Sie wurde nur 30 Jahre alt

Nachruf zum Tod von Eishockey-Nationalspielerin Sophie Kratzer

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Die ehemalige Eishockey-Nationalspielerin Sophie Kratzer erliegt mit 30 Jahren einem Krebsleiden. Ein bewegender Nachruf aus ihrer Heimat Dorfen.

  • Sophie Kratzer stirbt mit nur 30 Jahren an einem Krebsleiden.
  • In diesem persönlichen Nachruf aus ihrer Heimat lesen Sie ihren Werdegang.
  • Denn Sophie Kratzer war noch so viel mehr als eine Eishockey-Nationalspielerin.

Velden/Dorfen – „In 20 Jahren möchte ich nochmal nach Sotschi, um zu schauen, was aus den Sportstätten geworden ist.“ Sophie Kratzer sagte dies 2014, nachdem sie von den olympischen Winterspielen aus Russland zurückgekehrt war. Und sie hatte noch so viel mehr vor. Doch Anfang der vergangenen Woche ist die Eishockey-Nationalspielerin aus Velden gestorben. Sie wurde nur 30 Jahre alt.

Zum Tod von Sophie Kratzer: So viel mehr als eine Eishockey-Spielerin

Es würde Sophie Kratzer nicht gerecht werden, sie nur auf Eishockey zu reduzieren. „Sie war musisch aktiv, hatte im Gymnasium Kunst als Leistungskurs belegt und spielte Posaune in der Bigband. Fotografieren war ihre große Leidenschaft. Sie war politisch sehr interessiert“, sagt ihre Mutter Maxi Kratzer. „Aber natürlich war sie als Sportlerin bekannt – Sport spielte allein schon vom Zeitaufwand her eine große Rolle.“

Eishockey-Nationalspielerin gestorben: Sophie Kratzer spielte als Kind Fußball

Und sie hatte Talent, nicht nur im Eishockey. Sie hat als Neunjährige Fußballtrainer Manfred Schellner vom TSV Velden gefragt, ob sie in der eishockeyfreien Zeit Fußball spielen dürfte – wie ihr Bruder Johann. Ein Mädchen in der Mannschaft, das war damals im ober-/niederbayerischen Grenzland nicht alltäglich. Doch dann wurde sie Torschützenkönigin und war schnell im Buben-Team integriert.

Im Schulskilager hatte sich Sophie für die schwächste Gruppe angemeldet, denn sie hatte kaum Praxis auf der Piste. Am Ende der Woche war sie in der ersten Gruppe. Sie hat sich offenbar recht leicht getan, weil das Schlittschuh fahren dem Ski fahren doch sehr ähnlich ist. 

Denn Eislaufen konnte sie, seit sie mit vier Jahren am Weihnachtskurs des ESV Gebensbach teilgenommen hatte. Sophie kam an die Bande gefahren und fragte: „Mama, tätest du mir für zehn Mark einen Schläger kaufen. Einen Helm darf ich mir ausleihen. Und dann könnte ich im Skianzug Eishockey spielen.“ 

Das war die Idee von Nachwuchsleiter Alfred Irber, und Sophie fand das gut – und in Stefan Petermaier einen ruhigen und einfühlsamen Trainer, der sie in den folgenden Jahren behutsam förderte. Nach ihrem sportlichen Ziel gefragt, meinte der Knirps schon damals, und an dieses Zitat erinnert sich Petermaier ganz genau: „Wenn es möglich wäre, würde ich gern bei olympischen Spielen teilnehmen.“

Eishockey-Nationalspielerin Sophie Kratzer: Als Mädchen bei Gebensbach, als Schülerin beim ESC Dorfen 

Das Mädchen stürmte für Gebensbach, ab den Kleinschülern für den ESC Dorfen. Und mit 14 kam der ESC Planegg auf sie zu: Frauen-Bundesliga. Eishockey-Reisen durch ganz Deutschland. „Zum Glück waren die Heimspiele in Grafing“, erzählen die drei Geschwister. „Das waren dann unsere Familienausflüge.“ Und sie freuten sich für die Erfolge ihrer Schwester, die mit dem ESC Planegg sieben Meisterschaften holte. Parallel spielte sie bis zur Jugend bei den Jungs sowie in den DEB-Nachwuchsmannschaften und schließlich im Nationalteam.

Über 150 Mal lief Sophie Kratzer für das deutsche Frauenteam auf. Ihr größter Erfolg: Platz vier bei der WM in den USA im Jahr 2017. Sportlich wertete sie das stets höher als Rang sechs bei Olympia, das sie übrigens beinahe verpasst hätte, denn sie zog sich im Dezember 2013 ihren zweiten Kreuzbandriss zu, keine drei Monate vor den Spielen.

In Absprache mit ihren Eltern legte sie ihr Studium (Lehramt Deutsch, Sozialkunde Geschichte) kurz auf Eis und arbeitete mit Unterstützung eines kleinen Münchner Orthopädie-Teams zielstrebig weiter. Mit Erfolg. Nationaltrainer Peter Kathan nahm seine stets zuverlässige Mittelstürmerin mit nach Sotschi.

Sophie Kratzer erklärte uns damals selbst, als sie aus Sotschi zurückkam. „Dabei sein ist alles? Das war vielleicht eine Zwischeneinstellung. Aber natürlich will man gewinnen.“ Und dann fügte sie hinzu: „Sonst schaffst du es erst gar nicht bis Olympia.“

Solche Sätze kamen bei Sophie Kratzer nie einfach so aus der Hüfte geschossen. Den Interviewer mit Plattitüden abzuspeisen – das war nicht ihre Art. Also ließ sie sich Zeit – zwei, drei, vier Sekunden – erst dann war sie bereit für eine Antwort: Ruhig, höflich, aber bestimmt in der Sache und oft mit der Einladung an den Reporter, selbst nachzudenken. Olympia – das sei bei den TV-Übertragungen so groß. „Da gibt es Zeitlupen, jede Szene wird mit Musik untermalt. Aber wenn du selbst dabei bist, sind die Spiele wieder so klein, so nah, so normal.“

„Sophie war immer wichtig, ihre Mitspielerinnen zu motivieren“

Sophie Kratzer machte sich immer ihr eigenes Bild. Deshalb setzte sie sich auch in den Bus und erkundete die Umgebung von Sotschi, bemerkte die Häuser rund um die Skisprungschanze, deren Türen einfach zugemauert wurden. Sie besuchte ein Bergdorf und ließ den Anblick auf sich wirken: „Du stehst da auf dem Gipfel, siehst das Schwarze Meer und meinst, du kannst gleich losschwimmen.“

Abgehoben? Da würden jetzt wohl alle Teamkolleginnen vehement widersprechen. „Sophie war immer wichtig, ihre Mitspielerinnen zu motivieren“, erzählt Julia Zorn, Kapitänin der Nationalmannschaft. „Sie hat ihnen Motivations-Karten geschickt, die sie mit Liebe und Geduld gezeichnet und gebastelt hat.“ Und Zorn ergänzt: „Sophie hatte auch einige Freundinnen in der russischen Mannschaft.“ Daran habe sich auch nichts geändert, nachdem klar war, dass die Russinnen sie um einen großen Erfolg gebracht haben.

Blenden wir nochmal zurück: Sotschi, 2014, erstes Spiel des Olympia-Turniers. Die DEB-Auswahl ist Außenseiter in der vollen Halle gegen das Team des Gastgebers, führt aber nach dem ersten Drittel 1:0. Nach der Pause sind die Russinnen wie aufgedreht aus der Kabine gekommen. Das sahen alle, die daheim am Bildschirm saßen und das Spiel verfolgten. Die Partie ging noch verloren. Später wurde das russische Team disqualifiziert. Dieser Betrug gerade im olympischen System habe ihre Tochter enttäuscht, sagt Maxi Kratzer, „aber sie hat nie über die jungen Frauen geschimpft“, sondern sich ihre eigenen Gedanken über Doping gemacht. Und über viele andere Dinge.

Nach dem Staatsexamen fasste sie den Entschluss: Lehramt ist nicht das Richtige für sie. Deutsch, Geschichte, Sozialkunde – das war für sie alles spannend. Aber Sophie Kratzer interessierte sich für noch viel mehr. Der erste Schritt: Sie arbeitete beim Deutschen Eishockeybund (DEB) bei der Organisation der Eishockey-WM der Männer in Köln und Paris mit, wobei ihr zugute kam, dass sie neben dem logistischen Talent auch Englisch, Italienisch und Französisch beherrschte. Ein Jahr später, im Oktober 2018, begann sie das Volontariat bei der Katholischen Journalistenschule. Sie recherchierte in Nordostindien, schrieb Reportagen für das Missio-Heft, unter anderem über Menschen, die dort für Cent-Beträge mit den bloßen Händen Kohle abbauen. Gemeinsam mit zwei Kollegen vom Missio-Verlag gewann sie den Alternativen Medienpreis mit einem multimedialen Dossier zum Thema Goldhandys.

Sophie Kratzer nach Krebserkrankung gestorben - auch in den letzten Wochen gab es noch schöne Momente

Schon über ein Jahr zuvor hatte sie die erste Krebs-Diagnose erhalten. „Ich bin in Behandlung, die Ärzte nennen das lebensverlängernde Maßnahmen. Aber das sehe ich ein bisschen anders. Ich nehme das sportlich“, sagte Sophie Kratzer zu ihren Volontariatskollegen. Doch dieser niederträchtige Krebs hat ihr keine Chance gelassen – nicht mal ihr, die sie mit ihrer Zielstrebigkeit und Zuversicht so viel aus ihren Begabungen gemacht hat. Aufgegeben habe sie nie. Sie hat immer nach Wegen gesucht, ihr Leben zu verbessern, immer noch viel Sport gemacht und weiterleben wollen.

Auch in den letzten Wochen habe es noch schöne Momente gegeben, zum Beispiel, wenn ihre beiden kleinen Nichten sie im Krankenhaus besucht haben. Die Eltern, ihre drei Geschwister, ihre Lebensgefährtin Marie Heinz und deren Eltern begleiteten Sophie Kratzer bis an ihr viel zu frühes Ende.

Der Trauergottesdienst mit anschließender Urnenbeisetzung beginnt am Samstag, 25. Januar, um 10 Uhr in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Dorfen.

Rubriklistenbild: © mm

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Kommentare

Guido LangenstückAntwort
(1)(0)

Wie kann man hier nur ein Dislike geben? Kopfschüttel

Walter Stein
(4)(2)

Krebsforschung, das ist doch mal ein lohnendes Tätigkeitsfeld. Nicht Genderstudies. Ich muss an Douglas Murray denken, der sagte, die jungen Leute sollten sich wirklich weniger mit dem eigenen Bauchnabel befassen und statt dessen mit Themen, die die Welt wirklich voranbringen. Wie gesagt, eines wäre die Forschung an Möglichkeiten, diesen furchtbaren Krebs endlich zu besiegen.

Taiga_Wutz
(3)(1)

Sehr traurig. Der Familie und den Hinterbliebenen viel Kraft.