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In der heutigen Polizeiinspektion an der Erdinger Straße erinnert eine Gedenktafel an die drei getöteten Beamten Karl-Heinz Loibl, Robert Gebler und Alfred Maier.

45 Schüsse in der Dienststube

Drei Polizisten kaltblütig erschossen: Dorfen denkt mit Schaudern zurück

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Bei einem Amoklauf in der Dorfener Polizeiwache lassen am 4. März 1988 drei Beamte ihr Leben. Die Bluttat jährt sich an diesem Sonntag zum 30. Mal – ein Blick zurück.

Dorfen - Der Tag, der in die Dorfener Stadt- und in die bayerische Polizeigeschichte eingehen wird, beginnt mit einem Routineeinsatz. Slobodan Stefanovic, ein Jugoslawe, wohnt seit 15 Jahren in der Isenstadt. Sicherheitsbehördlich groß in Erscheinung getreten ist er noch nie. Er ist Sportschütze und beantragt beim Landratsamt Erding einen Waffenschein.

Die Behörde schaut genau hin und legt sich fest, dass der 37-Jährige charakterlich ungeeignet sei, Waffen zu führen. Sie widerruft die Waffenbesitzkarte, Stefanovic muss die Waffen abgeben.

Genau das, nämlich die Beschlagnahmung, ist der Auftrag für vier Beamte der Polizeistation Dorfen am Morgen des 4. März 1988. Es ist ein Freitag. Unter anderem Robert Gebler und Karl-Heinz Loibl fahren gegen 7.45 Uhr zu Stefanovic. Der Mann hortet Waffen. Der 27 Jahre alte Kommissar und der 46-jährige Hauptmeister ahnen nicht, dass es ihr letzter Einsatz sein wird. Zweieinhalb Stunden später sind sie tot.

Bei der Beschlagnahmung gibt es Probleme

Sichergestellt werden unter anderem ein Revolver, eine Pistole, fünf Langwaffen und 39 Pistolenmagazine. Dazu kommen über 2000 Schuss Munition. Die vier Beamten nehmen die Waffen mit auf die Dienststelle.

Die befindet sich damals in einem Mehrfamilienhaus am Adalbert-Stifter-Ring – mitten in einem gutbürgerlichen Wohngebiet. Vor allem kleinere Einfamilienhäuser reihen sich hier aneinander. Man kennt sich, man schaut aufeinander.

Bei der Beschlagnahmung gibt es Probleme. Der Jugoslawe kann nachweisen, dass einige Waffen gerade in Reparatur sind. Er wird aufgefordert, die entsprechenden Nachweise auf die Wache zu bringen. Stefanovic sagt zu, im Lauf der nächsten Stunden zur Dienststelle zu kommen, um die Quittung vorzulegen.

Um 10.12 Uhr bahnt sich die blutige Katastrophe an

Die Katastrophe nimmt um 10.12 Uhr seinen Lauf. Stefanovic kommt in grauer Hose und grauem Sakko die Treppen zur Wache hinauf. In Zimmer 8 im Erdgeschoss sind Gebler und Polizeihauptmeister Loibl zu diesem Zeitpunkt damit beschäftigt, Waffen und Munition zu sichten und zu katalogisieren.

In einem später auch in den Medien veröffentlichten Protokoll heißt es, dass der Jugoslawe um 10.14 Uhr am Wachzimmer vorbei geht. Es ist nicht geklärt, ob der dort hinter einer Glasscheibe sitzende Polizeihauptmeister Franz Klarl, der gerade am Sprechfunk ist, den Mann überhaupt bemerkt. Stefanovic strebt in Zimmer 8. Nur noch 35 Meter bis zur blutigen Katastrophe.

Um 10.16 Uhr stößt der Dorfener die Tür auf. Die Ermittler gehen davon aus, dass es ihm gelungen ist, einige seiner Waffen an sich zu reißen. Der groß gewachsene Elektromonteur hält in der Faust eine großkalibrige Waffe. Zeitweise solle er mit zwei Pistolen gleichzeitig geschossen haben. Die beiden Beamten. Loibl und Gebler werden mehrfach getroffen und brechen blutend zusammen. Sie sterben in ihrer Dienststelle.

45 Schüsse allein in der Dienststube

Die Verantwortung trägt an diesem Tag stellvertretender Inspektionsleiter Alfred Maier. Er hört die Schüsse und Schreie und informiert Kollegen, die gerade im östlichen Landkreis Erding auf Streife sind. Um 10.18 Uhr rennt er auf den Flur. Stefanovic nimmt den 46-Jährigen ins Visier – und drückt ab. Um 10.19 Uhr eilt ihm Klarl zu Hilfe. Auch er wird von dem Jugoslawen kaltblütig niedergestreckt. Mit Schüssen ins Knie, in den Rücken und die Hand wird er lebensgefährlich verletzt. Stefanovic gelingt es, einem der Beamten die Dienstwaffe zu entreißen. Im Abschlussbericht der Kripo heißt es jedoch, dass aus dieser Pistole kein Schuss abgegeben worden sei. Nur in der Dienststube werden 45 Schüsse gezählt.

Maier schafft es trotz schlimmster Schussverletzungen noch, sich aus der Wache zu schleppen. Beim Nachbarn klingelt er Sturm. Dort öffnet ihm der 51 Jahre alte Kraftfahrer Erwin Frank. Maier berichtet blutüberströmt: „Erwin, ruf’ Verstärkung. Im Revier schießt ein Jugoslawe wie ein Irrer um sich. Alles ist voller Blut.“ Frank versucht noch, die starken Blutungen abzudrücken – ohne Erfolg. Wenige Minuten später ist Maier tot – wie seine beiden Kollegen.

Stefanovics Blutrausch ist noch nicht zu Ende. Um 10.29 Uhr rast ein Streifenwagen heran. Mittlerweile weiß man auch bei der Polizeidirektion in Erding, dass sich bei den Kollegen 24 Kilometer östlich ein Drama abspielt. Stefanovic rennt auf die Straße und eröffnet das Feuer auf den Polizeiwagen. Es kommt zum Schusswechsel, bei dem der Attentäter schwer verletzt wird. Auf dem Treppenabsatz bricht er zusammen. Er kommt in eine Münchner Klinik. Am Sonntag, 6. März, teilt der Münchner Staatsanwalt Heinz Müller mit, Stefanovic werde nur noch künstlich am Leben erhalten. Kurz darauf stirbt er.

„Schlimmster Tag in der Geschichte der Dorfener Polizei“

Die gute Nachricht: Der angeschossene Franz Klarl ist nach einer Operations außer Lebensgefahr. Er überlebt den Amoklauf. Im Dezember 2009 stirbt er im 72. Lebensjahr. Eine große Trauergemeinde begleitet ihn auf seinem letzten Weg. Unter ihnen sind der damalige Dorfener Polizeichef Johann Graßer und der Präsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, Johann Rast. Sie würdigen Klarl als einen „allseits geschätzten Kollegen, pflichtbewussten Polizisten und liebenswerten Menschen“. Bei dem „schlimmsten und schwärzesten Tag in der Geschichte der Dorfener Polizei“ habe Klarl, ein gelernter Maurer, „mit seinem mutigen Einschreiten sein eigenes Leben riskiert und damit noch Schlimmeres verhindert“. Der Erdinger/Dorfener Anzeiger titelt am 18. Dezember 2009: „Abschied von einem vorbildlichen Menschen“.

Der Pulverdampf über Dorfen hat sich noch nicht ganz gelegt, da beginnen die Behörden mit der Aufarbeitung des dreifachen Polizistenmordes. Es stellt sich heraus, dass Stefanovic Mitglied eines Sportschützenvereins gewesen ist. Das Schießen dort sollen ihm unter anderem Polizeibeamte beigebracht haben.

Den Waffenschein soll der 37-Jährige nach ersten Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft beantragt haben, weil er sich von der „Rote Armee Fraktion (RAF) und dunklen Mächten“ bedroht gefühlt habe. Dies dürfte der Grund gewesen sein, warum ihm der Waffenschein vom Erdinger Landratsamt verweigert worden war.

Unmittelbar nach der Tat werden Hinweise über eine schizophrene Erkrankung des Dreifachmörders bekannt. Von einem akuten Schub am Morgen des 4. März ist die Rede.

Fremdenhass: Situation droht zu eskalieren

In der beschaulichen Isenstadt ist das entsetzliche Verbrechen monatelang das Gesprächsthema Nummer eins. Die Stimmung brodelt. Denn es ist bekannt, dass es sich bei dem Mörder um einen Jugoslawen handelte. Fremdenfeindlichkeit breitet sich bereits unmittelbar nach dem 4. März rasend schnell aus. Der Hass geht nach Darstellung des Dorfener Anzeigers so weit, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund teils nicht mehr aus ihren Häusern trauen. Einige von ihnen werden angespuckt oder als „Mörderschweine“ bezeichnet. Die Situation droht zu eskalieren.

Dorfens Pfarrer Gottfried Wiesbeck sieht sich genötigt, in seinen Gottesdiensten „gegen die bösen, üblen und abstoßenden Reaktionen“ zu Felde zu ziehen. Vize-Bürgermeiser Jakob Baumgartner ermahnt die Bevölkerung, nicht in allgemeine Ausländerfeindlichkeit zu verfallen.

In der Turnhalle der Grund- und Hauptschule findet am 9. März ein Staatsakt statt, an dem unter anderem der bayerische Innenminister August Lang teilnimmt. 700 Polizeibeamten erweisen den Kollegen die letzte Ehre.

Hätte das Attentat verhindert werden können?

Es dauert nicht lange, da erreicht das Attentat die Kommunalpolitik. Landrat Xaver Bauer weist Vorwürfe zurück, der Tod Maiers, Geblers und Loibls hätte verhindert werden können, wenn das Landratsamt schneller und anders gehandelt hätte. Der CSU-Politiker erklärt, Stefanovic habe bereits im Oktober 1987 einen Waffenschein beantragt. Der Sachbearbeiter – medizinisch allerdings nicht ausgebildet – habe keine Gefahr durch den Jugoslawen erkennen können. Daher habe man auf Sofortmaßnahmen verzichtet. 

Als Stefanovic Ende Dezember 1987 sein Gesuch mit einem elfseitigen Schreiben untermauert, schwant der Behörde, es mit einem geistig Verwirrten zu tun zu haben. Bauer berichtet, der 37-Jährige sei deswegen zu einer psychiatrischen Sprechstunde eingeladen worden. Allerdings sei er erst am 10. Februar ins Gesundheitsamt gekommen. In dem Gutachten heißt es, dass der Waffenschein nicht Frage komme. Von einem akuten ärztlichen Handlungsbedarf ist allerdings nicht die Rede.

Beim Amtsgericht Erding wird am 2. März die Wohnungsdurchsuchung beantragt. Dabei ist dann aber auf einmal doch von einem erhöhten Gefährdungspotenzial die Rede. Es wird erörtert, ob man Stefanovic nicht in eine Nervenheilanstalt einweisen sollte. Das Gesundheitsamt lehnt dies ab – wegen nicht hinreichender Fakten.

Wenig später sind drei Polizeibeamte tot, zwei von ihnen hinterlassen Kinder. Eines von ihnen ist Christian Maier. Er arbeitet heute als Polizist am Flughafen.

Gedenken an die Dorfener Polizeibeamten

Der am 4. März 1988 ermordeten Dorfenern Polizeibeamten wird in den kommenden Tagen zweifach gedacht.

Am Freitag, 2. März, findet um 19 Uhr im Stadtsaal in Mühldorf ein Benefizkonzert statt. Organisiert hat es Josef Gebler, Bruder des Polizisten Robert Gebler. Auftreten wird das Polizeiorchester Bayern unter der Leitung von Professor Johann Mösenbichler. Die Schirmherrschaft hat Innenminister Joachim Herrmann übernommen, der im Rahmen des Konzerts ein Grußwort sprechen wird. Der Erlös kommt der Bayerischen Polizeistiftung zu Gute, die sich unter anderem um verletzte und traumatisierte Beamte kümmert. Karten gibt es zu 15 Euro (ermäßigt zwölf Euro) im Kulturbüro Mühldorf, bei Inn-Salzach-Ticket und München-Ticket.

Am Dienstag, 6. März, findet um 17 Uhr ein Gedenkgottesdienst der Bayerischen Polizei in Maria Dorfen statt. Zahlreiche Vertreter von Polizei und Politik haben ihr Kommen zugesagt. An der Feier kann die Bevölkerung teilnehmen.

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