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„Slow Fashion“ wandert ab

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Sind umgezogen: Katharina Stahr und Matthias Brechter wechseln von Dorfen nach Buchbach.
Sind umgezogen: Katharina Stahr und Matthias Brechter wechseln von Dorfen nach Buchbach. © Michaele Heske

Einen Modeladen weniger gibt es in Dorfen.

Dorfen – Katharina Stahr und Matthias Brechter hatten in der Bäckergasse Öko-Mode vertrieben: „Slow Fashion Dorfen“. Ein idealistisches Unterfangen, auch wenn faire und ökologische Kleidung mittlerweile erschwinglich ist. Wegen der Corona-Krise konnten die beiden Dorfener die Miete in der Isenstadt nicht mehr stemmen – an diesem Samstag eröffnen sie einen neuen Laden in Buchbach.

Grün ist das neue Schwarz – das Klischee von bunt gebatikten Baumwollschals, lila Haremshosen und gewalkten Filzpuschen ist längst passé. „Faire Mode deckt mittlerweile die gesamte Palette der Freizeitkleidung ab: T-Shirt, Sweatshirt, Kapuzenpullover, Trainingshose oder auch Leggings“, erklärt Matthias Brechter. „Klar haben nachhaltige Kleidungsstücke ihren Preis – doch Basics werden mittlerweile auch in höherer Stückzahl produziert und dadurch natürlich entsprechend günstiger.“

Brechters Lebenspartnerin Katharina Stahr ist Schneiderin. Sie weiß, wie aufwändig es ist, Kleidung herzustellen. Und wie belastend die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie sind. „Gerade in Niedriglohnländern sind die Arbeiter oft giftigen Chemikalien ausgesetzt, die Arbeitsstätten sind schlecht belüftet, der Geräuschpegel ist hoch. Über zwölf Stunden täglich, ohne Pausen – das geht an die Substanz und macht Angst.“ Doch damit nicht genug. Brechter, der hauptberuflich als Gärtner in Isen arbeitet, weiß, wie giftig die meisten Stoffe sind: „Der Einsatz von Pestiziden auf Baumwollfeldern liegt bei rund 80 Prozent.“

Bis zu acht wechselnde Kollektionen im Jahr seien Usus in der Modebranche. „,Fast Fashion’ eben, da wollen wir nicht mitgehen“, erklärt der 40-jährige Brechter. Neben gängigen fairen und grünen Labels bietet das Paar auch individuell entworfene Einzelstücke aus natürlichen Fasern an. Leinen etwa, kombiniert mit ökologischer Schurwolle und Seide, sagt Schneiderin Stahr. „Die Leute bringen mir oft wunderbare alte Stoffe und Kleider, die dann recycelt werden – das macht den besonderen Chic meiner Kleider aus.“

Vor sechs Jahren trafen sich Stahr und Brechter, dessen Eltern eine Gärtnerei in Isen haben, im Tagwerk in Dorfen. „Wir merkten sofort, dass wir auf der gleichen Wellenlänge sind“, sagt Stahr. Privat aber auch geschäftlich. 2015 eröffneten sie den Laden in der Bäckerstraße in Dorfens Innenstadt, inklusive „Katharinas Nähcafé“. Zu den Kunden gehörten alle Leute, denen eine nachhaltige Zukunft wichtig sei, meint Stahr: „Aus dem Umfeld des Tagwerk – Dorfen ist ja eine sehr offene, ökologische Stadt.“ Oft schneiten auch Interessenten rein, die gegoogelt hatten, wo es in der Region Öko-Mode zu kaufen gebe. Vor Corona.

Die Krise traf das Paar hart. „Wir wurden sehr von unseren Kunden unterstützt“, freut sich Stahr. „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an den Zusammenhalt denke.“ Sie erzählt von einer Familie, die ihnen das zusätzliche Corona-Kindergeld spendete, aber auch von Leuten, die extra Geschenkgutscheine kauften. „Lasst euch nicht unterkriegen“, sagten die Unterstützer. Denn weil der Laden ein Nebengewerbe ist, bekam Brechter keine staatliche Unterstützung. In Buchbach hat sich Brechter jetzt in ein Atelier eingemietet: „Hier ist die Miete wesentlich günstiger.“

Auch wenn Stahr und Brechter künftig räumlich Dorfen den Rücken kehren, so bleiben sie ihrer Heimat dennoch ideell verbunden. „Es ist mir eine Herzensangelegenheit, weiterhin Nähkurse anzubieten“, sagt Stahr. Dazu gehören auch Workshops für Kinder- und Babykleidung. Die 36-jährige Mutter eines zweijährigen Sohnes bietet auch weiterhin Nähkurse für Kinder bei der Aktion Ferienspaß an.

Und auch für Geflüchtete setzt sich Stahr ein: „Nähen bringt Menschen zusammen, die auf der Straße nie miteinander reden würden – hier begegnen sich alle auf Augenhöhe.“ Schließlich solle jeder seinen Platz in der Gesellschaft haben: „Wir wollen Grenzen abbauen, für alles und jeden offen sein – das ist ein Gebot der Fairness.“ Und Brechter fügt an: „Wir haben nur eine Welt – Nachhaltigkeit und Umweltschutz, das sind unsere Werte – und das sind wir auch unserem Sohn schuldig.“

VON MICHAELE HESKE

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