+
Der engagierter Kirchenvorstand hat das Jubiläum vorberietet (v. l.): Wolf-Dieter von Fraunberg, Markus Strack, Mathias Schuster, Annette Walz-Trefz, Pfarrersehepaar Annette und Edson Schumacher, Elisabeth Kraft, Angelika Pavlik (mit Sohn Raphael) und Susanne von Nagell.

100 Jahre Evangelische gemeinde in Dorfen

Mutig den Glauben hochgehalten

  • schließen

Evangelische Christen in Dorfen waren nie auf Rosen gebettet. Im 16. Jahrhundert wurden sie verfolgt. In jüngerer Zeit mussten Streitereien und Skandale verarbeitet werden. Doch die Evangelische Gemeinde ist an Herausforderungen immer gewachsen. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag.

Dorfen– Überliefert ist, dass sich im 16. Jahrhundert evangelisch gesinnte Einwohner im Bereich Dorfen trotz Verbots und Verfolgung durch den Landesherrn in Hausbibelkreisen trafen, Gottesdienste in der benachbarten Grafschaft Haag besuchten. Der Dorfener Christoph Vogel, der auch Kämmerer des Haager Grafen Ladislaus war, wurde in München unter Folter verhört und schließlich aus seiner Heimat verwiesen, weil er in Dorfen als Laienprediger tätig war. Es dauerte bis 1917, bis sich in Dorfen evangelische Gläubige Bürger offiziell zusammenschlossen.

Ein Relikt aus alten Zeiten: Das Kreuz stammt aus den Anfangszeiten des Evangelischen Vereins.

Alles begann vor 100 Jahren am 18. November 2017 in einem Wirtshaus, dem damaligen „Eigner Bot“. Auf Initiative des Uhrmachermeisters Niedermayer wurde mitten in den Kriegswirren des 1. Weltkriegs eine Versammlung mit dem Ziel abgehalten, sich zu organisieren. Ergebnis war die Gründung des „Evangelischen Verein Dorfen und Umgebung“. Zunächst wurden die Gottesdienste, etwa sechs pro Jahr, im Dorfener Rathaussaal gefeiert und anfangs von Burghausener, später Erdinger Geistlichen gehalten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die kleine Gemeinde Dorfen der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Taufkirchen zugeordnet. Damals schon ein Novum: Die katholische Pfarrei Maria Dorfen stellte der Evangelischen Gemeinde die Pestkapelle St. Sebastian zur Abhaltung von Gottesdiensten zu Verfügung. Im Gegenzug musste die Evangelische Gemeinde für deren Renovierung und Erhalt sorgen.

Doch es war schon immer der Wunsch der Gemeinde, eine eigene Kirche zu besitzen. Der Grundstein dafür wurde 1981 gelegt, als die Protestanten in der Dorfener Innenstadt das alte Volksbankgebäude kaufen konnte. Mit erheblichem finanziellen Aufwand und tatkräftiger Eigenleistung wurde das Gebäude zum Gemeindezentrum umgebaut.

1992 beschloss dann der Kirchenvorstand unter Pfarrer Rainer Schulze den Bau einer Kirche auf dem anschließenden Terrain. Doch dieser Beschluss wurde nicht nur bejubelt. Zahlreiche Gemeindemitglieder waren gegen den geplanten Neubau, wollten lieber in der Sebastianskapelle bleiben. Doch Pfarrer Schulze lies jede Kritik an sich abprallen. Zeitweise drohte die Gemeinde wegen des Streits gar auseinanderzubrechen. Im August 1993 wurde mit dem Bau begonnen. 15 Monate später wurde das Gotteshaus eingeweiht – sie trägt den Namen Versöhnungkirche. Damit wurde auch ein Zeichen gesetzt, was den Streit um die Kirche betraf.

Jetzt schienen die Zeiten des Streits, der Querelen vorbei. Doch es kam schlimmer. Im Januar 1995 kommt auf, was Gerüchte schon länger besagten: Pfarrer Schulze hat mehrere Konfirmanden sexuell missbraucht. Es war niederschmetternd für die Gemeinde, wollte es doch zunächst niemand glauben, dass ein moderner Pfarrer, ein verheirateter, engagierter Seelsorger, sich an Kindern vergreifen würde.

Es waren schwere Zeiten für die Evangelische Gemeinde. Aber sie wurden durch gemeinsamen Zusammenhalt überwunden. Und dieser Zusammenhalt prägt die Evangelischen Kirchengemeinde Taufkirchen-Dorfen, zu der auch Lengdorf gehört, bis heute. Derzeit umfasst die Gemeinde etwas mehr als 2400 Gläubige. In Dorfen leben etwas mehr als die Hälfte der Gläubigen. Mit der katholischen Pfarrei unterhalten die Protestanten seit langem eine gute ökumenische Beziehung.

Wie die katholische Kirche kämpft auch die Evangelische Gemeinde mit Kirchenaustritten, da macht. Pfarrerin Annette Schumacher kein Hehl daraus. „Es ist eine Herausforderung, junge Menschen beim Glauben zu halten.“ In die Zukunft blickend glaubt Schumacher, dass die Evangelische Gemeinde Dorfen weiter wachsen wird und noch mehr Sammelpunkt für Zugezogene wird. Denn schon jetzt sind die meisten der Evangelischen in Dorfen Wahl-Dorfener. Die Evangelische Gemeinde sei eine Gemeinschaft, in denen Zuzügler „ein Stück Heimat finden und vielleicht auch ankommen“, so die Pfarrerin. Und irgendwie ist es nach 100 Jahren so wie bei der Gründung des Evangelischen Vereins: Die Welt ist wieder voller Gewalt und Grausamkeiten. Da braucht es engagierte Christen, die für den Frieden eintreten, dies auch vorleben. Es braucht ein gutes Miteinander. In Dorfen gibt es dass auch interkonfessionell im Kleinen. Den wie Lektor Jürgen Weithas anmerkt, gibt es in der Isenstadt viele gemischte Ehe zwischen Katholiken und Evangelischen.

Dass die Welt wieder mit großen Problemen konfrontiert ist, von Kriegen über Terror bis hin zu Umweltkatastrophen, das alles ist für die Pfarrerin kein Grund, an Gott zu zweifeln. „Da müssen wir immer auf Menschen verweisen, was wir alles so zulassen, was alles so geschieht, da kann man nicht die Schuld Gott geben. Da müssen wir schon Fragen, wer hat Interesse an den Kriegen, wer schüttet Öl ins Feuer?“ Die Kirche muss sich nach Meinung der Pfarrerin daher zum Wohl der Menschen in die Gesellschaft einmischen, „da wird sie in manchen Fällen auch politisch“. Allerdings, das ist Schumacher wichtig, dürfe nicht parteipolitisch agiert werden.

Das Festprogramm

Am heutigen Samstag findet ein Erinnerungsgang statt. Vom Gründungsort der Evangelischen Gemeinde, dem früheren „Eigner Bot“ geht es über die St. Sebastiankapelle zur Versöhnungskirche. Zum Festgottesdienst am Sonntag um 10.15 Uhr kommt Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler und Dekan Jochen Hauer. Parallel dazu gibt es einen Kindergottesdienst. Nach dem Stehempfang mit Mittagessen im Gemeindezentrum beginnt das von den Gruppen der Kirchengemeinde gestaltete Festprogramm.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Oberes Isental: Wo das Leben ein Genuss ist
Dorfen, Isen und St. Wolfgang dürfen sich jetzt höchst offiziell „Genussorte“ nennen. Die drei Kommunen, in der Region oberes Isental zusammengefasst, sind unter den …
Oberes Isental: Wo das Leben ein Genuss ist
Fällt das Kostenlos-Privileg für Pendler?
Die Parkplatzsituation am Dorfener Bahnhof eskaliert. Pendler finden kaum noch freie Flächen. Geschäftstüchtige Privatleute und Immobilienhändler freut’s: Alle nutzbaren …
Fällt das Kostenlos-Privileg für Pendler?
Gratisparken am Bahnhof muss begrenzt werden
Die Parkplatznot am Dorfener Bahnhof eskaliert. Die Stadt soll weitere Parkplätze bauen, fordert beispielsweise die ÜWG. Zusätzliche Stellplätze dürfen aber nicht mehr …
Gratisparken am Bahnhof muss begrenzt werden
Fußgängerzone: Stadtrat hat Chance vertan
Der Stadtrat von Erding  hätte dem Probebetrieb einer Fußgängerzone zustimmen sollen, um das Projekt dann zu beerdigen. Nun wird die Quartalsdebatte weitergehen, meint …
Fußgängerzone: Stadtrat hat Chance vertan

Kommentare