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Auf der Dorfener Rathausbaustelle kommen derzeit keine Baggerschaufeln, sondern Spaten und Spachtelkelle zum Einsatz. Archäologin Ramona Baumgartner (vorne) und ihr Team sichern derzeit archäologische Spuren.

Archäologen an der Rathausbaustelle

Regieren, wo früher der Hirsch röhrte

Lieber heute als morgen würde die Dorfener Stadtführung den Beginn der Arbeiten für die weiteren Vorbereitungen zum Rathausneubau sehen. An der Baustelle geht derzeit aber gar nichts: Archäologen untersuchen die Baugrube.

Von Hermann Weingartner

Dorfen – Die brachialen Grobarbeiten mit der Baggerschaufel sind mit dem Abriss des alten Rathauses beendet. Jetzt wird auf der Baustelle händisch mit Schaufel, Spaten, kleinen Spachtelkellen und Pinseln gearbeitet. Kleinteilig wird dabei der Unterboden schichtenweise abgetragen und mit Schubkarren abtransportiert. Das Erdreich wird gesiebt und feinsäuberlich auf Spuren vergangener, menschlicher Kulturzeugnisse im Rahmen der archäologischen Baubegleitung untersucht. Auf der Rathausbaustelle wird dazu unter fachlicher Leitung von Archäologin Ramona Baumgartner (Firma „Baumgartner Archäologie) und ihrem Team nach Spuren menschlicher Siedlungstätigkeit im Bereich des Baufeld gesucht, exakt dokumentiert und später ausgewertet.

Einer der Funde: ein Hirschgebiss.

Der Aufwand in der Baugrube hat sich bereits gelohnt. Es sind bei der akribischen Ausgrabung Fundstücke sichergestellt und „Befunde“, wie Pfahlgründungen, freigelegt worden. Das sei zu erwarten gewesen, sagte Baumgartner beim Besuch der Heimatzeitung vor Ort. Die Archäologin erklärte, es handle sich um ein Bodendenkmal und damit geschütztes Kulturgut. Die ureigene Kulturgeschichte, sei „immer schützenswert“. Es zeichne die Menschen aus, dass wir uns unserer eigenen Geschichte bewusst sind, die eigene Geschichte pflegen und soweit wie möglich behalten wollen.

„Wir wollen aber nicht aufhalten, behindern, stoppen, sondern einfach eine Rettungsgrabung machen“, damit danach was Neues gebaut werden kann, betonte Baumgartner. Aufgabe sei es, Zeugnisse der Vergangenheit zu dokumentierten, damit sie nicht gänzlich verloren gingen und Informationen aus vergangenen Jahrhunderten erhalten blieben.

In zwei Schritten erfolge die archäologische Arbeit, schildert Baumgartner. Erst wurde der Oberbodenabtrag begleitet. Dabei achte man darauf, dass beim Aushub nicht gleich alles zerstört wird. Dann werde einfach mal dokumentiert, was in der ersten archäologischen Bodenschicht stecke und geschaut, wie tief und welche „Befunde“ sich weiter verbergen. Gegraben werden maximal bis zur geplanten Bautiefe, „auf keinen Fall mehr“.

Zu ersten Erkenntnissen erklärte Baumgartner, es wurden deutlich sichtbare Gebäudestrukturen entdeckt. „Da bewegen wir uns im Spätmittelalter“ (zirka 1250 - 1500). Der Bereich in Dorfen am Fluss Isen war wohl ein sehr feuchtes Gebiet, was aus der schön erhaltenen hölzernen Pfahlrostgründung zu schließen sei. Früher war es eben Holz, heute dient eine Betonpfahlgründung als Baustabilisierung. Durch den feuchten Boden sind Hölzer gut erhalten, freut sich die Archäologin.

Arme Leute haben hier wohl nicht gelebt

Aus dem Schlagdatum könne man später „ziemlich genau“ das Baudatum des Behausungen ablesen. Durch die deutlich erkennbaren Strukturen sind auch die Raumstrukturen gut erhalten, so die Expertin. Anhand der Raumstruktur und Lage zu anderen Gebäuden könne man sehen, was für ein Haus das war. Das werde im Nachgang erforscht.

Vermutlich für medizinische Zwecke diente dieses Glasfläschchen früher.

Bisher sind Bruchstücke von Tontöpfen und Deckeln, ein Nagel und der ein Rest eines Hirschgebissen gefunden worden, so die Archäologin. Ein besonders Fundstück sei eine kleine, gut erhaltene Glasflasche, die etwa als Behälter für medizinischen Bedarf gedient haben mag. In gewissen Zeitspannen wurde sehr sparsam mit bestimmten Materialen umgegangen. Das Anfertigen jedes einzelnen Nagels etwa war eine sehr große Arbeitsleistung. Das war nicht zuletzt auch im Mittelalter schon „ein Kostenfaktor“. Wenn dann Nägel oder Glasobjekte gefunden werden, „spricht das für die Bedeutung des Ganzen“. Es waren wohl „nicht ganz arme Leute, die da gehaust haben“.

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