Andere Welten voller Fantasie erschafft Lisa Schamberger mit ihren Puppenspielen für Kinder. Bei den Auftritten oft mit dabei ist Tochter Ramona (l.).
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Andere Welten voller Fantasie erschafft Lisa Schamberger mit ihren Puppenspielen für Kinder. Bei den Auftritten oft mit dabei ist Tochter Ramona (l.).

Porträt

Multitalent aus ganzem Herzen: die Musikerin und Puppenspielerin Lisa Schamberger

Musikerin und Puppenspielerin Lisa Schamberger erfindet sich und ihre Kunst immer wieder neu. Der Lebensweg der Künstlerin aus Dorfen hatte ein paar interessante Wendungen.

Dorfen – „Ich war viele Jahre angepasst und habe versucht, es allen recht zu machen. Aber ich wusste schon mit fünf Jahren, dass ich Opernsängerin werde“, erzählt Lisa Schamberger. Opernsänger ist die 50-jährige Dorfenerin zwar nicht geworden, aber eine Ausnahmekünstlerin – Musikerin, Komponistin, Autorin, Schauspielerin, Puppenspielerin und Hörspielproduzentin. Sie geht ihren Weg, auch wenn er manchmal sehr hart war.

In einem kleinen Dorf am Lechrain bei Landsberg am Lech, in der Nähe von Kaltenberg, ist sie aufgewachsen. Schon von klein auf arbeitete sie auf dem Bauernhof der Eltern mit. Ein Lichtblick sei es gewesen, wenn sie mit ihrer Mutter Opern hörte. Iwan Rebroff war ihr großes Vorbild. Ihn ahmte sie nach, heimlich in der Milchkammer, „weil es da eine ganz tolle Akustik gehabt hat. Ich war immer ganz begeistert von meiner Stimme“, verrät sie. Wenn sie aber daheim von ihren Träumen erzählte, hieß es immer: „Geht ned.“

Die Eltern schickten sie als Zwölfjährige ins Internat, wohl, weil sie ihrer Tochter etwas Gutes tun wollten. Doch das Gegenteil war der Fall. „Es war total schlimm für mich, plötzlich war ich eingesperrt und durfte nur alle zwei Wochen heim.“ Das sei die Zeit gewesen, in der ihre Kunst entstanden sei. „Da ich meine äußere Freiheit nicht mehr hatte, habe ich mich in mich selbst zurückgezogen und meine Gefühle über die Musik rausgelassen.“ Der einzige Ort, wo sie im Internat alleine sein konnte, war das Klavierzimmer.

Die junge Lisa begann Klavier zu spielen, Akkordeon hatte sie bereits mit neun Jahren gelernt. Nach dem Internat absolvierte sie eine Hauswirtschaftslehre, doch weil sie schnell merkte, „dass Kochen überhaupt nicht meins ist“, lernte sie danach Kirchenmalerin in Ottobeuren.

Früh übt sich: Als Neunjährige lernt Lisa Akkordeon spielen.

Nach ein paar Jahren im Beruf zog sie ins Allgäu. Dort fand sie aber als Kirchenmalerin keine Arbeit, daher ging sie in die Altenpflege und begann nebenbei eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. „Da lernte ich meine künftigen Musikerkollegen kennen“, erzählt Lisa Schamberger strahlend. Denn nach und nach erkannte sie, wo ihre Stärken wirklich lagen. Ihre Ausbildungen – später klassischer Gesang und Kompositionstechnik – hat sie selber bezahlt, darauf ist sie stolz.

Mit 29 Jahren war die junge Frau bereit für den endgültigen Schnitt vom angepassten Leben. „Ich habe alles abgebrochen und nur noch Musik gemacht.“ Los ging es mit der Band „Hard & Soul“ mit Kollegen aus der Heilpraktiker-Schule. „Ich habe damals schon viele Projekte gleichzeitig gemacht“, erzählt sie: Chansons im Stil von Zarah Leander oder Marlene Dietrich und Eigenkompositionen am Klavier, zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch unter dem Pseudonym Emily Gorden.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete Lisa Schamberger in der Gastronomie – auf dem Münchener Tollwood und im Andechser Wiesnzelt. Und nebenbei knüpfte sie Kontakte in der Musikerszene. Sie begann eine internationale Karriere mit der kanadischen Künstlerin Erika Batdorf. „Über Skype haben wir Vieles erarbeitet. Wir spielten in Georgien, wo wir uns kennen lernten, in Indonesien und Kanada. Gemeinsam haben wir das englische Theaterstück ,Smell of the Soul‘ auf die Bühne gebracht, zu dem ich die Musik geschrieben habe.“

Auch in ihrer deutschen Heimat feierte Lisa Schamberger immer größere Erfolge. Zusammen mit Christian Bestle gründete sie die Weltmusik-Band Arwinda, mit der sie viele umjubelte Konzerte feierte und sich einen guten Namen erwarb.

Viel Geld war mit all dem nicht verdient, aber Lisa Schamberger konnte ihre Kreativität und Spontaneität ausleben. 2003 begann sie, in ihrer Fantasiesprache Istisch zu singen. Es war die Zeit, in der sie in Südtirol lebte, eine sehr inspirierende Zeit für die Musikerin. Die Fantasiesprache entstand, als sie für eine Lesetournee durch Südtirol die Gedichte eines stummen autistischen Mädchens vertonte. Wieder einmal eine ungewöhnliche künstlerische Herausforderung, wie sie Lisa Schamberger liebt und an denen sie wächst. Ihre Stimme ist ihr Haupt- und Akkordeon das Begleitinstrument. Auch beim bayerischen Publikum stieß die 50-Jährige mit ihrer Fantasiesprache auf Begeisterung.

Durch einen Zufall entdeckte sie eine weitere Leidenschaft: das Puppentheater. Gerne erzählt Lisa Schamberger, wie sie damals der Liebe wegen nach Südtirol gezogen war und 2005 eine Tochter bekommen hat. „Ich war nicht glücklich in Südtirol, mir war es dort zu eng. Ich spürte, dass ich wieder in meine bayerische Heimat zurück musste.“

Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass die fünfjährige Tochter in Südtirol bleiben wollte. Also ging Lisa Schamberger alleine zurück nach Bayern. „Wir haben uns immer viel ausgetauscht und sind uns sehr nah. Es war so schwer für mich, ihre Entscheidung zu akzeptieren, aber man darf niemandem die Wurzeln ausreißen. Und es ist auch nach all den Jahren nicht leicht für mich, doch ich sehe, dass mein Kind glücklich ist“, sagt sie. Durch das Puppenspiel, haben die beiden eine gemeinsame Basis und wieder eine neue intensive Beziehung zueinander gefunden.

2008 sollte zu einem Schicksalsjahr für Lisa Schamberger werden. „Da habe ich mit den Hörspielen angefangen.“ Der Zufall stand ihr Pate, wieder einmal. Nach ihrer ersten CD „Zieharmonikagedanken“, mit Gedichtvertonungen von Barbara Villscheiders Gedichten, erhielt Schamberger einen Auftrag von der Mutter eines autistischen Mädchens, deren Gedichte ebenfalls zu vertonen. So entstand ihre zweite CD „Tanzendes Glück“.

Zur gleichen Zeit begann Lisa Schamberger, Geschichten für Kinder zu schreiben. Es war ein Prozess, bis das erste Hörspiel fertig war und danach stellte sich ihr die Frage, wie sie es bewerben sollte. Ein Freund hatte die zündende Idee: „Mach doch ein Puppenspiel“, sagte er. Gesagt, getan: Puppenmacherin Csanta Reiss aus Neuötting, erschuf für Lisa Schamberger den kleinen grünen Kobold. Acht musikalische Hörspiele und 20 Folgen der „Geschichten aus dem Ötz“ sind mittlerweile entstanden, alle als CD erhältlich.

Neue Kunst: Nach ein paar Jahren in Südtirol entdeckt Lisa Schamberger das Puppenspiel.

Als Naturtalent stellte sich ihre Tochter Ramona heraus, die schon als Siebenjährige die Rolle der Edi Ameise auf den CDs sprach, und bei den Auftritten alle Passagen auswendig vortrug und daneben sogar noch den CD-Player bediente. Nur ins Rampenlicht wollte sie nie. Heute ist sie 15 Jahre alt und noch immer bei den Hörspielen dabei.

Ein weiteres prägendes Erlebnis hatte Lisa Schamberger bereits im Jahr 2000 gehabt. Damals war sie bei einem Fahrradunfall mit dem Kopf auf den Randstein geknallt. Später erlebte sie, wie sie durch gezielte Stimmübungen ihre Schmerzen lindern konnte. Dadurch habe sie angefangen, mit Stimme und Obertoninstrumenten zu experimentieren. Dabei entdeckte sie die Wirkung von Tönen auf verschiedene Körperregionen. Mittlerweile gibt Lisa Schamberger Kurse über die Heilkraft der Stimme und Klangschalenmassagen, lädt zu Klangreisen ein und schreibt an einem Buch zu diesem Thema.

„Die ganze Musik konzentrierte sich für mich plötzlich auf einen Grundton“, erklärt sie. Jeder Mensch habe eine bestimmte eigene Grundfrequenz, in der er schwinge. Mit diesem Ton könne man wieder bei sich ankommen, wenn man „verstimmt“ sei.

Applaus im Ausland: Schubert-Lieder singt die junge Frau auf einem großen Freiluft-Konzert am koreanischen Daejeong-Lake. 

Die Klangmassage eigne sich besonders für Gestresste, doch genauso als Wohlfühlmassage, sie helfe wieder klar zu werden, wenn man Entscheidungen treffen müsse oder einfach nur zur Ruhe kommen und Kraft schöpfen möchte. Denn der Körper besteht zu über 70 Prozent aus Wasser und kommt durch Klangschalen in Schwingung.

Mit ihren Konzerten und Seminaren ist sie weltweit, vor allem in Europa unterwegs. All ihre Kurse hält sie in der Yogaschule Lain am See. Das Wichtigste seien ihr aber das Puppentheater und die Hörspiele der „Geschichten aus Ötz“. „Denn das hat mich irgendwie selbst geheilt. Immer wenn meine Tochter nach den Sommerferien wieder weg war, habe ich mich in meine Ötz-Welt geflüchtet und es sind neue Geschichten entstanden“, verrät sie.

Gerne baut Lisa Schamberger Menschen, Begegnungen und Erlebnisse in ihre Erzählungen ein, die sie beschäftigen und die sie so künstlerisch verarbeitet. Auch alte Leute und Menschen mit Behinderung seien von ihrem Puppentheater und Hörspielen oft sehr begeistert. Deshalb bereitet es Lisa Schamberger auch immer unheimlich viel Freude, wenn sie in Algasing auftreten darf. „Inklusion ist mir ein großes Anliegen. Ein normaler Umgang mit Menschen mit Behinderung ist wichtig. Jeder sollte seine Vorurteile ablegen. Diese Menschen geben einem so viel. Ein Miteinander sollte einfach Normalität werden“, findet sie.

„Ich bin immer offen für Neues, meistens kommt es einfach auf mich zu“, sagt Lisa Schamberger über die vielen Zufälle und Gelegenheiten, die ihren Lebensweg ausmachen. Trotz der akutellen Einschränkungen, die die Pandemie der Künstlerin aufzwingt, ist sie glücklich. „Hier in Dorfen habe ich alles, was ich brauche: Natur, nette weltoffene Menschen und meine Freiheit!“

Lisa Schamberger auf CD

Lisa Schambergers CDs und Hörspiele gibt es in Dorfen im Tagwerk, im Buchladen und bei Power Plant sowie im Erdinger Lesezeichen, im Buchladen Velden und Bioladen Kraiburg zu kaufen.

Birgit Lang

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