Josef Martin Bauer, Schriftsteller Dorfen
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Er ist Ehrenbürger und gleichzeitig wegen seiner Nazi-Vergangenheit ein umstrittener Sohn der Stadt Dorfen: Josef Martin Bauer wäre am 11. März 120 Jahre alt geworden.

Historiker werfen Dorfener Schriftsteller Josef Martin Bauer Blut-und-Boden-Ideologie vor

Mehr als ein Nutznießer der Nazis

Aus Josef Martin Bauers Feder stammt der Welterfolg „So weit die Füße tragen“ mit zwei Millionen verkauften Exemplaren. Er ist einer der berühmtesten Söhne der Stadt Dorfen - und zugleich einer der umstrittensten.

Dorfen - Seit vielen Jahren wird gemunkelt, dass Josef Martin Bauer, Ehrenbürger Dorfens und Träger des Bayerischen Verdienstordens sowie des Ehrenrings des Landkreises Erding, ein überzeugter Nazi gewesen sei. Die Heimatzeitung wollte es nun genau wissen und fragte anlässlich seines Geburtstages nach: Bei lokalen Historikern und Redakteuren, die sich mit Josef Martin Bauer beschäftigt haben, aber auch bei Prof. Dr. Dr. Rolf Düsterberg, Literaturhistoriker an der Universität Osnabrück, Herausgeber des Buches „Dichter für das ‘Dritte Reich’“.

„Wie Karl May, nur nicht im Wilden Westen“

Als Jugendlicher habe er den Roman „So weit die Füße tragen“ verschlungen, erzählt Arthur Dittlmann, Redakteur beim Bayrischen Rundfunk. Der Dorfener erinnert sich: „Das war eine Heldengeschichte, sehr spannend. Ein irres Abenteuer. Und ein irrer Erfolg.“ Vielen Menschen, so meint Dittlmann, die 1955 noch vermisste Angehörige in Gefangenschaft hatten, gab das Buch Hoffnung, andere faszinierte das Thema: „Wie Karl May, nur spielte die Geschichte nicht im Wilden Westen. Und der Autor lebte in Dorfen.“

Zum 100. Geburtstag von Josef Martin Bauer recherchierte Dittlmann für einen Beitrag des BR. „Ich bin nicht losmarschiert, um Bauer zu entlarven“, sagt er. „Für mich gehörte er in die Riege großer bayrischer Autoren – ein Hörspielpionier.“ Doch schnell wurde Dittlmann klar: „Bauer war Parteimitglied der NSDAP und Nutznießer des Nazi-Systems.“

Historiker als „Nestbeschmutzer“ beschimpft

Bereits vor zwanzig Jahren kamen also Zweifel an der Integrität Bauers auf. Dittlmann wurde als Nestbeschmutzer beschimpft, sah sich persönlichen Angriffen ausgesetzt. Die Dorfener waren empört. „Da kam einer und hat am Image des bekannten und verehrten Josef Martin Bauer gekratzt“, erklärt Schorsch Wiesmaier, der sich in der Geschichtswerkstatt Dorfen schwerpunktmäßig mit der Zeit der lokalen NS-Geschichte beschäftigt. Als dann vor einigen Jahren am Dorfener Gymnasium eine Ausstellung gezeigt wurde, in der über einem Beitrag zu Josef Martin Bauer die Überschrift „Ein Dichter im Würgegriff“ stand, war das für Wiesmaier die Motivation, noch einmal intensiver nachzuforschen.

Der Dorfener Lokalhistoriker wurde in zahlreichen Archiven fündig. Sein Aufsatz, der in der neuen Ausgabe des „Mühlrads“, der Schriftreihe des Geschichtsvereins Heimatbund Mühldorf, erschienen ist, hat für Klarheit gesorgt: Auch wenn Wiesmaier seinem Artikel im Titel die Frage stellt „Überzeugungstäter oder Mitläufer?“, fällt Wismaiers Antwort deutlich aus: „Bauer verstand sich selbst als ‚Blut-und-Boden’-Autor, er war Propagandist des NS-Regimes, wurde dafür mit Ehrungen und Preisen überhäuft.“ Der pensionierte Lehrer weist nach, wie Bauer nach kleinen Anfangsproblemen mit den Nazis sehr schnell zu deren großer Zufriedenheit tätig war.

Im „Völkischen Beobachter“ gewürdigt

Wiesmaier zeigt ebenfalls auf, wie erfolgreich Bauer als Autor in der NS-Zeit war, und wie sehr man ihn schätzte. Denn Bauer verdiente nicht nur eine Menge Geld, sondern wurde auch in Radiobeiträgen und in verschiedenen NSDAP-Organen, unter anderem auch im „Völkischen Beobachter“, als Schriftsteller gewürdigt.

Diese Einschätzung belegt auch Literaturhistoriker Prof. Düsterberg von der Universität Osnabrück. „Natürlich war Josef Martin Bauer ein Nazi – ob aus Überzeugung, oder ob er nur ein Opportunist war, das kann ich nicht bewerten“, erklärt er. Fakt sei, dass Bauer drei Beiträge für die rassistische Zeitschrift „Zucht und Sitte“ geschrieben hat. „Absolut ideologische und rassistische Schriften mit sozial-darwinistischer Auffassung“, so Düsterberg.

Rassistischer Kriegsberichterstatter

Bauer war Kriegsberichterstatter und er habe sich, so der Professor, „definitiv durch das Regime bereichert“. Ein Höhepunkt der Karriere des NS-Autors Bauer sei schließlich die Verleihung des „Ehrenpreis für das bäuerlich gebundene Schrifttum der Gegenwart“ im Jahr 1944, den er, verbunden mit einem Preisgeld in Höhe von 10 000 Reichsmark, von NS-Reichsbauernführer Herbert Backe in Goslar überreicht bekam.

Nach 1945 wird Bauer von seiner Zeit als NS-Propagandist nichts mehr berichten, wie über so vieles, was er in den zwölf Jahren seit 1933 getan hatte. „Bei meinen umfangreichen Recherchen habe ich keinen einzigen Satz des Autors gefunden, in dem er sich selbstkritisch mit seinem Verhalten während des Nationalsozialismus auseinandersetzt“, erklärt Wiesmaier, der den Schriftsteller, der es die Bezeichnung Heimatdichter übrigens als Beleidigung empfand, Ende der 1960er Jahren für eine Schülerzeitung interviewte. „Er war ein ruhiger, freundlicher Mann. In Erinnerung geblieben ist mir, dass er sich nicht zu politischen Themen äußern wollte“, so Wiesmaier. So sah ihn auch die Öffentlichkeit. Der Schriftsteller hatte ein Bild von sich gezeichnet, nach dem er während der NS-Zeit im inneren Widerstand war, höchstens ein Mitläufer und selbst dazu gezwungen. Belege dafür gibt es keine.

„Vergangenheit darf nicht ruhen, sonst wiederholt sie sich“

Schnee von gestern, werden viele sagen. „Wer die Vergangenheit ruhen lässt, läuft Gefahr, dass sie sich wiederholt“, sagt Wiesmaier. „Es war eine schreckliche Zeit, und es ist wichtig zu wissen, wie es dazu kommen konnte.“ Die Aufarbeitung über die Spitzenfunktionäre in der NS-Zeit habe es gegeben, doch auf lokaler Ebene sei die Auseinandersetzung mit dem Regime nach wie vor tabuisiert: „Weil eben ganz viele Familien davon betroffen sind.“

Dabei gehe es der Dorfener Geschichtswerkstatt ausschließlich um die Aufarbeitung der Geschichte von NS-Funktionären, die während der NS-Zeit in der Öffentlichkeit gestanden sind. Wie eben Josef Martin Bauer, der durch „So weit die Füße tragen“ berühmt wurde. Literaturhistoriker Düsterberg ergänzt: „Stellen Sie sich vor, das Werk wird neu verfilmt, da sind der Hintergrund des Autors, seine Sprache und auch der Wahrheitsgehalt von enormer Bedeutung.“ Zudem verweist er darauf, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit eine Säule unserer Demokratie sei: „Deshalb ist es wichtig, die Wahrheit über Josef Martin Bauer zu publizieren.“

Von Michaele Heske

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