Psychologin Daniela Obermaier rät zu positivem Denken statt Schwarzmalen.
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Daniela Obermaier rät zu positivem Denken statt Schwarzmalen.

Dorfener Psychotherapeutin Obermaier: Lockdown ist „Nährboden für Aggression“

Tipps gegen den Corona-Frust

DIe Krise verunsichert zunehmend, führt bei einigen zu Angst, Depressionen, Sucht, Streit und Aggression. Die Dorfener Psychotherapeutin Daniela Obermaier gibt Tipps gegen den Corona-Frust

Frau Obermaier, ist die Krise ein Beziehungskiller?
Das kann man so nicht sagen. Es gibt viele Paare und Familien, die durch die Entschleunigung und den Wegfall vieler Termine wieder mehr Zeit füreinander haben. Bei Paaren und Familien, die allerdings schon vorher Probleme hatten, können sich die Konflikte verschärfen.
Bis zur häuslichen Gewalt?
Die Frauen sind isolierter, es fehlt die soziale Kontrolle durch Freunde und Verwandte. Die Pandemie kann durchaus Nährboden für Aggression und Gewalt sein. Frauen tun sich momentan auch viel schwerer, Hilfe zu bekommen. Bei misshandelten Kindern fällt die Möglichkeit weitgehend weg, von Erziehern und Lehrern gesehen zu werden.
Wer leidet vor allem im Lockdown?
Die großen Benachteiligten sind die Kleinen. Egal ob im Kindergarten oder der Schule – Kinder brauchen Kinder. Es gibt einen Bereich des sozialen Lernens in der Entwicklung eines Kindes, welcher von Erwachsenen nicht bedient werden kann. Besonders betroffen sind dabei natürlich die Einzelkinder.
Was bedeutet das?
Kinder müssen sich mit anderen Kindern messen, lernen sich zu behaupten. Im Spielen miteinander lernen sie auch Einfühlungsvermögen und Fairness. Kinder müssen aber auch begreifen können, im wahrsten Sinne des Wortes - das können sie am Bildschirm nicht. Soziale Kompetenzen lernt man eben nicht am Computer, auch soziale Erfolgserlebnisse hat man als Kind im virtuellen Leben nicht.
Ziehen wir uns derzeit verhaltensauffälligen Nachwuchs heran?
Unter ansonsten positiven Umständen können Kinder Defizite auch gut wieder aufholen.
Mal ehrlich, die Einschränkungen nerven langsam alle Menschen.
Wenn ich Dinge nicht ändern kann, muss ich sie akzeptieren. Es ist nun einmal wie es ist. Die Situation bleibt. Je mehr ich mich auflehne, desto größer wird der Frust. Man darf natürlich schimpfen, muss seinem Ärger sogar Luft machen. Das ist Psychohygiene. Doch diese muss zeitlich limitiert sein.
Wie übersteht man die nächsten Wochen gut?
Meine Empfehlung wäre es, mit allen Sinnen die Natur zu genießen, viele Spaziergänge zu machen. Uns hier im ländlichen Raum geht es vergleichsweise gut. In der Stadt ist dies nicht so gut möglich. Im Englischen Garten trifft sich derzeit halb München.
Die Pandemie bedroht die Wirtschaft, den Einzelhandel und die Kultur.
Viele Menschen haben derzeit finanzielle Sorgen, existenzielle Ängste. Wer die Arbeit verliert, hat kein Einkommen. Das ist ein sehr großes Problem. Ich stelle fest, dass der Alkoholkonsum zunimmt, ebenso Depressionen und Angststörungen.
Was kann ich noch gegen den Corona-Frust tun?
Wir müssen die Freiheit und Autonomie nutzen, die uns momentan bleibt. Kreativ sein, Sport machen und neue Hobbys finden. Jeder sollte achtsam sein, gut für sich selbst sorgen, damit er nicht krank wird. Damit ist nicht nur die Ansteckung durch das Coronavirus gemeint, sondern auch psychische Erkrankungen. Weniger schauen, was gerade nicht geht, sondern suchen und finden, was möglich ist. Vielleicht auch wieder bewusster machen, was alles gut ist in meinem jetzigen Leben ist.
Und das wäre?
Ich bin gesund, habe genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf. Die Familie ist da, die Freunde – auch wenn ich sie gerade nicht treffen kann. Ich weiß, dass sich das leichter sagt, als es getan ist. Aber es ist hilfreicher, als sich darauf zu versteifen, was gerade nicht möglich ist. Manchen Menschen ist es auch möglich, in der Pandemie selbst etwas Gutes zu sehen. Die Umwelt wird derzeit weniger belastet. Und man weiß Dinge wieder wertzuschätzen, die vor der Pandemie selbstverständlich waren.
Jetzt sind Lockerungen in Aussicht. Was, wenn der Lockdown doch wieder verlängert wird?
Es hilft auch, sich auf einen längeren Zeitraum einzustellen. Dann ist man nicht enttäuscht, wenn der Lockdown wieder verlängert wird.

Interview: Michaele Heske

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