Paraderolle: Helmut Schleich als Franz Josef Strauß, der an seinen Nachfolgern kein gutes Haar lässt. Foto: Lang

Kabarett im Jakobmayer

Schleich erschreckend ehrlich

Dorfen - Ein Massenmörder im Jakobmayer: Die „Bestie von Dottelbach“ – leicht reizbar, den Finger schnell am Abzug. Ehrlich, frank und frei erzählt er, wie, warum und wen er alles getötet hat und was in seinem Gehirn abläuft. Erschreckend aktuelles Kabarett.

Der Massenmörder ist eine der Rollen, in die Kabarettist Helmut Schleich in seinem aktuellen Programm „Ehrlich“ schlüpft. Verstörend. Gern stößt er sein Publikum vor den Kopf, greift auf ungewöhnliche, drastisch-freche Mittel zurück, um dessen Gehirnwindungen in Gang zu setzen.

Auch, wenn nicht jeder alle hintersinnigen Pointen verstand, die Lachmuskeln seiner Zuschauer im ausverkauften Dorfener Jakobmayer-Saal hat er auf alle Fälle gehörig massiert. Denn seine herrlich schräg konstruierten Assoziationen sind nicht nur extrem lustig, sie lassen einen auch immer wieder aufhören, aufschrecken und Kopfnicken. Das Publikum war begeistert von Schleichs Wandlungsfähigkeit und seiner Eloquenz. Gewalt als Alltagsgeschäft. „Darf man jetzt überhaupt noch lachen, nach Nizza und Paris?“ fragt er und heuchelt Unsicherheit vor. Natürlich darf und soll man, gerade jetzt. So sein Credo.

In den folgenden zwei Stunden bricht er ein Tabu nach dem anderen, hangelt sich vom Brexit über den Abgas-Skandal bis zum Trümmerhaufen SPD. Sinniert als Wirtshausbruder Freddy urbairisch, dumpfbackig über dubiose Internet-Gewinnspiele, Dornkaat-Schorlen oder Spekulantentum. Früher habe man Bankbeamter gesagt, die hätten sich mehr für die Formulare als fürs Geld interessiert. Heute seien es „Chiefconsultant-Arschlöcher“.

Dass „die großen Schweine nicht im Kühlhaus hängen, die sitzen in der Chefetage“, das weiß auch der Dyskalkuliker Freddy. Aber Freddy kann auch anders, richtig virtuos. Wie ein Kammerspiel inszeniert er seinen Besuch einer Jahrhundertaufführung im Theater vor dem Auge des Publikums. Genial gut hingeguckt und gespielt.

Tiefgründiger wird Schleich, wenn er im Zylinder und weißem Schal als Heinrich Horch, Gesanglehrer von Willi Fritsch und Marika Rökk, die Bühne betritt. Eine seiner Paraderollen. Heinrich macht sich zungenbrecherisch Gedanken über Gott und die Welt, eine übersprudelnde Dosis an Spaß für den Zuschauer. Über Spionage referiert er, outet sich als Experte vor allem über die sich wandelnden Spionage-Methoden. Während die alten Ägypter ihre geheimen Daten, also ihre Hieroglyphen, lärmend noch in Stein meißeln musste, verfügte Mata Hari schon über „Watzwaxeln“, also Wachswalzen. Der NSA in den Arsch kriechen sei auch eine Art von Spionage.

Die Politprominenz kategorisiert er fein säuberlich und äußerlich ein: „Dick und Doof, das waren früher doch zwei“, heute sei es einer: Sigmar Gabriel. Weigels Augenbrauen vergleicht er mit Pinocchios Nase: „Immer wenn er sagt, weiß ich nicht, wachsen sie.“ Für ihn ist auch klar: „Die Jungen wissen gar nicht mehr, wie Demokratie funktioniert. Die meinen es reicht, dass’ dir die Europa-Farben ins Gesicht pinselst und das Selfie ins Internet stellst.“ Zweideutige Wortspiele liebt er, wenn er etwa von „Draghi’schen Zügen in Griechenland erzählt.

Natürlich fehlt auch Franz Josef Strauß nicht, posthum und ad hoc lästert er über seine „missratenen Betriebsnachfolger“, diese „fehlgeleiteten Vollpygmäen“ und ist entsetzt, was sie aus seiner CSU und seinem Bayern gemacht haben. „In meiner CSU hat es Haderlumpen gegeben, später hat es nur noch zu Haderthauer gereicht.“

Auch über den „Flüchtlingskitsch“ wettert er. Die Fremdenfeindlichkeit gehöre beim Bayern zur Folklore. In Bayern gebe es keine Gäste-, sondern Fremdenzimmer. Denn der Bayer sei historisch betrachtet ein Bauer und alles außerhalb seiner Stalltür sei für ihn ein Fremdkörper. „Ganz tief in uns drinnen sind wir immer noch die Bauernlackl von früher und mögen uns selber nicht“, verrät er und schließt: „Ich bin da Franz Josef und do war i dahoam.“

Mit seiner Bestie von Dottelbach schließt er den Reigen und entlässt sein Publikum, vollgepumpt mit Ehrlichkeit und Wahrheiten, geschickt verpackt. Aber wirklich wissen, wer will das alles? Ehrlich gesagt.

Birgit Lang

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