Ist die Gaststube bald Geschichte? Viel Herzblut hat Jürgen „Böhmsche“ Böhme in sein Wirtshaus gesteckt. Foto: Weingartner

Wohn- und Geschäftshaus statt Traditionswirtschaft

„Nix wia hi!“ soll weg

Dorfen - Das Dorfener Wirtshaus „Nix wia hi!“ im Stadtzentrum steht vor dem Aus. Der Eigentümer, die Brauerei Stierberg, will 2017 das uralte Gebäude abreißen und ein Wohn- und Geschäftshaus errichten. Hoffnung gibt es dennoch, dass möglicherweise auch eine Gastronomie bleibt.

Im Bauausschuss des Dorfener Stadtrates sollte das Bauvorhaben vorgestellt und beraten werden. Der Bauvorbescheid des Antragstellers, Betriebsinhaberin der Familienbrauerei, Annemarie Kammhuber Hartinger, wurde aber zurückgestellt. „Es besteht noch Klärungsbedarf mit dem Bauwerber und Architekten“, sagte Bauamtsleiter Franz Wandinger. Es geht wieder einmal um das leidige Thema Stellplatzablöse wegen fehlender Parkplätze.

Das ist nicht das Problem von Jürgen „Böhmsche“ Böhme. Der 54-Jährige wollte „schon lange eine Kneipe machen“, sagt der geknickte „Nix wia hi!“-Wirt im Gespräch mit der Heimatzeitung. „Einfach nur schade“ für Dorfens Innenstadt und die vielen Stammkunden, dass so eine Traditionswirtschaft verschwindet.“ Böhme habe zwar „bis jetzt keine Kündigung“ seines Pachtvertrags, aber der Neubau wird kommen, da ist er sich sicher. „Dafür habe ich auch Verständnis“. Er rechne Anfang 2017 mit der Schließung wegen Abbruchs. Unklar sei die gastronomische Zukunft in dem Neubau.

Vor fünf Jahren hatte Böhme die Gelegenheit, die Stierberg-Wirtschaft zu übernehmen und zugepackt. Seitdem steckte er viel Energie und Arbeit in das Lokal, erzählte der Wirt. In Eigenleistung habe er einiges renoviert und saniert, einen Dart-Raum, ein eigenes Stüberl für Spielautomaten und auch den Biergarten mit schönen Details hergerichtet. Eigentlich wollte er das „Dach noch reparieren“, es aber wegen der aktuellen Entwicklung dann doch gelassen.

Wenn man Böhme zuhört, merkt man schnell, das Aus schmerzt, denn sein Herz brennt für das „Nix wia hi!“. Anfangs habe das Lokal einen schlechten Ruf „wegen Raufereien“ gehabt. Er habe reagierte und „einige Leute rausgeschmissen“ und sich dann eine Stammkundschaft aufgebaut. Das ganz „normale Dorfener Volk“ kommt in die Wirtschaft. Stolz ist Böhme auf die Dart-Teams, die bei ihm ein Zuhause haben. Bei Turnieren seien auch schon WM-Spieler da gewesen. Und wenn auf Sky am Samstag und Sonntag die Bundesliga laufe, sei die Gaststube voll. Das „Nix wia hi!“ ist eine der letzten Bierwirtschaften in Dorfen überhaupt. „Der Bierumsatz ist gut, daran kann’s nicht liegen“, sagt Böhme.

Zu seiner Situation erklärt der Wirt, er hätte gerne weitergemacht, aber „jetzt steh’ ich erst mal da“. Weil momentan alles unsicher sei, „gehe ich wieder arbeiten“. Einen festen Arbeitsplatz habe er schon.

Kammhuber Hartinger bestätigte auf Nachfrage der Heimatzeitung, dass man vorhabe, das alte Wirtshaus in Dorfen abzureißen und dort ein neues Geschäfts- und Wohnhaus errichten will. Wenn das Bauprojekt genehmigt wird, wäre im März 2017 Schluss mit dem „Nix wia hi!“. Die Brauerei-Chefin betont aber, dass im Erdgeschoss wieder eine „Gastronomie vorgesehen“ sei, aber keine Pizzeria oder Café. Die Planungen seien jetzt noch in der Schwebe.

Zur Baugenehmigung sagt Kammhuber Hartinger: „Im Moment schaut’s sehr schlecht aus.“ Das Problem seien fehlende Stellplätze. Auf dem Grundstück lasse sich da nicht viel machen, weshalb man Parkplätze von der Stadt ablösen müsste. Das aber wird im Stadtrat und seinem Bauausschuss inzwischen teilweise sehr kritisch gesehen. „Wenn uns Steine in den Weg gelegt werden“, sagt die Brauerei-Chefin, könnte das Bauvorhaben ganz scheitern. Bei über 100 000 Euro rentiere sich ein Neubau wohl kaum noch. Die Summe könnte schnell zusammenkommen, denn eine Stellplatzablöse kostet 6100 Euro. Für das „Nix wia hi!“ ist somit Dorfens Stellplatzsatzung ein letzter Strohhalm.

Das Gasthaus am Unteren Markt wurde von Josef Schmidbauer gegründet, der bis 1955 eine Schankwirtschaft mit Eisverkauf betrieb und von Spirituosenhersteller Anton Zenz bis 1957 weitergeführt wurde. Dann kaufte Brauereibesitzer Georg Kammhuber das Haus und richtete das „Stierberger Bräustüberl“ ein. Zum Schluss führte seine Schwester Centa Kammhuber, eine legendäre Dorfener Wirtin, noch im hohen Alter die Wirtschaft bis 2000. Seit dem heißt es auch „Bei da Centa“. Fritz Hofmann versuchte dann mit seinem „Wia z’Haus – Kehr ein“ ein erste rein vegetarische Gastronomie, scheiterte aber nach nur einem Jahr. Spätere Wirte folgten mit Sigrid Honke, Monika Fuchs, Martina Hornung und Sebastian Melnytschuk. Nun hofft Jürgen „Bömsche“ Böhme, dass er vielleicht nicht der letzte Stierberger-Wirt in Dorfen ist.

Hermann Weingartner

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