Das Virus fest in der Hand: Alfred Mittermeier machte aus der Not eine Tugend und schrieb während der Pandemie ein Weihnachtsprogramm. Foto: privat
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Das Virus fest in der Hand: Alfred Mittermeier machte aus der Not eine Tugend und schrieb während der Pandemie ein Weihnachtsprogramm.

Interview über Kultur, Corona und sein Weihnachtsprogramm

Kabarettist Alfred Mittermeier: „Seid’s bitte da, wenn wir wieder da sind“

  • vonAlexandra Anderka
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Der Dorfener Kabarettist Alfred Mittermeier spricht im Interview die Corona-Pandemie, sein neues Weihnachtsprogramm und die Zukunft.

Dorfen – Wie für die meisten Künstler war das vergangene Jahr auch für Alfred Mittermeier ein „Desaster“. Doch der Dorfener hat aus der Not eine Tugend gemacht und endlich ein Weihnachtsprogramm geschrieben, das pünktlich zum Fest am 23. Dezember fertig war. Seit zehn Jahren schwirrt diese Idee in seinem Kopf. Wie ihm das mitten im Sommer bei 30 Grad Hitze gelang, was er von der Corona-Politik hält und wie er die Kulturlandschaft in der Zukunft sieht – das und noch viel mehr erzählt der 56-jährige Kabarettist im Interview mit der Heimatzeitung.

Herr Mittermeier, wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken: Wie geht es Ihnen dabei?
Corona hat mir Mitte März eine fristlose Kündigung in die Hand gedrückt. Von einem Tag auf den anderen war Schluss. Am Anfang war ich noch der Meinung: „Wird ja nicht so lang dauern.“ Aber das Desaster hat sich zeitlich immer mehr ausgeweitet. Insofern wird mir 2020 beruflich gesehen als elendiges Drecksjahr in Erinnerung bleiben.
Wie viele Auftritte konnten Sie noch absolvieren?
Fünfmal habe ich noch gespielt. Für die ersten zwei Auftritte bin ich nach Wien gefahren. Als Bayern noch im ersten kulturellen Lockdown war, hat mich ein österreichischer Kollege kontaktiert. Dort waren die Bühnen wieder offen und haben versucht, das Ganze wieder ins Laufen zu bringen. Es gab dort keine Gage, sondern lediglich eine Aufwandsentschädigung. Mir war das wurscht. Ich wollte einfach nur das Gefühl haben, endlich wieder vor Publikum zu spielen. Dann kam der Sommer. Dorfen. „Die Rampensäue“ im Jakobmayer. Alle beteiligten Künstler haben auf einen Teil der Gage verzichtet, um den Abend stattfinden zu lassen. Bei meinem letzten Auftritt musste der Veranstalter einen 500er Saal anmieten, damit unter Hygienebedingungen 130 Zuschauer zugelassen werden. Damit er nicht draufzahlt, habe ich das, was nach Abzug aller Kosten übrig war, mit ihm geteilt. Das ist meine Bilanz: Fünf Auftritte gespielt und über 60 Auftritte abgesagt.
Fühlen Sie sich als Kabarettist von der Politik im Stich gelassen?
Da ich Rücklagen habe, kam bei mir dieses Gefühl erst später. Nachdem die Regierung der Lufthansa und der Autoindustrie Milliarden Euro Unterstützung bewilligt hat und Millionen Arbeitnehmer mit Kurzarbeitergeld auffing, hab ich mich gefragt: „Und was ist mit uns?“ Ausgerechnet die Solo-Selbstständigen, die den Staat nicht belasten, aber gleichzeitig voll in die Kassen einzahlen, lässt man total hängen. Wir reden hier in der Kunst- und Kulturbranche von über 1,2 Millionen Beschäftigten bei einem Umsatz von 170 Milliarden Euro in 2019. Die wenigsten davon sind Künstler, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Agenturen, Veranstalter, Licht- und Tontechniker, Bühnenbauer, Programmplaner, Kostümbildner... Die Liste ist ellenlang. Rede ich darüber mit einem Kulturpolitiker, versteht er mich nicht, weil er keine Ahnung von Wirtschaft hat. Rede ich mit einem Wirtschaftspolitiker, versteht er mich nicht, weil er keine Ahnung von Kultur hat. „Wir müssen mit dem Virus leben lernen“, wurde uns von oben gesagt. Die Kulturbranche und auch die Gastronomie haben gezeigt, wie das geht. Neben ausgefeilten Hygienekonzepten wurde auch viel Geld investiert, um maximale Sicherheit zu gewährleisten. Aber ausgerechnet die, von denen nachweislich keinerlei Infektionsgefahr ausging, sperrt man Anfang November im Zuge eines „Lockdown light“ als Erste wieder zu, anstelle von zielgerichteten Maßnahmen in Seniorenheimen und Schulen. Wenn ich einen Platten hab, dann schalt ich nicht im Auto das Radio aus und wart drauf, dass er sich dadurch von selbst wieder aufbläst.

Weihnachtsprogramm während der Pandemie geschrieben

Was wäre für Sie ein gerechter Kompromiss gewesen?
Eine Gleichbehandlung. Der Staat hätte für die Solo-Selbstständigen eine Art Kurzarbeit-Programm auflegen können. Oder eine monatliche Grundsicherung, um wenigstens die Lebenshaltungskosten zu decken, anstatt viele von uns in Hartz IV zu schicken. Jetzt endlich, kurz vor Weihnachten, wurde von der Bayerischen Staatsregierung ein entsprechendes Programm speziell für Künstler aufgelegt, bezogen auf Oktober bis Dezember.
Hatte die Krise für Sie persönlich auch etwas Positives?
Definitiv ja. Als mir klar war, dass sich dieses Desaster noch Monate hinziehen wird, habe ich mir, um nicht völlig trübsinnig zu werden, ein Projekt gesucht, das mit diesem ganzen Wahnsinn nichts zu tun hat. Seit über zehn Jahren hab ich vor, ein Weihnachtsprogramm zu schreiben. Bislang fehlte mir die Zeit dafür. Im Frühjahr habe ich damit begonnen, und am 23. Dezember war ich fertig. Quasi eine Punktlandung. Es war für mich eine Genugtuung, Corona symbolisch den kabarettistischen Stinkefinger zu zeigen.
Was ist für einen Kabarettisten das Reizvolle an einem Weihnachtsprogramm? Sie sind ja nicht der Erste, der sich dieses Themas angenommen hat. Loriot und Polt sind ja mittlerweile Klassiker in der Weihnachtszeit.
Ich muss vorausschicken, dass ich Weihnachten mit fast all seinen Begleiterscheinungen mag. Das Thema bietet eine Fülle von satirischen Ansatzpunkten. Während der Adventszeit und der Feiertage läuft ja nicht alles glatt. Ein buckliger Christbaum, ein falsches Geschenk oder eine ausufernde Weihnachtsfeier. Alle Jahre wieder aufs Neue das Alte. Der Wiedererkennungseffekt ist enorm. Und das Praktische, rein arbeitstechnisch gesehen, man kann so ein Programm bis zur Rente spielen, ohne dass man etwas daran ändern muss.

Erster Termin für Weihnachtsprogramm im Jakobmayer – aber erst 2022

War es nicht schwierig, über den Sommer hinweg ein Weihnachtsprogramm zu schreiben? Etliche Künstler sprachen ja angesichts der Umstände von einer regelrechten Schreibblockade oder Kreativitätssperre.
Leicht war’s nicht. Am Anfang war’s richtig zach. Mal ging was, dann wieder wochenlang gar nix. Ein ständiges Auf und Ab. Freilich auch bedingt dadurch, dass sich die berufliche Situation zunehmend verschlechtert hat. Ausgerechnet im Sommer lief’s dann komischerweise. Ich musste über mich selbst lachen: Bei 30 Grad Hitze über Christkindlmärkte und Glühwein zu schreiben. Das war so absurd, dass ich Spaß dabei hatte.
Ist es ein eher lustiges, nachdenkliches oder kritisches Weihnachtsprogramm geworden? Wie lautet der Titel?
Wir wünschen uns ja „Frohe Weihnachten“. Insofern steht ausschließlich der Humor im Vordergrund. Beim Titel überleg ich noch. Der momentane Favorit ist „Ruprechts Knecht“.
Wann kommen die Dorfener zum ersten Mal in den Genuss Ihres Weihnachtsprogramms?
Der Jakobmayer war tatsächlich der allererste Termin, den ich mit dem Programm vereinbart habe. Allerdings erst für Dezember 2022.

Kulturlandschaft wird schlanker

Das ist aber schade. Warum erst so spät?
Ich bin – hoffentlich – am 3. April mit meinem derzeitigen Programm „Paradies“ im Jakobmayer. Ende Oktober stehe ich dort mit den „Rampensäuen“ schon wieder auf der Bühne. Noch ein Auftritt im Dezember wäre zu viel gewesen.
Die Kultur war ja das Stiefkind der Regierung. Wird sie es auch 2021 bleiben?
Wer als erstes zugesperrt wird, der wird als letztes wieder aufgesperrt. Davon wird die Regierung nicht abrücken. In 2020 hatten wir zumindest knapp drei Monate, in denen es normal lief. Ob wir so eine Zeitspanne 2021 haben, ist fraglich. Soll heißen, finanziell wird das dieses Jahr nicht besser. Ein weiteres Problem ist, dass die Städte und Gemeinden ihre Kulturetats auf Jahre hinweg stark kürzen werden, weil zu wenig Geld da ist. Dementsprechend wird es in Zukunft weniger Bühnen, Veranstaltungen und Projekte geben, die gefördert werden.
Wie sieht die Kulturlandschaft 2021/22 aus?
Sie wird schlanker und nicht mehr so vielfältig sein. Es wird viele Künstler und Bühnen nicht mehr geben, weil sie es finanziell auf die Dauer nicht verkraften. Extrem dünn wird es im Nachwuchsbereich. Wer setzt sich in solchen Zeiten dem Risiko aus, eine Karriere im Kulturbereich zu starten? Es werden uns herausragende Talente verloren gehen, von denen wir nicht mal wissen, dass es sie überhaupt gibt.
Was möchten Sie Ihrem Publikum für das Jahr 2021 mit auf den Weg geben?
Der kulturelle Lockdown wird sich noch weit über den Januar hinaus hinziehen. Aber irgendwann werden wir wieder aufsperren dürfen. Dann werden wir da sein mit höchstem Verantwortungsbewusstsein, so wie wir es bereits gezeigt haben. Und dann brauchen wir Euch als unser Publikum mehr denn je. Seid’s bitte da, wenn wir wieder da sind! Ein Gastronom würde sagen: „Bitte essen Sie bei uns, sonst verhungern wir beide.“

Das Interview führte Alexandra Anderka.

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