Vor Gericht

Senioren aus Überforderung misshandelt

Markt Schwaben/Dorfen – Der Fall hatte für Schlagzeilen gesorgt: Eine Pflegehelferin aus Dorfen soll in Altenheimen hochbetagte Menschen misshandelt haben. Jetzt wurde die Geschichte neu aufgerollt.

Das Amtsgericht in Ebersberg hatte die Pflegerin wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährlicher Körperverletzung zu 15 Monaten Haft verurteilt. Doch sowohl die Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft waren unzufrieden mit dem Urteil und legten Berufung ein. Nun wurde der Fall vor dem Landgericht München II neu aufgerollt.

Die erste Misshandlung hatte sich laut Amtsgericht Ebersberg am 23. September 2009 in Dorfen zugetragen. Dort habe die Pflegerin eine 83-jährige Frau mit dem Badelifter in 35 bis 40 Grad heißes Wasser gehoben. Diese habe vor Schmerzen geschrien und sich Verbrühungen ersten Grades zugezogen. Die Verletzungen waren so schwerwiegend, dass sie auf die Intensivstation des Klinikums Bogenhausen verlegt werden musste. Die weiteren drei Vorfälle stammen von Juni und Juli 2013. Zwei knapp hundertjährigen Damen soll sie mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen haben, einer davon sogar noch ein zweites Mal. Das Amtsgericht sprach von einer „fremdes Leiden missachtenden Gesinnung“. Es verhängte auch ein dreijähriges Berufsverbot.

Die Dorfenerin, die inzwischen in einer anderen Branche arbeitet, beteuerte allerdings ihre Unschuld. Sehr schüchtern, leise und zögerlich berichtete sie dem Gericht von den Vorfällen. So habe sie in Dorfen Badewasser für die 83-Jährige eingelassen und dieses „mit der Hand getestet“. Dann habe sie die Frau mit dem Lifter ins Wasser gelassen. „Sie ist mir so reingerutscht.“ Auf Nachfrage erklärte sie: „Ich habe auf den Knopf gedrückt, der Lifter ging schnell runter.“ Als die Seniorin schrie, habe sie das Wasser ausgelassen, die Frau mit kaltem Wasser geduscht und Hilfe gerufen. Einmal sagte sie auch, sie habe den Lifter gleich wieder hochgefahren. Der Staatsanwalt hielt ihr vor, dass sie insgesamt drei verschiedene Varianten geschildert habe. „Ich kann das vielleicht nicht alles immer so gut formulieren“, sagte sie. Die Schläge wies sie gänzlich zurück.

Nach langen Befragungen und zwei Rechtsgesprächen ließ die 35-Jährige die Taten dann doch über Verteidigerin Sabine Sepp einräumen: „Es wird gestanden, dass es aus Überforderung geschah.“

Beim psychiatrischen Gutachten stellte sich dann Erstaunliches heraus: Laut Testung verfügt die 35-Jährige über einen Intelligenzquotienten von 43 – wenn er wohl auch im tatsächlichen Leben höher liege. Auf alle Fälle leide sie an einer Intelligenzminderung, die schnell zur Überforderung führe. Das rechnete ihr das Landgericht an und verhängte eine Strafe von neun Monaten auf Bewährung. Das Berufsverbot bleibt bestehen.

Nina Gut

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