in der Ziegelei: Kasimier Budaj war damals 19 Jahre alt.

Was aus dem Franzosen wurde, sei nicht bekannt,sagt Wiesmaier. Eineinhalb Jahre Gefängnis in Haag kamen auf die Frau zu. „Wäre der Vater ihres Kindes ein Pole gewesen, hätte sie zur Strafe ins KZ müssen.“

In der Nacht auf den 2. Mai 1945 war Dorfen einem amerikanischen Artilleriebeschuss ausgesetzt. Morgens zog die US-Army schließlich ein. Dabei glichen die Dorfener Straßen und Plätze Augenzeugenberichten zufolge einem Meer weißer Fahnen.

Schließlich trieb die Besatzungseinheit gefangen genommene deutsche Soldaten zunächst im Bachmayer-Garten an der Schäfflergasse zusammen, aber auch auf der Wiese unterhalb der Jahnstraße, auf dem Areal des heutigen Kinderhauses „Unterm Regenbogen“.

„Hauptsache, wir waren befreit“, sagt Baumgartner, die sich noch genau an das Bombardement kurz vor Kriegsende am Bahnhof erinnert: „Wir haben gezittert und uns aneinander gedrängt“, erzählt sie.

Auch die Kriegsgefangenen wurden befreit. Gleich nach der Freilassung brachten die Zwangsarbeiter einen Bauern in Pemberg um. „Der muss sie sehr schlecht behandelt haben, hieß es“, auch daran erinnert sich Baumgartner.

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