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Ihr Herz schlägt für Benachteiligte

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Von: Alexandra Anderka

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Als Generaloberin wirkte Schwester Annunciata in Au am Inn, dem Stammhaus der Franziskanerinnen.
Als Generaloberin wirkte Schwester Annunciata in Au am Inn, dem Stammhaus der Franziskanerinnen. © Privat

Für Kinder, Menschen in Armut und Benachteiligte setzt sich Schwester Annunciata aus dem Franziskanerinnen-Kloster Armstorf ein. Geboren ist die 79-Jährige als Irmengard Unterreiner in Freilassing.

Armstorf – Schon beim Eintritt ins Kloster vor fast 60 Jahren ist Schwester Annunciata klar: „Das ist der Ort meines Lebens.“ Seit 2002 wohnt die 79-Jährige mit sechs Schwestern im Kloster der Franziskanerinnen in Armstorf. Die Leitung des Bildungshauses hat sie vor fünf Jahren, als sie schwer erkrankte, abgegeben. Hausoberin für den kirchlichen Bereich und die Schwestern ist sie immer noch.

Stets mit einem Lächeln im Gesicht ist sie auf den Gängen des weitläufigen Klosters unterwegs, jede Schwester oder Angestellte wird mit einem Gruß oder einer Frage nach dem Wohlbefinden bedacht. Sie ist eine emphatische Oberin mit Herz, Einfühlungsvermögen und Fürsorge für die anderen Schwestern. Das hatte sie sich vor vielen Jahren einmal fest vorgenommen, als sie selbst in einer Notlage war.

Aber zunächst zu ihrer Kindheit: Schwester Annunciata wird als Irmengard Unterreiner am 22. Januar 1942 in Surheim bei Freilassing geboren. Sie hat noch zwei Brüder. Die Mutter ist Damenschneider-Meisterin und schlägt sich bis 1949 alleine mit ihren drei Kindern durch, der Vater ist in russischer Gefangenschaft und kehrt erst spät zurück. „Ich hab’ mich so vor diesem fremden Mann mit dunklem Bart gefürchtet, der da plötzlich in unserer Tür stand und nicht mehr gegangen ist“, erinnert sich die 79-Jährige noch heute. Doch der Vater ist einfühlsam. Er bemerkt die Vorbehalte der Tochter und lässt ihr eines Sonntags nach dem Kirchgang seine Nackenhaare zu Zöpfchen flechten. Da klopft es plötzlich an der Tür, ein eilig aufgesetzter Hut kann die Verwunderung des Gastes auch nicht schmälern. Der Vater schmunzelt und meint: „Wissen Sie, am Sonntag macht mir die Irmengard immer eine besondere Frisur.“ Da war das Eis geschmolzen. Der Vater ist anfangs bei der Straßenmeisterei beschäftigt, arbeitet sich dann in der Gemeindeverwaltung hoch.

Die kleine Irmengard besucht zunächst die Volksschule in Surheim und wechselt dann an die Mädchenrealschule nach Freilassing. Im Anschluss an die Haushaltsschule absolviert sie bei den Armen Schulschwestern in der Au in München die Ausbildung zur Kindergärtnerin. Zu dieser Zeit kommt der Film „Die Geschichte einer Nonne“ mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle in die Kinos. Die Schwestern sagen ihr, sie solle den Film nicht anschauen. Irmengard geht gleich zwei Mal in München ins Kino und ist trotz des bedrückenden Endes angetan. Außerdem liest die junge Frau gerne Missionsblätter. Sie interessiert sich für die Arbeit der Schwestern in Afrika – und ihr Entschluss steht bald fest: „Ich möchte auch Ordensschwester werden und nach Afrika gehen.“

Irmengard ist damals viel mit jungen Menschen befreundet. Doch sie möchte raus, möchte etwas lernen, und sie möchte für andere da sein. Sie liest viel in der Bibel, obwohl sie die Heilige Schrift immer versteckt habe, um nicht „frömmelnd“ zu erscheinen. „Jesus hat mich fasziniert, vor allem seine Begegnungen mit Menschen am Rande der Gesellschaft.“ So ist es für die junge Frau klar, dass sie in die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen eintritt, die diesen Leitsatz verfolgt.

Die Eltern sind nicht begeistert vom Entschluss ihrer einzigen Tochter. Doch irgendwann versöhnen sie sich mit dem Gedanken. Im Jahr 1962 feiert Irmengard Unterreiner ihre Einkleidung. Stolz und glücklich sieht sie auf den Bildern aus. Sie wirkt wie eine Braut, ganz in Weiß in bodenlangem Gewand, mit Schleier und einem Strauß weißer Rosen. „Für diesen Tag habe ich mir eigens weiße Pumps mit Absatz gekauft“, erzählt die 79-Jährige lachend, „eigentlich eine Verschwendung“, meint sie, „aber das wollte ich damals unbedingt, ich wollte schön sein an meinem Ehrentag“.

Auch später genießt es die Ordensschwester, die ab jetzt Sr. Annunciata heißt, wenn sie in ihrer Freizeit „inkognito“ – in ziviler Kleidung – unterwegs ist. „Ich habe mich gerne gut angezogen, meine Mutter war Damenschneiderin, da habe ich wohl etwas von ihr geerbt.“ Bei den Franziskanerinnen ist es erlaubt, die Ordenstracht in der Freizeit abzulegen.

Sr. Annunciata wird dem Stammsitz im Kloster Au am Inn zugeteilt, ein Franziskushaus mit Kindergarten, Realschule und Internat. Neben ihrem Beruf als Kindergärtnerin unterrichtet sie an der Realschule Stenographie und Maschinenschreiben, wofür sie vorher eine Ausbildung am Maximilianeum in München absolviert hat.

Glücklich und schön wie eine Braut: Schwester Annunciata mit ihren Eltern im Jahr 1962 am Tag der Einkleidung und dem Eintritt ins Kloster.
Glücklich und schön wie eine Braut: Schwester Annunciata mit ihren Eltern im Jahr 1962 am Tag der Einkleidung und dem Eintritt ins Kloster. © Privat

Nach einem Jahr folgt das Gelübde auf drei Jahre, dann die ewige Profess. Ein Schritt, den sie nie bereuen wird, obwohl es mit Afrika nichts wird. Doch es öffnen sich neue Tore. Nur ein Jahr nach der Einkleidung, es ist kurz vor Weihnachten 1963, wird ihre geliebte Mutter schwer krank. Sie liegt mit Gelbsucht im Krankenhaus in Bad Reichenhall. Es ist Winter und die Reise von Au dorthin beschwerlich. Die damalige Generaloberin war „eine Frau, die vom Herzen gespürt und gehandelt hat“, ist Sr. Annunciata heute noch dankbar. Sie ermöglicht der jungen Schwester alles, damit sich diese von ihrer Mutter verabschieden kann. An Heiligabend geht sie für immer, sie wird nur 59 Jahre alt. „Das war das einzige Mal, wo ich einen inneren Kampf ausgefochten habe, ob ich im Kloster bleiben oder zu meinem Vater und meinen Brüdern zurückkehren soll“, sagt sie.

Der Vater hilft ihr bei der Entscheidung. „Geh du deinen Weg“, habe er zu ihr gesagt. Er nimmt den Ehering vom Finger der Mutter und steckt ihn seiner Tochter an mit den Worten: „Sei so treu, wie deine Mutter es immer war.“ Sie geht zurück ins Kloster, den Ring trägt sie noch heute. Damals schwört sie sich: „Wenn ich einmal etwas zu sagen haben sollte, werde ich auch mit dem Herzen handeln.“

Und sie sollte etwas zu sagen bekommen. Doch zuvor folgt ein entscheidender Einschnitt in ihrem Leben: 1967, die junge Ordensschwester ist gerade 25 Jahre alt, wird sie von der Generaloberin gefragt, ob sie sich eine Stelle als Heimerzieherin in einem Kinderheim der Franziskanerinnen in St. Gilgen am Wolfgangsee vorstellen könne. Sie sagt kurzerhand zu. 20 Jahre wird sie Kinder aus sozial schwachen Familien, die ihr vom Jugendamt zugewiesen werden, begleiten, erziehen und aufziehen. „Es war eine unglaublich anstrengende, aber auch erfüllende Zeit. Ich konnte dort meine Muttergefühle ausleben.“ Sie spürt dort „das, was ich immer sein wollte“, und sie habe viele Facetten des Lebens kennengelernt. Einmal bekommt sie ein Baby ins Heim. „Das hat im Gitterbett neben mir im Zimmer geschlafen“, erzählt sie. Der Abschied, als die Siebenjährige zu Verwandten nach England kommt, bricht ihr fast das Herz. „Ich saß am Fenster und habe geweint.“ Aber die schönen Erinnerungen überwiegen, mit einigen ihrer Schützlingen hat sie noch heute Kontakt.

In St. Gilgen lernt sie auch Helmut Kohl, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und späterer Bundeskanzler, kennen. Es entwickelt sich eine langjährige Freundschaft. Das kam so: Gerne schlendert Schwester Annunciata mit den Kindern am Wolfgangsee entlang. Des öfteren begegnet ihr Helmut Kohl, der dort regelmäßig Urlaub macht. „Er hat immer freundlich gegrüßt, bis er mich mal gefragt hat: ,Schwester, wo wohnen Sie denn eigentlich?’“ Ab da besucht Helmut Kohl, immer wenn er in seinem Ferienhaus weilt, Schwester Annunciata und die Kinder im Heim. „Vor dem ersten Besuch haben seine Sicherheitsleute alles kontrolliert, haben mit Taschenlampen unter die Bänke in der Kapelle geleuchtet und alles umgedreht. Das war mir zu viel“, sagt die Oberin. „Wenn das bei jedem Besuch so einen Aufruhr gibt, können Sie uns leider nur einmal besuchen“, habe sie damals zu ihm gesagt.

So lässt sich Helmut Kohl künftig nur noch von seinem Chauffeur begleiten. Er liebt das einfache Essen im Heim: Brotsuppe, Kartoffeln und Obazdn, das sind seine Lieblingsgerichte. Schwester Annunciata genießt den Kontakt mit dem Bundeskanzler. Sie beschreibt ihn als offen, interessiert, höflich und sehr entgegenkommend – zweifelsohne sei er auch ein Machtmensch gewesen, was auf ihre Freundschaft aber keinen Einfluss gehabt habe.

Über Politik hätten sie sich nicht unterhalten, trotzdem habe er vor seiner letzten Kanzlerkandidatur ihren Rat eingeholt. Die Schwester und der Bundeskanzler bleiben über Jahrzehnte in engem Kontakt. Er hilft ihr bei ihren karitativen Projekten mit hilfreichen Kontakten, er schätzt ihre Loyalität und Diskretion. „Bei uns musste er sich nicht jedes Wort überlegen.“ Sie wird auf jeden runden Geburtstag und auch ins Kanzleramt eingeladen. Auf der Feier seines 80. Geburtstags trifft sie auch die künftige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Kontakt zu Kohl bricht erst ab, als die neue Frau Maike Richter in sein Leben tritt. „Sie wollte alle alten Kontakte abschirmen“, bedauert die 79-Jährige.

Verlässlicher Freund: Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl unterstützte Schwester Annunciata bei ihren Projekten.
Verlässlicher Freund: Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl unterstützte Schwester Annunciata bei ihren Projekten. © Privat

Doch sie hat mittlerweile neue Aufgaben: 1987 wird sie zur Generaloberin der Franziskanerinnen gewählt. Sie zieht an den Stammsitz ins Kloster Au am Inn zurück und übernimmt die Verantwortung für rund 100 Schwestern in allen Filialen und die dazugehörigen Mitarbeiter.

Es fällt ihr schwer, St. Gilgen zu verlassen. Zum Schluss leben noch acht Schwestern im Gut Aich. Zusammen mit diesen beschließt sie, das Kloster mit allen Ländereien zwei jungen Benediktinern zu schenken, die einen neuen Orden gründen wollen. 1994 zieht der neue Geist der jungen Patres ein. Sie machen aus dem Kloster ein Zentrum für europäische Klosterheilkunde. Eine Entscheidung, über die sich Schwester Annunciata noch heute freut.

Als Generaloberin ist sie auch für eine Filiale der Franziskanerinnen in Brasilien zuständig. Um sich ein Bild von deren Arbeit vor Ort zu machen, reist sie 1988 nach Pinda in der Nähe von Sao Paulo. Es wird der erste von mehr als 20 Besuchen. Als die Generaloberin die Kathedrale von Sao Paulo besichtigt, sieht sie einen Mann auf der Treppe, der offensichtlich im Sterben liegt. Keiner kümmert sich um ihn, er stirbt alleine, ohne ein Zuhause. Dieses Bild bewegt die Ordensschwester nachhaltig. Zusammen mit den Schwestern vor Ort, die bislang in der Fazenda Esperanza schwangere und drogenabhängige Frauen aufnehmen, baut sie ein Aids-Hospiz auf. Finanzielle Unterstützung bietet ihr Professor Walter Pils. Der österreichische Maler organisiert Ausstellungen und spendet den gesamten Verkaufserlös.

„Die Krankheit Aids war anfangs verpönt, sie wurde dem Drogen- und Homosexuellen-Milieu zugeschrieben. Oft wurden die Kranken von ihren Familien deshalb verstoßen“, sagt Sr. Annunciata.

Mutter von vielen Kindern: Als ihre „erfüllendste Zeit“ beschreibt Schwester Annunciata ihre Aufgabe als Heim-Erzieherin in St. Gilgen am Wolfgangsee.
Mutter von vielen Kindern: Als ihre „erfüllendste Zeit“ beschreibt Schwester Annunciata ihre Aufgabe als Heim-Erzieherin in St. Gilgen am Wolfgangsee. © Privat

Sehr berührende Szenen habe sie dort erlebt. So musste sie einer sterbenden Mutter versprechen, sich um ihre Kinder zu kümmern. Sehr traurig sei gewesen, dass viele Patienten keinen Besuch bekommen hätten. „Dieses Haus ist bis heute für mich eine Herzensangelegenheit“, versichert sie.

Ein weiteres Herzensprojekt hat sie in Armstorf verwirklicht: Dort steht seit 2013 eine Klause – ein Rückzugsort in die Stille der Einsamkeit. „Franz von Assisi hat seine Brüder auch in die Einsamkeit geschickt“, erklärt die Schwester ihre Intention. „Es ist sehr wichtig, immer wieder die eigenen Motivationen für unser Handeln zu hinterfragen“, weiß die Ordensschwester.

Das Jahr 2013 wird zu ihrem Schicksalsjahr: Eine Thrombose im Bein verursacht eine doppelseitige Lungenembolie, aus der eine doppelseitige Lungenentzündung resultiert. „Das hätte ich fast nicht mehr gepackt“, blickt die Schwester zurück. Vier Jahre später folgt eine Krebserkrankung, die mit einer Chemotherapie behandelt werden muss. „Am Schlimmsten war für mich, dass ich meine Haare verloren habe. Da war ich ganz Frau“, sagt sie frei heraus. Sr. Annunciata hat beide Krankheiten überstanden und meint über die kritischen Phasen: „Ich hatte immer meinen inneren Frieden.“ Sie sieht ihr „Leben in der Gesamtheit als Geschenk Gottes“, ist dafür glücklich und dankbar.

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