Von vielen ersehnt, von anderen gefürchtet: die Impfung gegen das Corona-Virus.
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Von vielen ersehnt, von anderen gefürchtet: die Impfung gegen das Corona-Virus.

Corona-Impfung

Hausärzte im Impf-Sturm

  • vonTimo Aichele
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Zweifel an Astrezeneca, Mangel an Biontech, Angst vor Corona: Beratungsbedarf in Arztpraxen ist riesig. Dr. Emil Rudolf und Dr. Markus Marschall berichten.

Dorfen – Erst war der Astrazeneca-Impfstoff nicht für Senioren freigegeben, zwischendrin sogar ganz gestoppt, dann sollten ihn nur noch Menschen ab 60 Jahren bekommen – und jetzt dürfen bayerische Hausärzte das Vakzin Patienten aller Altersgruppen spritzen. „Ein Katastrophenstart“, findet der Dorfener Allgemeinarzt Dr. Emil Rudolf. Nicht medizinisch – er empfiehlt absolut die Corona-Impfung auch mit Astrazeneca. Desaströs seien eher die Kommunikation der Entscheidungen und die „überzogene Darstellung in den Medien“ gewesen.

„Das zeigt aber, wie gut das deutsche Informations- und Sicherheitssystem funktioniert“, meint dagegen Dr. Markus Marschall zu diesem öffentlichen Hin und Her. Auch der Erdinger Lungenspezialist und Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands hält viel von Astrazeneca. die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission seien Ausdruck einer fundierten Abwägung. Das nun so umstrittene Astrazeneca-Präparat sei grundsätzlich ab 18 Jahren zugelassen.

Auch wenn der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek Astrazeneca nun für alle Altersguppen freigegeben hat, „geben wir es bevorzugt Leuten über 60“, sagt Rudolf angesichts der Debatte über Hirnvenen-Thrombosen. Diese Nebenwirkung sei sehr selten, so Marschall, aber bei jüngeren Patienten häufiger aufgetreten als gedacht. „Das Risiko ist gerade bei Männern sehr sehr gering“, so Marschall. „Ich persönlich würde es einer jüngeren Frau aber nicht geben“, erklärt der Mediziner.

„Das Beste ist ein-fach eine Impfung, über 60 egal welche.“ Dr. Emil Rudolf über die Abwägung der Risiken einer Covid-19-Erkrankung und Impf-Nebenwirkungen.

Unterm Strich sind sich Marschall und Rudolf einig. „Das Beste ist einfach eine Impfung – über 60 egal welche“, erklärt der Dorfener Allgemeinmediziner, der mit weiteren Kollegen das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am dortigen Krankenhaus betreibt.

Bisher habe sich nur ein Kollege grundsätzlich kritisch zu Corona-Impfungen geäußert, berichtet Marschall von der Stimmung im Kreisverband. Den hergestellten zeitlichen Zusammenhang von Todesfällen und Impfungen hält er aber für „fachlich nicht fundiert“.

Die Corona-Impfkampagne in den Arztpraxen läuft seit 1. April. Seitdem wurden auf diesem Weg laut Landratsamt im Landkreis 6847 Impfungen verabreicht, am Donnerstag waren es 361.

Am MVZ Dorfen gab es die von vielen ersehnten Nadelstiche schon vorher. Als Satellit des Impfzentrums Erding wurden am MVZ laut Rudolf rund 150 Corona-Impfungen pro Woche vorgenommen. Von solchen Zahlen können der Allgemeinmediziner und seine Kollegen derzeit aber nur träumen.

Diese Woche habe das Medizinische Versorgungszentrum Dorfen zwölf Dosen Biontech-Impfstoff bekommen und ebenso viele von Astrazeneca, berichtet Rudolf. Davor sei auch mal eine Lieferung von 50 Dosen Moderna dabei gewesen. „Die stark Gefährdeten haben wir aktiv angerufen.“ Außerdem seien ja ohnehin viele Patienten in der Praxis, da könne man dann auch jemanden direkt ansprechen. „Wir versuchen schon nach der Priorisierung zu impfen“, sagt Rudolf.

„Ich persönlich würde es einer jüngeren Frau nicht geben.“ Dr. Markus Marschall hält Astrazeneca für einen sicheren Impfstoff, empfiehlt ihn aber nicht für jeden Patienten.

Doch manchmal würden zum Beispiel auch kurzfristig Termine abgesagt. Dann rufe man eventuell jüngere Patienten an, die schnell vorbeikommen können. Oder das MVZ ruft per Facebook-Post dazu auf, sich spontan noch einen Termin zu sichern. Zuletzt gab es am Dienstag einen solchen Aufruf.

Im Herbst sei noch viel darüber diskutiert worden, ob MRNA-Impfstoffe wie der von Biontech Auswirkungen auf das Erbgut haben. Jetzt sei wiederum der Vektor-Impfstoff von Astrazeneca stark in der Kritik. „Das eine wie das andere ist falsch“, erklärt der Dorfener Mediziner.

Die Folge: „Ich verbringe die Hälfte meiner Zeit damit, über Impfungen aufzuklären.“ Und das bei einer geringen Anzahl verfügbarer Impfdosen. Ob das für das MVZ wirtschaftlich ist, sei zweitrangig, meint Rudolf. „Wir haben da eine gesellschaftliche Aufgabe.“

Es sei „hoch bewundernswert“, so der MVZ-Chef, wie freundlich und professionell die Medizinischen Fachangestellten arbeiten. Sie stünden „vorne an der Infektionsfront“ und bekämen die zunehmend schlechte Laune der Patienten ab. „Eine Jahr diese Situation, das nagt an jedem. Diese Anspannung schlägt dann bei uns auf.“

„Das größte Manko ist: Wir wissen am Montag nicht, wie viel Impfstoff wir am Dienstag bekommen“, erklärt der Allgemeinarzt. Das sei der allgemeinen Impfstoffknappheit geschuldet und nicht einer zu großen Bürokratisierung, ist Rudolf überzeugt. Vor allem aber hoffe er, dass bald die Impfung für Kinder und Jugendliche kommt. Doch die Impfkampagne wird insgesamt an Schwung gewinnen, ist Marschall überzeugt. Er weiß: „Nächste Woche kommt deutlich mehr Impfstoff, und zwar Biontech.“

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