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Zwei selbstbewusste Mädchen: Begüm Gül (l.) aus Dorfen und Dilara Hardal aus Erding erzählen im Gespräch mit der Heimatzeitung aus ihrem Leben im Landkreis und von ihren türkischen Wurzeln. 

Interview mit Begüm Gül und Dilara Hardal 

Ein Leben zwischen zwei Kulturen

Sie sind beide 17 Jahre alt und in Deutschland geboren. Sie besuchten die Realschule und schlossen diese vergangenes Jahr mit der Mittleren Reife ab. 

Dorfen/Erding Begüm Gül lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder (15) in Dorfen, Dilara Hardal mit ihren Eltern und ebenfalls einem Bruder (2) in Erding. Dilara hat beide Staatsangehörigkeiten, Begüm nur die türkische.

Dilara absolviert gerade eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau, Begüm geht noch zur Schule. Die beiden Mädchen machten ein Praktikum bei der Heimatzeitung. Wir unterhielten uns mit ihnen über das Leben zwischen zwei Kulturen, Heimatgefühl, Religion, Politik, Integration und vieles mehr.

Fühlt ihr euch mehr
als Deutsche oder mehr
als Türkinnen?

Begüm: Ich fühle mich mehr als Deutsche. Ich kann die Sprache viel besser, und mein ganzer Freundeskreis ist deutsch. Ich gehe ja von Beginn an in eine deutsche Schule und erlebe dadurch mehr von der deutschen Kultur. Mein Bruder und ich bringen das dann nach Hause.
Dilara: Ich fühle mich beiden Kulturen zugehörig. Ich bin auch mit deutschen Kindern aufgewachsen, habe deutsche Freunde, aber auch türkische. Zuhause wird bei uns türkisch gesprochen, also fühle ich mich dort auch türkisch, draußen eher deutsch.

Begüm, welche Sprache sprecht ihr zu Hause?

Begüm: Mein Vater kann perfekt Deutsch, meine Mutter nicht. Ich bin leider nicht so gut in Türkisch, also ist das so ein Mischmasch bei uns zuhause. Obwohl auch bei mir Türkisch die erste Sprache war, ist sie irgendwie in den Hintergrund gerückt. Meine Tante und Oma in der Türkei sind auch oft unschlüssig, wenn sie mit mir sprechen.

Was ist typisch deutsch, was typisch türkisch?

Dilara: Da muss ich kurz überlegen. Die Deutschen sind schon sehr pünktlich, das hat sich auch auf meine Familie übertragen. Schnitzel und Kartoffelsalat sind auch typisch deutsch, das gibt es in der Türkei nicht, höchstens im Hotel.
Begüm: Die Türken legen sehr viel Wert auf das Wohnen. Sie mögen es immer schick und pompös. In Deutschland sind die Wohnungen nicht so ordentlich, aber ich finde sie gemütlicher.
Dilara: Ja, das stimmt. In der Türkei legt man sehr viel Wert auf das Aussehen der Wohnungen und Häuser. Alles muss tipptopp sein.

Immer? Oder nur wenn Besuch kommt?

Dilara: In der Türkei meldet sich der Besuch nicht an, da kommt man einfach vorbei. Also muss es immer ordentlich sein.

Welche Werte schätzt ihr an den Deutschen besonders, welche an den Türken?

Begüm: Ich weiß nicht, ob man das an der Nationalität festmachen kann. Meine beste Freundin beispielsweise ist Deutsche und lässt mich immer ewig warten. Ich habe das Gefühl, die Türken sind wärmer und offener. Sie bieten dir meist nach fünf Minuten ihre Hilfsbereitschaft an, auch wenn sie dich gar nicht kennen.

Sehen euch eure Freunde mehr als Deutsche oder mehr als Türkinnen?

Begüm: Ich glaube, meine Freunde würden mich eher deutsch einschätzen, aber im Hintergrund bleibe ich schon türkisch. Egal, wo man ist, man ist immer Ausländer.
Dilara: Ich werde eher als Türkin gesehen. In der Pause habe ich türkisches Essen dabei, das trägt auch dazu bei.

Habt ihr manchmal das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben?

Begüm: Früher, als ich noch klein war, war das ganz schlimm. Bestes Beispiel: Weihnachten. Ich liebe die Weihnachtszeit, ich würde am liebsten den ganzen Advent durch dekorieren. Wir hatten dann auch einen kleinen Weihnachtsbaum, aber richtig feiern können wir Weihnachten nicht, das finde ich schade.
Dilara: Aber wir haben doch unsere eigenen Feste wie Ramadan und das Opferfest.
Begüm: Wir fasten nicht mehr, wir sind nicht so religiös erzogen worden.

Ist es manchmal auch von Vorteil, in zwei Kulturen zu leben?

Begüm: Ja, man ist weltoffener, weil man Einblicke in beide Kulturen bekommt.
Dilara: Dem kann ich nur zustimmen.
Begüm: Ich habe mich dadurch einfach auch mehr mit meinen Eltern auseinander gesetzt. In Deutschland ist alles viel offener. Meine Freunde durften schon mit 14 in München shoppen gehen. Die Türken sind da strenger. Würde ich nicht immer rebellieren, hätte ich das wahrscheinlich auch nicht gedurft. Meine Eltern haben es nicht leicht mit mir. Ich bringe immer wieder neue Ideen nach Hause, wir diskutieren viel. Aber es tut sich dadurch bei uns auch einiges. Beispielsweise ist es mittlerweile so, dass nicht nur meine Mutter alleine den Haushalt macht, sondern dass alle mithelfen, auch mein Vater und mein Bruder.
Dilara:Ich freue mich, dass ich so die türkische Küche genießen kann. Die wichtigste Mahlzeit ist das Frühstück, da gibt es auch Herzhaftes und viele verschiedene Sachen.
Begüm: Ja, das stimmt. Ich mag die türkische Küche auch lieber als die deutsche. Vor allem die Desserts liebe ich, da freue ich mich schon immer drauf, wenn wir zu meinen Verwandten in die Türkei fliegen.

Welche Vorurteile stören euch?

Begüm: Viele denken, die Türken seien nicht so gebildet wie die Deutschen. Dieses Vorurteil stört mich. Viele meinen auch, Türken seien laut und würden rumpöbeln. Klar gibt es solche, aber das trifft längst nicht auf alle zu. Ich ärgere mich auch, wenn Türken diese Klischees bedienen.
Dilara: Wenn ein Türke etwas angestellt hat, werden alle in einen Topf geworfen. Ich kann das gar nicht mehr hören. Ich war bei vielen Bewerbungsgesprächen, mit meinem Kopftuch fühlte ich mich immer im Nachteil. Auch in der Schule hat man mir nicht viel zugetraut, nur weil ich anders aussehe. Vielleicht habe ich deshalb so viel in der Schule erreicht, ich wollte es ihnen einfach zeigen.
Begüm: Ja, in der Schule bin ich auch manchmal unterschätzt worden. Oder die Lehrer haben mich besonders hervorgehoben so nach dem Motto: Seht mal, sie ist Türkin und kann das, ihr seid Deutsche und könnt das nicht. Vielleicht wollten sie mir ja nur ein Kompliment machen, aber ich bin ja hier aufgewachsen, und weshalb sollte ich dann weniger können als meine Klassenkameraden?

Dilara, du trägst ein Kopftuch. Warum?

Dilara: Ich war als kleines Mädchen oft in der Moschee, mir wurde alles beigebracht. Als Zwölfjährige habe ich mich dazu entschieden.

Freiwillig?

Dilara: Ja, in Deutschland kann man nicht dazu gezwungen werden. Wenn man als Frau das Kopftuch nicht möchte, zieht man es draußen einfach aus und dann wieder an, wenn man nach Hause kommt.

Warum trägst du es?

Dilara: Eine Frau sollte sich bedeckt zeigen und sich vor den Augen fremder Männer schützen.
Begüm: Diese Argumentation habe ich nie verstanden. Wenn jemand sagt, er fühlt sich durch das Kopftuch näher an Gott, kann ich das verstehen. Aber die Männer müssen sich doch um sich selbst kümmern. Ich möchte mich so anziehen, wie ich es möchte. Das heißt ja nicht, dass ich billig aussehen will. Als es um die Kopftuchfrage ging, hatte ich auch meine feministische Phase. Ich empfinde das Kopftuch als eine Benachteiligung der Frauen. Die Männer glotzen, und wer ist schuld? Die Frau, weil sie sich nicht bedeckt hat. Für mich stimmt das nicht.

Dilara, hast du nie mit
dem Kopftuch gehadert?

Dilara: Es gab eine Zeit, da haben alle Klassenkameradinnen Hot Pants getragen, nur ich nicht. Da fühlte ich mich schon ausgeschlossen. Ich wurde und werde immer noch komisch angeschaut wegen meines Kopftuchs. Ich verstehe das nicht. Deutschland ist ein freies Land, wir leben in 2019, und ich werde immer noch manchmal rassistisch behandelt. Aber ich bin immer stark geblieben, denn es hat ja auch viele Vorteile. Das Kopftuch ist ein Zeichen, dass ich meine Religion ausübe.

Wie reagiert die Umwelt auf das Kopftuch?

Dilara: Meine Freunde akzeptieren das. Es hängt aber auch immer vom Elternhaus ab. Wenn die Eltern tolerant sind, sind es meist auch die Kinder. Aber ich bekomme schon viele negative Kommentare zu hören, gerade eben auch im Bus, als ich hierher gefahren bin. Meist von älteren Leuten.

Ist die Frau im Islam dem Mann untergeordnet?

Begüm: Ich empfinde das schon so. Im Islam wird das traditionelle Familienbild gepflegt. Die Frau kümmert sich zuhause um den Haushalt, der Mann geht arbeiten. Und das Verrückte ist: Die Frauen ordnen sich gerne unter, ich bekomme das mit. Meine Mutter ist Muslimin, aber bei uns zuhause helfen alle mit, meine Mutter geht ja auch arbeiten. Ich würde gerne Frauenrechtlerin im Islam werden.
Dilara: Die Frau im Islam ist die Königin der Familie. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Das Paradies liegt unter den Füßen der Mutter.
Begüm: Ja, ich habe das auch im Koran gelesen. Deshalb hat es mich ja so gewundert, dass es in der Praxis anders ist. Fest steht doch, dass der muslimische Mann machen kann, was er will.
Dilara:Es sind die konservativeren Personen, die dieses alte Rollenbild verteidigen.
Begüm: Manche sagen auch, der Koran ist nicht mehr zeitgemäß. Was ist beispielsweise der Unterschied zwischen Huhn und Schwein? Das eine darf man essen, das andere nicht. Dabei ist das Wichtige doch die Schlachtung.

Hätten eure Eltern ein Problem, wenn ihr keinen muslimischen Mann heiraten würdet?

Begüm: Meine Eltern wissen schon, dass es kein Moslem werden wird. Ich denke schon, dass sie sich freuen würden, aber sie kennen mich. Sie haben gesagt: Heirate den, den du liebst. Es ist ja in türkischen Familien auch überhaupt kein Problem, wenn der Sohn eine Deutsche heiratet, nur umgekehrt wird es manchmal schwierig. Das mag ich nicht.
Dilara: Ich würde auch keinen Ärger bekommen. Aber ich will selbst keinen Christen. Ein Christ würde meine Kultur nicht verstehen. Ich glaube einfach, dass ich mit einem Moslem besser klar kommen werde.
Begüm: Für mich wäre ein Atheist am besten (lacht).

Fühlt ihr euch integriert, oder gibt es da noch
Bedarf?

Dilara:Ich fühle mich nicht immer akzeptiert. Ich verstehe auch nicht, dass das immer noch so ist. Ich wünsche mir schon noch mehr Toleranz und Akzeptanz.
Begüm: Ich fühle mich schon akzeptiert. Klar kriege ich auch mit, was Rechte auf zum Beispiel Facebook so ablassen. Aber von meiner Umgebung fühle ich mich akzeptiert.

Was sind eurer Meinung nach die wichtigesten Voraussetzungen für eine gelungene Integration?

Begüm: Integrationsklassen finde ich problematisch. Ausländische Kinder brauchen Kontakt mit Einheimischen, die Sprache allein reicht nicht aus. Seit meine Mutter arbeitet, hat sich ihr Deutsch auch extrem verbessert.
Dilara: Das sehe ich ganz genauso. Das Wichtigste ist, mit Deutschen in Kontakt zu kommen. Nur im Miteinander können Vorurteile abgebaut werden.

Merkel oder Erdogan?

Begüm: Definitiv Merkel, obwohl ich kein großer Fan von ihr bin. Mit Erdogans Politik bin ich überhaupt nicht einverstanden.
Dilara: Ich bin mit beiden zufrieden. Ich bin kein Fan von Erdogan, kann aber in der Türkei nichts Schlechtes bemerken.

Was ist eure Heimat?

Dilara: Ich fühle mich in beiden Ländern wohl. In der Türkei liebe ich das Meer und das Essen.
Begüm: Meine Heimat ist tatsächlich Deutschland. In letzter Zeit fühle ich mich in der Türkei nicht so wohl, das hängt bestimmt mit der Politik, aber auch mit meinen fehlenden Sprachkenntnissen zusammen. Das Land an sich ist ja wunderschön, aber ich könnte dort nicht leben. Allein schon wegen der Bildungspolitik. In der Türkei brauchst du Geld für Bildung. Ich bin dankbar, dass ich hier so viele Möglichkeiten habe.

ALEXANDRA ANDERKA

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