1. Startseite
  2. Lokales
  3. Erding
  4. Dorfen

In Isen den Holocaust überlebt: Hilde Grünberg erzählt ihre Geschichte auf der Kinoleinwand

Erstellt:

Kommentare

Noch heute wichtig ist die Botschaft des Films. Darin waren sich die Besucher im s’Kino im Jakobmayer einig. Unter ihnen waren Ulli Frank-Mayer (l.), Michaela Meister und Doris Minet (5. u. 6. v. l.) sowie Schorsch Wiesmaier (3. v. r.).	Foto: Heske
Noch heute wichtig ist die Botschaft des Films. Darin waren sich die Besucher im s’Kino im Jakobmayer einig. Unter ihnen waren Ulli Frank-Mayer (l.), Michaela Meister und Doris Minet (5. u. 6. v. l.) sowie Schorsch Wiesmaier (3. v. r.). © Michaele Heske

Im Film „Das Zelig“ erzählen Hilde Grünberg und weitere Juden aus dem Großraum München von ihren Schicksalen im Zweiten Weltkrieg und danach.

Dorfen – Mit dem Dokumentarfilm „Das Zelig“ gedachte das Bündnis „Dorfen ist bunt“ der Opfer des Nationalsozialismus. Der Film zeigt auf sensible Weise, wie schwer es für die jüdischen Überlebenden war, wieder ins Leben zu finden – in Deutschland, im Land der Täter, in dem sie dennoch Wurzeln schlugen. Auch die Münchnerin Hilde Grünberg (86), Tochter jüdischer Eltern, hat den Holocaust überlebt: Sie war Ende des Zweiten Weltkrieges in Isen versteckt.

„Café Zelig“ – das klingt nach Kaffeehaus, nach Wiener Eleganz. Es ist aber nur ein großes Zimmer in einer Schwabinger Wohnung. Ein paar Tische, ein paar Stühle, vorne links das Klavier. Das Besondere hier ist nicht das Interieur, es sind die Gäste: Hier treffen sich jede Woche meist hochbetagte Holocaust-Opfer aus dem Münchner Raum. Der Film von Tanja Cummings erzählt von den regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern.

Hilde Grünberg geht ebenfalls seit fünf Jahren regelmäßig ins Café Zelig. Eigentlich wollte die Münchnerin auch zur Matinee ins Kino im Jakobmayer kommen. Krankheitsbedingt musste sie absagen, sprach aber mit der Heimatzeitung über ihre Zeit in Isen. Die Jüdin lebt nur noch, weil ein kommunistischer Hausmeister sie und ihre Mutter vor Nachforschungen der Gestapo schützte.

Bei Isener Landwirten überlebte Hilde Grünberg.
Bei Isener Landwirten überlebte Hilde Grünberg. © privat

Die Mutter wurde zwangsverpflichtet, erzählt Grünberg. „Munitionssäckchen sollte sie nähen, sie ergriff aber die Flucht.“ Ihre Großmutter sei 1943 nach Theresienstadt deportiert worden. „Als es dann eng wurde, haben sie mich bei den Kinderlandverschickungen verschickt. Erst nach Schwabbruck, dann hat mich meine Tante einem Bauern in Isen untergejubelt.“

Die Zeit in Schwabbruck sei schrecklich gewesen, geprägt von Einsamkeit, harter Arbeit, Kälte und Hunger: „Ich habe nur die Tiere gehabt, sie waren mein einziger Trost.“ Dann kam Grünberg, gerade acht Jahre alt, nach Isen. Hier ging es ihr deutlich besser, die Familie Reich hatte selbst Kinder: „Alle waren gut zu mir – nur der Hunger blieb, es gab kaum was zu essen.“

Der Dorfener Lokalhistoriker Schorsch Wiesmaier lernte Hilde Grünberg vor einigen Jahren kennen. Auf Einladung der Geschichtswerkstatt Dorfen kam sie wieder nach Isen, zu einem bewegenden Gesprächsabend, seitdem wurde sie immer wieder als Zeitzeugin aktiv. „Es hat mich sehr berührt, an die Orte zurückzukommen, wo ich aufgewachsen bin“, sagt sie. „Meine Erfahrungen sind allerdings nicht vergleichbar mit dem traumatischen Schicksal vieler meiner Bekannter aus dem Café Zelig.“

„Die Reichs waren gut zu mir, außerdem arbeitete meine Tante bei der Raiffeisenbank in Isen. Und sowohl meine Mutter als auch die Großmutter haben überlebt, wir zogen nach Kriegsende wieder nach München.“

In dem Dokumentarfilm begegnet Tanja Cummings den Protagonisten in ihrem privaten Umfeld und begleitet sie auf die Reise in die Vergangenheit. 800 bis 1000 Menschen leben noch im Großraum München, die dem Vernichtungsprogramm der Nazis entkommen sind. Was sie eint, ist der Zufall, überlebt zu haben.

Theresia Johewet Rosendahl ist beispielsweise zu sehen. Die beiden Vornamen geben einen Hinweis auf die Rettungsgeschichte von Frau Rosendahl: Johewet hieß ihre Großmutter. Auf den Namen Theresia haben Nonnen sie getauft. Sie wurde im Ghetto Sosnowiec geboren. Ihr Vater gab sie an eine katholische Familie, die sie wiederum einem Kloster anvertraute. „Die Nonnen haben mich in der Sakristei großgezogen. Ich hab laufen gelernt in der Kirche. Nach dem Krieg bin ich in der ersten Zeit jeder Nonne nachgerannt.“

Oder Nathan Grossmann, er erzählt Details aus der KZ-Zeit. Der alte Jude beschreibt in krassen Worten das Erlebte: „Ein Wagen Holz, zwei Wagen Menschen“, das sei die wichtigste Formel in Auschwitz gewesen. „Und die Asche wurde dann von den Bestien an die Bauern der Umgebung als Dünger verkauft.“ Grossmann wirkt wütend, empört, aufgewühlt. Dabei hat er 60 Jahre lang nicht darüber gesprochen. „Kein Wort, ich wollte alles annullieren.“ Doch jetzt muss es raus, sonst werde er „meschugge“. Trotzdem ist es kein „schwerer“ Film, dafür sorgen die Porträtierten mit ihrer Lebenskraft, mit Humor und Schlagfertigkeit.

Der Film gehe sehr in die Tiefe, meinte nach der Vorstellung Doris Minet von „Dorfen ist bunt“, die die Veranstaltung im Dorfener Kino organisiert hatte. „Man kann sich als normal denkender Mensch die Gräuel gar nicht vorstellen.“ Ihr sei es wichtig, „den Anfängen zu wehren“, sagte die frühere 3. Bürgermeisterin. Und Zuschauerin Ulli Frank-Mayer, Stadträtin in Dorfen, ergänzte nach der Vorstellung: „Diesen Film sollten sich viel mehr Menschen anschauen – ich bin sehr berührt vom Schicksal und den Erinnerungen der alten jüdischen Leute.“

MICHAELE HESKE

Auch interessant

Kommentare