+
Zum Beginn des Hochzeitsfestes tanzte das Brautpaar Carina und Selcuk einen traditionellen türkischen Zeybek.

DEUTSCH-TÜRKISCHE HOCHZEIT

Liebe kennt keine Religion

Dorfen - Das war wohl die größte Hochzeit, die Dorfen je gesehen hat. 700 Gäste kamen zum Fest von Carina Lindinger und Selcuk Iyidogan. Im ESC-Stadion feierten die 24-jährige Verwaltungsfachangestellte und der 27-jährige Maschinenanlagenführer am Wochenende ihren großen Tag.

Mit der Hochzeit ging ein Traum für Selcuk Iyidogan, dem in Dorfen geborenen und aufgewachsenen Kurden in Erfüllung. In dritter Generation lebt er in der Isenstadt, ein anderer Ort zum Heiraten kam für ihn nie in Frage. „Ich lebe hier, habe hier meine Freunde und Verwandte. Ich liebe Deutschland.“ Vor neun Jahren lernten sich Selcuk und Carina kennen. Seither sind sie ein Paar. Ihre Namen haben sie damals am Dorfener Schwammerl verewigt. Aber das Ausflugsziel musste längst der Autobahn A 94 weichen.

In der festliche geschmückten ESC-Halle (r.) feierten 700 Gäste die Hochzeit.

Dass sie Christin und er Moslem ist, war für beide noch nie ein Streitpunkt oder Hinderungsgrund. „Wir glauben ja beide an Gott“, sagt Carina. Und betont: „Wir haben aus Liebe geheiratet.“ Ihre Hochzeit sei auch ein Zusammentreffen verschiedener Kulturen und Religionen, ein Zeichen, dass man friedlich zusammen feiern und leben könne. Das ist den beiden wichtig, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingspolitik. „Leben und leben lassen“ ist ihre Devise.

Bereits im vergangenen September trat das Paar vor das Standesamt in Dorfen. „Nur im engsten Kreis“, erklärt sie. „Ich bin ihm gleich danach auf den Fuß getreten. Das bedeutet, dass ich das Sagen in unserer Ehe habe“, lacht Carina verstohlen. Das ist ein alter türkischer Brauch. Weil sie türkisch versteht, konnte sie ihrer Schwiegermutter und ihrer Schwägerin, die ihren Selcuk dazu aufforderten, Carina auf den Fuß zu steigen, zuvorkommen. Selcuks Wunsch, ganz im türkischen Stil noch einmal ganz groß zu heiraten, trug Carina voll mit. Dazu waren jede Menge Organisation und Vorbereitungen nötig. Mit den Planungen begannen sie im vergangenen Jahr. „Wir haben alles komplett alleine geplant.“ Nur Selcuks Schwester Names Sibel stand ihnen Tag und Nacht zur Seite. „Es war positiver Stress, relaxed, weil wir uns so freuten und es nicht mehr erwarten konnten“, erklären beide. Die letzten zwei Wochen vor der großen Hochzeit konnten beide nicht mehr richtig schlafen. „Klar haben wir uns schon mal angezickt, aber wir haben uns immer wieder schnell vertragen und eine Lösung gefunden.“

Carina interessiert sich schon immer für Selcuks Herkunft und die Traditionen seiner Heimat, kennt sich teilweise darin schon besser aus als er. Insgesamt 600 Einladungskarten haben die beiden geschrieben, gut 1000 Gäste zu ihrer Hochzeit eingeladen. Gut die Hälfte davon war seine Verwandtschaft, die größtenteils aus ganz Bayern kam. Der Rest Freunde, Arbeitskollegen, Bekannte und Nachbarn.

Brautkleid in der Türkei geschneidert

Im Februar flog das Paar extra noch eine Woche nach Istanbul, um sich dort die Einladungskarten anfertigen zu lassen und typische türkische Dekoartikel, etwa für die Außenspiegel der Autos, und das Henna für den Henna-Abend zu besorgen. Carina ließ sich dort auch ihr Hochzeitskleid schneidern und Selcuk kaufte in Istanbul seinen Hochzeitsanzug.

Bei der Henna-Nacht im Jakobmayer-Saal  spendete der „Dede“, ein alevitischer Geistlicher, den Segen in Form von Zuckerwasser.

Danach ging es in die heiße Phase. Die Einladungskarten verteilten sie fast alle persönlich, wobei ihnen ihre Eltern dabei halfen. Dass das dauerte, erklärt sich von selber. „Alle haben sich sehr gefreut und es ging immer ein Ratsch“, erzählt der junge Ehemann. Mitte Mai wurde dann mit 150 Gästen, nur enge Verwandte, der Henna-Abend im Jakobmayer-Saal gefeiert. Das ist auch schon fast eine kleine Hochzeit, sagt Carina. Dabei wird allen ein Henna-Punkt in die Handinnenfläche gemalt. Das Henna steht auf einem Tablett neben brennenden Kerzen und wird von Frauen getragen. „Das soll Glück für die Ehe bringen und ist gleichzeitig die Verabschiedung der Braut von ihrer Familie.“ Die 24-Jährige trug dabei ein wunderschönes rotes, traditionelles Gewand. Ein „Dede“, ein alevitischer Geistlicher – wie bei den Christen ein Pfarrer – gab ihnen dann Gottes Segen, indem er sie mit Zuckerwasser segnete. Davon musste das Brautpaar zuerst trinken und danach die Gäste. „Damit sie von der Süße des Glücks auch was abhaben“, erklärt die Braut und betont: „Mir ist es wichtig, seine Kultur zu verstehen, zu erhalten und zu akzeptieren. Selcuk feiert ja auch mit mir Ostern und Weihnachten. Das ist ein gegenseitiges Akzeptieren.“ Unter einem roten Schleier weint die Braut zum Abschied von ihrer Mutter und ihrer Schwester. „Eigentlich war das gar nicht mein Plan. Aber der Moment war so emotional und ergreifend, dass ich auch weinen musste.“

Ihrer Schwester Melina, die extra aus Australien angereist war, ging es nicht anders, auch sie musste weinen. Wie gemischte Ehen funktionieren, zeigte sich beim Essen: Beim Henna-Abend gab es unter anderem Schnitzel mit Kartoffelsalat, Meze (türkische Vorspeisen, die von türkischen Frauen aus Dorfen in stundenlanger Arbeit zubereitetet wurden) und Balklava (türkische Süßigkeiten), also von jeder Kultur etwas.

Ihre große Hochzeit wurde vergangenen Samstag gefeiert. Um 6 Uhr stand Carina auf, um nach München zu einem türkischen Friseur zu fahren. „Er kennt meine Haar am besten und hat mir eine schöne Hochsteckfrisur gemacht.“ Das dauerte ein paar Stunden. Selcuk hat sie dort abgeholt und ist mit ihr zum Schloss Nymphenburg gefahren, zum Fotoshooting. „Nur wir zwei.“ Danach haben sich die beiden wieder getrennt, jeder fuhr zu seiner Familie. Lautstark mit Trommel und Trompete, also mit Davul und Zurna, holte der 27-Jährige seine Braut schließlich von daheim ab. Die laute Musik soll verkünden: „Jetzt sind sie da.“

Doch Carinas Bruder verweigerte den Wunsch seines Schwager Selcuk, ihm seine Schwester als Braut mitzugeben. Zuerst musste ihm der Bräutigam Geld geben. Erst dann öffnete er ihm die Tür und übergab ihm seine Schwester. Auch das ist ein türkischer Brauch. Nachdem sich die beiden Männer „handelseinig“ waren, wurde vor der Haustür getanzt, „Halay“ nennen sich diese Folkloretänze, bei denen sich alle nacheinander einhaken, als Zeichen der Freude.

Beider Eltern fuhren als Vorhut gegen 16 Uhr in die Eishalle, um dort die ersten Gäste zu begrüßen. Das Dr. Rudolf-Stadion war herrlich geschmückt. Eine professionelle türkische Hochzeitsorganisationsfirma hatte das übernommen. Bereits am vergangenen Mittwoch fingen sie mit der Arbeit an. Für 750 Personen plus Reserve wurden Tische, Stühle, Tischdecken, Blumenschmuck, Kerzen und vieles mehr angekarrt und aufgestellt.

Für die Kinder gab es eine eigene Spielecke im Stadion mit Hüpfburg, Zauberer und Clown. Das Brautpaar war derweil noch beim zweiten Fotoshooting, dieses Mal vor Dorfener Stadtkulisse. Neben dem Fotografen war auch ein Videoteam dabei, das den schönsten Tag im Leben der beiden festhielt.

„Jede Sekunde war es wert“

Mit einem Oldtimer, einem Chrysler 300 Cabrio, begleitet von einem lautstark hupenden und blinkenden Autokonvoi fuhr das Brautpaar dann ebenfalls zum Eisstadion. Dort war schon ein 30 Meter langer weißer Teppich ausgerollt. Selcuk ging mit seinen Freunden zuerst rein, um drinnen auf seine Braut zu warten. Carina wurde von ihrem Bruder Manuel in den „Saal“ geführt. Der Eingang war ein Meer aus Luftballons. Strahlend und mit feuchten Augen nahm Selcuk seine geliebte Carina in Empfang, um mitten auf der Bühne mit ihr den ersten Tanz zu wagen. Umringt wurden sie dabei von ihren festlich gekleideten Gästen, die Frauen meist in langen Abendkleidern und mit viel Goldketten und -ringen geschmückt. Keinen Walzer, wie es in Bayern üblich ist, sondern einen traditionellen türkischen Zeybek legten sie aufs Parkett. „Den haben wir uns selber beigebracht“, erzählen die beiden grinsend. Danach zeigten sie, dass sie auch beim Standardtanzen fit sind. Auf den unheimlich romantischen Oldie „Unchained Melody“ der Righteous Brothers schmiegten sie sich eng aneinander. „Das Lied ist wunderschön“, schwärmt sie. „Es ist auch im Film Ghost mit Patrick Swayze zu hören. Den Film hab ich mir schon zig Mal angesehen“, verrät Carina.

Dann wurde gefeiert bis in die Puppen. Bei einer so großen Hochzeit gab es natürlich auch eine große Torte, eine sechsstöckige Hochzeitstorte, und richtig viel zu Essen, türkische Küche. Gegen 22.30 Uhr war die traditionelle Geld- und Goldübergabe. Bei den Türken wird nicht „geehrt“, wie es in Bayern der Brauch ist, sondern die Geldgeschenke in Schlaufen gesteckt, die das Brautpaar um den Hals trägt. In den frühen Morgenstunden war das Fest vorbei.

Noch ganz aufgewühlt ging das Brautpaar zu Bett. Schlafen konnten sie nicht viel. Denn am nächsten Tag ging es in die Flitterwochen nach Dubai. „Wir haben lange für unser Hochzeitsfest gearbeitet“, sagen die beiden überglücklich. „Aber jede Sekunde war es wert.“

Wer am schönsten Tag des Paares teilhaben will, kann die Hochzeit der beiden auf Youtube unter „Live Kamera Team“ ein Video ansehen. Allerdings wird es erst in ein, zwei Wochen hochgeladen sein.

Birgit Lang

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Gemeinde schafft Bauland
Aus den 1960er Jahren stammen die ursprünglichen Pläne für die Bebauung eines Areals zwischen Lärchenstraße und Am Bahnhof. Jetzt hat die Gemeinde das Verfahren für eine …
Gemeinde schafft Bauland
Patient Krankenhaus und seine Polit-Therapeuten
Hohes Defizit und eine zeitweise geschlossene Geburtshilfe - das Klinikum Erding steckt in der Krise. Doch wer ist schuld, wer muss jetzt handeln? Hier unsere große …
Patient Krankenhaus und seine Polit-Therapeuten
Pfarrer Schwenk geht,von Aschen kommt
Pfarrer Martin Schwenk geht in den Ruhestand. Sein Nachfolger ist der Wartenberger Pastor Henning von Aschen.
Pfarrer Schwenk geht,von Aschen kommt
Striktes Nein zur Autobahnraststätte
Lärmbelastungen und Flächenverbrauch sind die größten Kritikpunkte an der Raststätte „Isartal“. Der Gemeinderat stellt sich dagegen.
Striktes Nein zur Autobahnraststätte

Kommentare