Mehr als 150 Menschen demonstrierten in Dorfen dafür, den Rand der Gesellschaft im Blick zu behalten. Maikundgebung Dorfen
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Mehr als 150 Menschen demonstrierten in Dorfen dafür, den Rand der Gesellschaft im Blick zu behalten.

Belange von Flüchtlingen, Schulen und Arbeitern

Maikundgebung in Dorfen: „Nie war Solidarität so wichtig wie jetzt“

Die einzige Maikundgebung im Landkreis Erding hat dieses Jahr in Dorfen stattgefunden. Mehr als 150 Menschen gingen dort auf die Straße, um – mit Abstand und Maske – die Tradition der Arbeiterbewegung am 1. Mai hoch zu halten.

Dorfen - Bei der Maikundgebung in Dorfen machten die Redner am Unteren Markt auf Missstände aufmerksam, die seit Beginn der Corona-Krise immer stärker zum Vorschein kommen, etwa die prekäre Situation am Flughafen, in den Schulen oder in den Flüchtlingsunterkünften.

Nie sei Solidarität so wichtig wie jetzt in Zeiten der Corona-Krise, meinte Franz Leutner von der Flüchtlingshilfe Dorfen. Der Begriff verkomme jedoch zunehmend zur Phrase, erklärte der Vorsitzende des Vereins: „Die Menschen sind nur noch auf die Pandemie fixiert und dabei auf sich selbst, auf den eigenen Kreis. Dabei übersehen sie, was am Rande der Gesellschaft passiert.“ In den vergangenen vier Monaten seien mehr als 400 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken, die Lager in Griechenland seien „ein einziges Elend“.

Flüchtlinge in Dorfen haben es schwer

Auch die Flüchtlinge in Dorfen hätten es schwer: „Zwei Familien mit Kindern sind in einem Zimmer eingesperrt“, erzählte Leutner. Dort würden sie schlafen, beten und essen, die Kinder müssten sich in dem ganzen Trubel noch aufs Homeschooling konzentrieren: „Die Lebens- und Wohnverhältnisse in den Unterkünften in Dorfen sind Bildungskiller und außerdem Hotspots für Corona.“ Rund 250 Menschen leben dort derzeit.

Die Auswirkungen der Pandemie auf den Münchner Flughafen seien katastrophal, sagte Luftsicherheitsbeauftragte Fanny Schmid. 1500 Mitarbeiter der Passagierkontrollen seien seit über einem Jahr in Kurzarbeit, würden es bis Ende des Jahres auch bleiben. „Das macht Angst“, sagte Schmid. „Die Leere am Flughafen ist gespenstisch.“

In den Schulen laufe Vieles verkehrt

Doch damit nicht genug, auch in den Schulen laufe viel verkehrt. „Wir arbeiten derzeit am Limit, bekommen wenig Anerkennung“, prangerte Tatiana Hemberger, Schulpsychologin und Lehrerin an der Grundschule Moosinning, an. Dorfens Mittelschullehrerin Heidi Oberhofer-Franz, Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ergänzte: „Die Pandemie deckt auf, was schon vorher im Argen lag.“ Beispielsweise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die nach wie vor extrem schwierig sei, so Oberhofer-Franz. „Die Rahmenbedingungen sind unzureichend, die Betreuungsmöglichkeiten ein Flickenteppich.“

Schorsch Wiesmaier von der Geschichtswerkstatt Dorfen erinnerte an das Kriegsende. „Heute vor 76 Jahren rollten um 20 Uhr amerikanische Panzer in Dorfen ein. Nach nächtlichen Gefechten wurde der Markt am 2. Mai 1945 um 10 Uhr übergeben. Die Namen der Opfer des NS-Regimes seien weitgehend vergessen, während nach Tätern und Profiteuren Straßen benannt wurden, erinnerte Wiesmaier an die Nazi-Verbrechen, auch hier in Dorfen. Etwa 8000 Zwangsarbeiter lebten im Landkreis, das habe der Erdinger Historiker Giulio Salvati herausgefunden.

„Demo ist eine wichtige Tradition“

Einer der Besucher der Kundgebung war Klaus Westentonner. Dem Dorfener war es wichtig teilzunehmen: „Die Demo am 1. Mai ist eine gute Sache, eine wichtige Tradition“, sagte er. Und Inge Asendorf, ebenfalls aus Dorfen, erinnerte an den langen Weg der Arbeiterbewegung, den Acht-Stunden-Tag zu erkämpfen. „Auch heute sind in vielen Bereichen die Arbeitsbedingungen schlecht“, meinte Asendorf und verwies als Beispiel auf die Fleischindustrie und die Pflegeberufe: „Da muss man einfach am Tag der Arbeit auf die Straße gehen.“

Von Michaele Heske

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