Krähenkolonien der Saatkrähe in den Dorfener Isenauen
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Mehr als 70 Nester haben Saatkrähen an den Isenauen und im Lipp-Garten gebaut. Anwohner leiden unter Lärm und Dreck.

Enorme Krähenkolonie – Anwohner beschweren sich über Dreck und Lautstärke „wie an der Autobahn“

Krähen in den Dorfener Isenauen werden zur Plage

Es werden immer mehr: Anwohner fühlen sich von einer enormen Krähenkolonie in den Isenauen gequält. Sie leiden unter Dreck und Lärm und fordern Hilfe von der Stadt. Kein leichtes Unterfangen: Die Tiere stehen unter Naturschutz.

Dorfen – Mit den Nerven am Ende ist Elfriede Gött. Wenn die Rede auf die Saatkrähen in den Isenauen kommt, steigt ihr Blutdruck. Die Dorfener Rentnerin fühlt sich manchmal an den Alfred Hitchcock-Schocker „Die Vögel“ erinnert. Auf Menschen sind die Krähen zwar noch nicht losgegangen, aber auf andere Vögel, etwa einen Storch, der vergangenes Jahr am Bauhof genistet hat, erzählt sie.

Auch einen Falken im nahen Isen-Auenwald hätten die Krähen schon angegriffen. „Wahrscheinlich wollten sie ihre Ruhe haben, weil sie gerade Nester bauten.“

Lärm von 5.30 Uhr bis spät abends

Ihre Ruhe haben Gött und ihre Nachbarn schon lange nicht mehr. Denn nicht nur rund um den Stadtpark in Erding, auch in der Nachbarschaft der Kirche Dorfener Kirche St. Sebastian werden die Krähen immer mehr und immer lauter. Mehr als 70 Nester hat die Rentnerin heuer gezählt. Schon vergangen April hat sie sich an die Stadt Dorfen, an das Landratsamt und sogar an die Regierung von Oberbayern mit der Bitte um Hilfe gewandt. Helfen konnte ihr bis dato keiner. Immer wieder wurde ihr geantwortet: Die Saatkrähe gilt als besonders geschützte Art. Laut Naturschutzgesetz sei es verboten, diesen Tieren nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten.

Gött ist mit den Nerven am Ende: „Wir haben ununterbrochen Lärm. Von 5.30 Uhr in der Früh bis es dunkel wird. Im Sommer höre man diese Singvögel sogar bis 23 Uhr. „Ich weiß nicht, was das mit Singen zu tun hat. Für mich ist es nur Lärm.“ Die 70-Jährige gilt als friedliebender Mensch, der Harmonie braucht. Streiten ist nicht ihr Ding. Es sei das erste Mal, dass sie sich bei den Behörden beschwere, erklärt sie. „Es kann doch nicht sein, dass das Wohl der Tiere über dem des Menschen gestellt wird“, findet sie. Da die Brutzeit Mitte März beginne, sei es jetzt schon zu spät, „aber nach der Brutzeit, die bis Juni dauert“, müsste was getan werden, forderte sie.

Wegen der Krähen: drei Mieterwechsel in eineinhalb Jahren

Wegen des Geschreis der Vögel habe sie schon drei Mieterwechsel in eineinhalb Jahren gehabt, sie könne und wolle nicht aus ihrer Heimatstadt fort.

Für andere Anwohner sind die Vögel auch ein Ärgernis, weil sie beim Fliegen ihren Kot ablassen. Gärtnermeister Robert Gauster ist einer, der davon betroffen ist, sprich seine Fenster, seine Hauswand und Gartenbank. Die Tiere würden sich „scheinbar alle auf Kommando gemeinsam entleeren“, schimpft er. Der Lärm sei „unglaublich, wie wenn man an der Autobahn“ wohne, für ihn aber nicht das Hauptproblem.

Die Vögel verschmutzen Glashäuser und zerstören Pflanzfolien

Viel schlimmer für ihn sei jedoch, dass „die Krähen unsere ganzen Glashäuser verschmutzen, die mit Folien eingedeckt sind“. Aktuell würden die Krähen an morschen Ästen für den Nestbau knabbern, die Äste würden sie im Flug oft verlieren und dann würden sie in die Folien reinfallen. „Da habe ich jetzt lauter Löcher.“ Das sei ein Schaden, für den es sogar Ausgleichszahlungen gebe, die er aber noch nie in Anspruch genommen habe.

Die Anwohner Alfred Reich, Axel Schmidt-Rave, Elfriede Gött und Sonja Kranzmayer (v.l.) fühlen sich gequält – vom Lärm und vom Dreck.

Wenn man etwas dagegen unternehmen möchte, wäre dies nur im Einvernehmen mit dem Grundstückseigentümer möglich, meint Gauster. Er habe unlängst 75 Nester gezählt, in den nächsten 14 Tagen würden es noch mehr werden. In den vergangenen zehn Jahren habe die Population überhandgenommen und damit auch die Probleme. Die Kolonie befinde sich mitten in der Stadt, wo sie nichts zu suchen habe, denn mehrere hundert Menschen seien hier betroffen.

Handhabe äußerst schwierig

Der Mensch sollte schon regulierend eingreifen dürfen, findet der bekennende Naturschützer, der auch um die Artenvielfalt fürchtet, weil die Saatkrähe vehement ihr Revier verteidigt. Keinem wolle die Kolonie ausrotten, betont er, sondern sie auf ein erträgliches Maß reduzieren. Auch wenn er weiß, dass die Handhabe äußerst schwierig sei. „Die Stadt kann überhaupt nichts machen, weil das Wohl der Krähe über das Wohl der Bevölkerung gestellt wird. Sie sollte das Problem aber erkennen und es zur Chefsache machen, sonst wird es irgendwann unlösbar.“

Umweltreferent Walter Zwirgelmeier beurteilt die Sachlage ähnlich. Für die Krähen sei der Lipp-Garten ein ideales Biotop, ein befriedeter Bereich mit hohen Bäumen, dürren Kronen und einem relativ ruhigen Nahbereich. Man könne die Krähen schlecht gezielt umsetzen, weil es dafür auch das passende Umfeld geben müsse. Sie bräuchten eine Landschaft mit Wiesen zur Nahrungssuche, Bäumen zum Nisten und möglichst freie Sicht, mit Feldgehölzen, wo sie sich ungestört fühlen. Dies sei im Gemeindebereich und in der Umgebung nur schwierig zu finden, meint der Förster.

Saatkrähe steht EU-weit unter Schutz

Keiner sei scharf auf die Tiere, sagt Zwirgelmeier. Auch die Landwirte nicht, denen die Krähen die Saat vom Feld picken. Früher seien Saatkrähen Zugvögel gewesen, die hier überwintern und im Sommer nach Osten abwanderten. Krähen seien Allesfresser und würden von der Zivilisation und der Überflussgesellschaft profitieren. Früher seien sie gejagt worden, was heute ebenso verboten sei wie Eier abtragen, weil man nicht in den Bestand und die Brut eingreifen dürfe. Nur wenn sich die Krähe unsicher fühle oder Gefahr wittere, würde sie sich vertreiben lassen.

„Ich bin Naturschützer“, erklärt Dorfens Umweltreferent, aber der EU-Schutzstatus der Krähen gehe seiner Meinung nach ein bisschen zu weit. „Ich bin immer noch im Zwiespalt.“ Nichts zu tun, sei aber keine Option. Am Mittwoch, 17. März, um 19 Uhr tagt der Umweltausschuss des Stadtrats im Jakobmayer-Saal. Auch Anlieger Axel Schmidt-Rave wird dabei sein. Dem Betroffenen wurde das Rederecht bei der Sitzung zugebilligt.

Bürgermeister: Es ist ganz schwierig, da etwas zu machen.

Ganz untätig war die Stadt bis dato nicht. Eine Ortsbesichtigung fand am 11. September statt. Und einen Antrag auf „Vergrämung“ der Krähen bei der Regierung von Oberbayern gestellt. „Es ist ganz schwierig, dass man mit den Krähen was macht“, sagt Bürgermeister Heinz Grundner. Eine Absiedelung ginge nur, wenn die Tiere nicht Brut- und Aufzuchtzeit hätten. Zudem gebe es eine klare Empfehlung von Regierung und Naturschutzverbänden, dass das Vergrämen zu Kolonien verteilt auf ganz Dorfen führen würde. Dezimieren könne man sie dadurch definitiv nicht. Es könnte passieren, dass man an mehreren Stellen in Dorfen dann die gleiche Anzahl an Saatkrähen habe. „Die vermehren sich ja ohne Ende, weil sie keine natürliche Feinde haben und sie unterliegen nicht dem Jagdrecht wie die Rabenkrähen. Es ist ganz schwierig, da etwas zu machen.“

Von Birgit Lang

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