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Dreh für dem Film „Die Wiese“: Jan Haft (Bild l.) ist hinter der Kamera in einer eigenen Welt.

Interview mit Jan Haft

„Irgendwann leidet auch die (Land-)Wirtschaft“

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Wohl nur wenige sind an der Natur so nah dran, wie der Tierfilmer Jan Haft. Wir sprachen mit ihm über seine Sicht zum Artensterben und seine Haltung zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“.

Dorfen – Seine Filme laufen im Fernsehen, im Kino. Jan Haft ist einer der besten und erfolgreichsten Tierfilmer der Welt. Mit seiner Familie lebt der 52-Jährige in einem alten Bauerhaus in Esterndorf. Wohl nur wenige sind an der Natur so nah dran, wie der studierte Biologe und Geologe. Wir sprachen mit Jan Haft über seine Sicht zum Artensterben und seine Haltung zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“.

Ihre Filme über Natur, Landschaft und Tiere gleichen einer Liebeserklärung an die Schöpfung. Wie bedroht ist diese Schöpfung?

Der Mensch gestaltet die Erdoberfläche so gründlich wie nie zuvor. In Industrienationen wie Deutschland zu 99 Prozent. Da braucht es sorgfältiges Beobachten und Abwägen, damit die Schöpfung nicht unter die Räder kommt.

Sie engagieren sich für das Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Der Bauernverband macht Stimmung dagegen. Können Sie die Landwirte verstehen?

In seinen Filmen zeigt er einzigartige Aufnahmen, wie etwa zwei schlafende Langhornbienen (Bild o.), die sich an einem Gewöhnlichen Rispengras festgebissen haben.

Ich kann das nachvollziehen. Niemand möchte das Gefühl haben, dass ihm Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, zugunsten eines diffusen Wunsches der Allgemeinheit. Hier sehe ich ein großes Defizit seitens des Volksbegehrens: nämlich dass mehr mit der Bedrohung der Wildbienen und anderer Tiergruppen für die Aktion geworben wurde und nicht mit der Chance für die Bauern. Das Volksbegehren richtet sich ja keineswegs gegen die Landwirte, sondern gegen die Auswüchse der Agrarindustrie. Allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben etwa 40 Prozent der Höfe den Betrieb eingestellt und das Ende dieser Entwicklung dürfte nicht in Sicht sein. Bedroht sind die klassischen Familienunternehmen. Die Großbetriebe dagegen florieren. Sie können es sich dank hoher Flächenprämien leisten, moderne Maschinen und Robotertechnologie einzusetzen und billig in Masse zu produzieren. Hier muss sich etwas ändern! Die Landes- und Bundesregierung ist gefordert dafür zu sorgen, dass die Subventionen aus Brüssel von oben nach unten umverteilt werden. Höfe, die sich um unsere Kultur- und Naturlandschaft kümmern, sollen viel stärker profitieren als bislang. Die Agrar-Großindustrie entsprechend weniger.

Das Volksbegehren fordert verbindliche Regeln für Landwirte. Reicht es nicht aus, beim Bienen- und Artenschutz auf die Vernunft der Bauern zu setzen?

Theoretisch ja, praktisch nein. Viele landwirtschaftliche Betriebe können nur bestehen, weil sie sich nach der Decke strecken, Mittel und Arbeitszeit so effizient und intensiv wie möglich einsetzen. Sonst drohen auch sie unterzugehen. Viel Spielraum beispielsweise für die Pflege von unwirtschaftlichem Extensiv-Grünland bleibt da oft nicht. Ihnen, die hart arbeiten und dabei doch kein bisschen reich werden, einen Vorwurf zu machen ist unfair. Zwar nehmen dreiviertel der bayerischen Betriebe Fördermittel aus der 2. Säule der gemeinsamen Agrarpolitik der EU in Anspruch. Aber all diese Maßnahmen, die im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms (KULAP) oder des Vertragsnaturschutzprogramms (VNP) entgolten werden, reichen offensichtlich nicht. Es gibt zahllose Studien, die den Rückgang fast aller Tiergruppen in den Fluren zwischen Nordsee und Alpen belegen.

Ist dieser Trend noch zu stoppen?

Wenn wir diesen Trend stoppen wollen, muss sich also etwas Grundsätzliches ändern. Das Volksbegehren könnte die Politik zwingen, neue Wege in der Agrarförderung herbeizuführen. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Biodiversität könnte – neben den üblichen Feldfrüchten – Produktionsziel werden. Das bedeutet im Einzelfall für einen kleinen Betrieb vielleicht sogar weniger Arbeit und dabei mehr Geld. Natürlich sinkt dann hie und da die Produktivität und die Preise steigen leicht. Aber schon, dass bis zu einem Drittel der Lebensmittel in Deutschland im Müll landen, belegt, dass wir ihnen nicht genügend Wert beimessen. Und das hat auch mit dem Einkaufspreis zu tun. Supermarktpreise von 60 Cent für einen Liter Milch und Masthähnchen für vier Euro je Kilo fordern ihren Tribut. Und zwar bei den kleineren Betrieben – und der Natur. Selbstverständlich bedarf es auch künftig Flächen, aus denen ein Maximum herausgeholt wird! Aber das möglichst intensive Bewirtschaften darf sich nicht bis in jeden Winkel erstrecken, sonst wird aus einem Insektenrückgang um 75 Prozent irgendwann ein Rückgang um 95 Prozent. Und ab einem gewissen Punkt leidet selbst die (Land-)Wirtschaft, weil die Bestäuber fehlen. Dass dort dann keine Vögel mehr singen und keine Schmetterlinge durch die Lüfte gaukeln, versteht ich von selbst. In China und den USA gibt es Regionen, in denen das bereits bittere Realität ist. Soweit darf, soweit wird es bei uns in Bayern nicht kommen!

Englischer Rasen und Ziergärten, gegen jedes „Unkraut“ ein Gift im Schrank. Wer so einen gepflegten Garten hat, darf der überhaupt für das Volksbegehren unterschreiben?

Leute, die daheim verantwortungslos handeln und ihren Garten ohne Not naturfeindlich gestalten und vergiften, sollten sich natürlich zurückhalten wenn es darum geht, andere beim Thema Umweltschutz zu kritisieren! Aber die sind ja zum Glück in der Minderheit und viele Gärten sind heute auch naturnah gestaltet. Gärten machen flächenmäßig etwa so viel aus wie die Naturschutzgebiete, circa vier Prozent der Landesfläche bundesweit. Die häufig und zurecht kritisierten, gekiesten Vorgärten ein Bruchteil davon. Dem gegenüber stehen etwa 50 Prozent, die landwirtschaftlich genutzt werden. Weitere 30 Prozent sind Wald.

Reichen die Maßnahmen im Volksbegehren überhaupt aus, um das Insektensterben zu stoppen?

Wissenschaftler, etwa von der zoologischen Staatssammlung in München, dem Max-Planck-Institut für Ornithologie und vielen anderen Forschungsstellen meinen, dass die geforderten Maßnahmen nicht ausreichen um den Trend wirklich umzukehren. Aber alle sehen darin einen großen Schritt in die richtige Richtung. Ebenfalls einig sind sich alle, dass punktuelle Maßnahmen wie die beliebten Blühstreifen nur ganz am Rande etwas bringen. Sie sind wunderschön und nützen vor allem dem Haustier Honigbiene als Nektarquelle. Und natürlich ernähren sie auch viele andere Insekten. Doch die allermeisten unserer mehr als 500 Wildbienen-Arten zum Beispiel können damit gar nichts anfangen, und mit blühenden Rapsfeldern ebenso wenig. Sie sind „oligolektisch“, wie die Biologen hochtrabend sagen, sammeln also nur auf ganz bestimmten Wildblumen Nektar. Außerdem können die Insekten im Blühstreifen ihre Larvenentwicklung nicht durchmachen, also sich vermehren. Die meisten Arten brauchen langfristig existente Lebensräume, die allerdings immer auch bewirtschaftet, das heißt gepflegt werden müssen. Würde man aus falsch verstandener Tierliebe eine Blumenwiese nicht mehr mähen, würden all die bunten Kräuter und die meisten ihrer tierischen Bewohner daraus verschwinden. Das gleiche gilt allerdings für die intensive Bewirtschaftung mit Gülledüngung und fünf- oder sechsmaligem Mähen. Alles andere ist aber unrentabel. Das ist die Crux.

Wer nicht unterschreibt, handelt der verantwortungslos?

Das muss jeder für sich entscheiden, das ist Demokratie. Aber ich würde mir wünschen dass sich möglichst viele Leute informieren und eine begründete Meinung bilden. Und im Idealfall, dass Landwirte und Nichtlandwirte gemeinsam an einem Strang ziehen. Für eine lebenswerte Zukunft, für ein lebenswerte Heimat.

Was kann jeder einzelne für den Artenschutz tun?

Wer einen kahlen Steingarten vor seinem Haus hat, der muss im wahrsten Sinne des Wortes vor der eigenen Haustüre kehren. Ansonsten sind, je nach Zeitbudget und Energie, den Betätigungsmöglichkeiten keine Grenzen gesetzt, nicht nur im eigenen Garten. Ich selbst habe jahrelang Hecken gepflanzt, Streuwiesen entbuscht und Vogelnistkästen geräumt.

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