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Es tut weh: Ein halbes Leben hat Heiner Müller-Ermann (Bild o.) als Kopf der Aktionsgemeinschaft gegen die A 94 gegen die Isentalautobahn gekämpft. Der Dorfener steht mit einem Gefühl aus Wut und Trauer kurz vor der Ausfahrt Dorfen.

Vier Jahrzehnte Widerstand

Den Kampf gegen die A 94 aufrecht verloren

  • Anton Renner
    vonAnton Renner
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Es ist der letzte einigermaßen ruhige Sommer, der im Isental gerade zu Ende geht. Vier Wochen noch, dann weicht Vogelgezwitscher dauerhaftem Verkehrslärm. Am 1. Oktober wird die umstrittene A 94-Isentalautobahn für den Verkehr freigegeben. Jahrzehntelang wurde vergebens erbittert für den Erhalt des Isental gekämpft. Ein Blick zurück.

Dorfen – „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Das war fast 40 Jahre lang der Leitspruch der Aktionsgemeinschaft gegen die A 94 im Widerstand gegen die Isentalautobahn. Deren führender Kopf Heiner Müller-Ermann (70) bereut trotz der Niederlage nicht, sich ein halbes Leben lang für den Schutz der Heimat eingesetzt zu haben. „Alle, die so lange gefochten haben, sind sich sicher: Es ginge uns heute schlechter, wenn wir nicht wirklich alles versucht hätten, diese Zerstörung unserer Heimat zu verhindern“, resümiert der Dorfener SPD-Stadtrat. Aber er macht auch aus seiner Gefühlslage kein Hehl: „Wer heute entlang der A 94 durchs Isental und die anderen Täler geht, muss manchmal mit den Tränen kämpfen – Tränen der Trauer und der Wut.“

Anfangs herrschte Hoffnung

Gegen die A 94 engagierten sich auch viele Prominente, etwa Gerhard Polt und die Biermösl Blosn.

Anfangs herrschte Hoffnung

Dabei herrschte in den ersten Jahren des Widerstands noch Hoffnung, die Isentalautobahn verhindern zu können, wie sich Müller-Ermann erinnert. Einer der Gutachter, den die Aktionsgemeinschaft gegen die A 94 zu Hilfe gerufen hatte, habe nach dem ersten Ortstermin nur kopfschüttelnd gemeint: „Wieso wollt ihr da Geld für ein Gutachten ausgeben? Wer nur einen Funken Verstand hat, der baut doch durch diese hüglige Landschaft keine Autobahn.“

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Doch dass die Autobahn 30 Jahre später doch gebaut wurde, lag nicht nur am fehlenden Verstand. Die CSU wollte die A 94 durchs Isental. Und so wurden auf dem Teilstück zwischen Pastetten und Heldenstein eben insgesamt 56 Brücken gebaut, davon vier Großbrücken. Der von den Gegnern geforderte Ausbau der B 12 zur Autobahn war für den damaligen CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und seine einflussreichen Parteifreunde im Mühldorfer Raum ohnehin nie eine Option.

Über eine Millionen Euro gespendet

Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass im Landkreis Erding entlang der geplanten Trasse der Widerstand gegen die Autobahn in allen gesellschaftlichen Kreisen angesiedelt war. Bauern und Stadtleute, Jungrevoluzzer und Altgediente, Trachtler, Pfarrer, Arbeiter und Wirtsleute – sie alle begehrten gegen eine Autobahn im Isental auf. Mit welchem persönlichen Einsatz die Menschen an der Isentaltrasse diese verhindern wollten, zeigen auch Zahlen: 960 000 Euro wurden allein für Gerichtskosten, Gutachten und Anwälte gespendet. Insgesamt kamen mehr als eine Million Euro an Spendengeldern zusammen.

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Auch wenn der gesellschaftliche Konsens gegen die Autobahn weitgehend klar war, so wurden die Aktivisten der Aktionsgemeinschaft dennoch heftig kritisiert, jahrzehntelang auch beschimpft. „Die Zukunft würden wir verspielen, zigtausende Arbeitsplätze gingen verloren, wenn sie nicht endlich käme, die A 94. So klang die ewige Propagandamaschine“, erzählt Müller-Ermann. Doch mit der endgültigen gerichtlichen Entscheidung, die für den A 94-Bau Grünes Licht gab, kam nicht der prognostizierte Aufschwung. Ganz im Gegenteil. Dorfens damalig zweitgrößter Betrieb, die Ziegelei Meindl, deren Eigentümer, die Creaton AG, stets mit der Standortschließung gedroht hatte, wenn nicht die A 94 käme, gab wenige Tage nachdem der Vertrag zur Finanzierung der Autobahn durch eine öffentlich-private Partnerschaft im November 2015 geschlossen war, die Schließung des Werkes bekannt. Auch der Metallbauer HAWE mit 100 Arbeitsplätzen, ebenfalls direkt an der künftigen A 94 gelegen, siedelte den gesamten Betrieb nach Kaufbeuren ab. Dort beträgt die Entfernung zur nächsten Autobahn 20 Kilometer. Müller-Ermann: „Das Wohl und Wehe eines Betriebes hängt also offensichtlich nicht von der Entfernung zu einer Autobahn ab. Das hatten wir schon immer gesagt.“

Grundstückspreise explodieren

Heute hat Dorfen ein Gewerbegebiet an der A 94. Ein Baumarkt hat sich dort angesiedelt, ein Fastfood-Restaurant. Demnächst eröffnet eine Tankstelle. Und für die nähere Zukunft sind Boardinghäuser geplant. Auch auf dem ehemaligen Meindl-Areal haben sich einige Firmen niedergelassen. Aber der große wirtschaftliche Aufschwung ist noch nicht in Sicht. Dafür sind die Grundstückspreise explodiert. Dass sich junge Familien ein Eigenheim schaffen, das ist ohne größeren finanziellen Hintergrund fast nicht mehr möglich.

Doch die A 94-Gegner sehen sich auch in anderen Bereichen bestätigt, was den angeblichen Segen einer Autobahn anbelangt. „Weder die Planungsbehörden noch die Gerichte hatten auf unsere Warnungen gehört. Beim Dorfener Schwammerl, wo die A 94 tief eingeschnitten wird, hat es beim Bau große Erdrutsche gegeben. Der Einschnitt musste aufwendig gesichert werden. Ein Stück weiter, bei der Lappachbrücke, mussten unzählige, 60 Meter tiefe Bohrlöcher gegraben werden, in die mit riesigem Aufwand Spezialbeton verpresst wurde. Denn sonst wäre die Brücke buchstäblich im Boden versunken“, so Müller-Ermann. Die Lappachbrücke ist nur eine von 56 Querungen. „Beim Ausbau der B 12 hätte man kaum eine gehabt“, ärgert er sich.

„Obszöner Höhepunkt“

Auch in Sachen Naturschutz sieht der Kopf des A 94-Widerstands die Naturschützer bestätigt. „Seit Jahren sehen wir, wie Schlammfluten die Bäche mit dem hohen FFH-Schutzgrad verwüsten.“ Und dann nennt der Dorfener Stadtrat „den wirklich obszönen Höhepunkt“: Ein Teil des Kieses für die Isentaltrasse sei gleich neben der B 12 gewonnen „und zu uns herübergefahren worden. Aber dort, wo der geeignete Untergrund schon da war, durfte die B 12 nicht ausgebaut werden. Weshalb sich erneut der Verdacht aufdrängt, dass die A 94 auch deshalb unbedingt durchs Isental musste, weil hier die Baufirmen den größten Gewinn machen“.

„Vorbei das Gegurke über die Dörfer“

Die Stimmung in Dorfen indes hat sich verändert. Vor allem viele Bahn-Pendler, jüngere Leute und Neubürger freuen sich auf die Eröffnung der Autobahn. „In 20 Minuten in München, endlich“, „Vorbei das Gegurke über die Dörfer“ wird in sozialen Netzwerken gejubelt. Und „endlich weg von der Bahn, jährlich teurer und jeden verdammten Tag Verspätungen“. Die Autobahn sei da ein Grund zum Feiern. Und gefeiert wird – am 30. September nachmittags mit viel Prominenz an der Parkplatzanlage Fürthholz-Nord bei Dorfen. Zur Übergabe der Autobahn kommt auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. >> Kommentar

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