Üben Kritik am Historischen Kreis (v. l.): Hans Elas, Doris Minet und Monika Schwarzenböck von der Geschichtswerkstatt.
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Üben Kritik am Historischen Kreis (v. l.): Hans Elas, Doris Minet und Monika Schwarzenböck von der Geschichtswerkstatt.

Zoff in der Isenstadt

Zwei Dorfener Vereine liegen im Clinch

„Die Vergangenheit, die nicht vergehen will“, war schon mal Auslöser eines Historikerstreits.

Dorfen – Auch in Dorfen wird derzeit heftig diskutiert. Die Geschichtswerkstatt prangert den Historischen Kreis an, das Kriegende und den Einmarsch der Amerikaner in der Isenstadt historisch nicht richtig zu bewerten. Zudem fordern die Dorfener Geschichtswerkstattler, dass das Stadtarchiv digitalisiert wird und die Dorfener Heimat- und Familienforscher dadurch leichter Zugang zu den Dokumenten bekommen.

Schon lange brodelt es zwischen den beiden Dorfener Vereinen, die sich mit der heimischen Geschichte befassen. Die Geschichtswerkstatt Dorfen rief beispielsweise Anfang Mai dazu auf, „weiße Fahnen für Frieden und Freiheit“ zu hissen. Im Mai vor 75 Jahren war die US Army nach Dorfen gekommen. Mit diesen Fahnen an nahezu allen öffentlichen Gebäuden sowie an etlichen Privathäusern gedachten die Dorfener des „Tages der Befreiung“. Vor dem Heimatmuseum indes wehte keine Fahne. „Es gab auch eine Reihe von Menschen, die haben diesen Tag nicht als Befreiung empfunden“, sagt Jürgen Weithas, Vorsitzender des Historischen Kreises. Und: „Im Vorstand gab es dazu unterschiedliche Meinungen – deshalb haben wir uns an dieser Aktion nicht beteiligt.“ Er sieht daher keinen Grund, „einen Streit hochzupushen“.

Für Bürgermeister Heinz Grundner war die Fahnen-Aktion allerdings ein wichtiges Signal gegen Rechts. „Was damals geschah, darf nicht wieder passieren, deshalb habe ich auch die Schirmherrschaft übernommen“, erklärt er im Gespräch mit der Heimatzeitung. In Vereinsinterna mische er sich allerdings nicht ein, das sei auch nicht seine Aufgabe.

Hans Elas von der Geschichtswerkstatt Dorfen ärgert sich vor allem über die „Ignoranz“ des Historischen Kreises: „Das ist ja nicht irgendein Verein, sondern er stellt den Anspruch, sich objektiv und offiziell mit der Heimatgeschichte zu befassen.“

Der jüngste Bericht von Heimatforscher Franz Streibl „Das Kriegsende in Dorfen 1945“ auf der Homepage des Historischen Kreises brachte das Fass für die Geschichtswerkstatt nun zum Überlaufen. „Da entsprechen einige Passagen nicht den historischen Fakten“, moniert Doris Minet. Und Monika Schwarzenböck fügte an: „Der Autor bagatellisiert das Elend dieser Zeit, ich habe mich wahnsinnig geärgert.“ Streibl habe seine Erinnerungen als kleiner Bub aufgeschrieben, dabei nicht das tatsächliche Geschehen berücksichtigt. „Von einem Historischen Kreis mit dem Anspruch gesicherter Erkenntnisse erwarte ich eine Unterscheidung zwischen Erinnerungen und Ereignissen“, erklärt Schwarzenböck. „Dieser Bericht wird der großen Katastrophe, die das Nazi-Regime und der Zweite Weltkrieg nun mal waren, nicht gerecht“, ergänzt Minet.

Manche Passagen seien schlichtweg „empathielos“, wettert Schwarzenböck. Die Theologin verweist auf Streibls Erinnerungen an die Kriegsgefangenen in Dorfen, die sich „auf Fotos stolz hinter dem Pflug präsentierten“. Sie revidiert: „Diese Menschen, darunter auch Kinder, mussten gezwungenermaßen oft bis zur Erschöpfung für das Land arbeiten, das unendliches Leid über die eigenen Landsleute gebracht hat. Oft wurden die Kriegsgefangenen geschlagen.“ Und sie beschreibt die „brutale Realität: Viele Dorfener haben 1942 zugeschaut, wie ein kahl geschorenes Mädchen aus der Umgebung durch Dorfen getrieben und beschimpft wurde.“ Die junge Frau saß eineinhalb Jahre im Gefängnis, weil sie von einem französischen Zwangsarbeiter schwanger war.

Minet, ehemalige 3. Bürgermeisterin und langjährige Seniorenreferentin Dorfens, ist Mitautorin des Buches „Wie kam der Davidstern nach Dorfen“, das im Herbst 2015 von „Dorfen ist bunt“ publiziert wurde. „Beim Thema der ,Displaced Persons’ wird nicht erwähnt, dass es sich um Shoa-Überlebende handelte – man könnte Genaueres mit entsprechenden Belegen in unseren Veröffentlichungen lesen“, sagt sie. Schließlich stünde der Bericht unkommentiert auf der Homepage des Historischen Kreises – ohne historische Belegung und Beurteilung.

Der Zeitpunkt der Auseinandersetzung scheint bewusst gewählt, denn wenige Tage vor der Jahreshauptversammlung des Historischen Kreises am kommenden Montag treten Minet, Schwarzenböck und Elas mit ihrer Kritik an die Presse heran.

Wolfgang Lanzinger, Historiker und Vorstandsmitglied des Historischen Kreises, versucht zu beschwichtigen. „Die Missstimmung zwischen Historischem Kreis und Geschichtswerkstatt ist bedauerlich, denn beide verbindet doch eigentlich das gleiche Ziel: die objektive Erforschung der Heimatgeschichte, auch mit dem Ziel, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen“, betont er. Das gelte ohne Umschweife auch für ein besonders unrühmliches Kapitel der Geschichte: das Dritte Reich.

Lanzinger erinnert an die Worte des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah; aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Seriöse Geschichtsforschung könne dazu einen wertvollen Beitrag leisten. Schon alleine deshalb müsse man – von heute aus betrachtet – den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung verstehen.

Allerorten hätten damals Einheimische die alliierten Truppen mit einer weißen Fahne empfangen. „Den westdeutschen Besatzungsmächten ist der rasche Aufbau einer demokratischen Selbstverwaltung auf den Trümmern eines zutiefst verbrecherischen Regimes zu verdanken und damit die Befreiung von einer Diktatur, die bis heute als Schande Deutschlands nachhallt“, so Lanzinger. Dieses Statement ist zumindest auch den Heimatforschern der Dorfener Geschichtswerkstatt aus dem Herzen gesprochen.

Michaele Heske

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