Bemerkenswerter Einsatz: Barbara Huber begleitet schwerkranke Menschen auf dem letzten Weg.

LICHT IN DIE HERZEN

Der Tod kehrt ins Leben zurück

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Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi, das Fest der Liebe. Im Mittelpunkt steht in vielen Familien das Zusammensein, sich gegenseitig zu Beschenken. Wer denkt an einem solchen Tag schon daran, dass mit der Geburt das Sterben beginnt?

Dorfen – Die Geburt eines Menschen mitzuerleben, das ist etwas ganz normales. Nur wenige Väter werden sich dieses, das Leben prägende Ereignis entgehen lassen. Anders ist das immer noch beim Sterben. In einer Gesellschaft, in der Erfolg, Gesundheit und ewige Jugend an oberster Stelle stehen, hat der Tod keinen Platz. Dabei ist der Sterben so natürlich wie die Geburt. Im Leben von Barbara Huber ist der Tod täglich so präsent, wie der Boandlkramer in der bayerischen Kultkomödie „Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“. Die 52-Jährige ist Palliativ Care-Fachkraft.

Die im Holzland lebende Ehefrau und Mutter arbeitet beim Palliativteam Erding und in der Klinik in Dorfen. Landläufig wird ihr Beruf als Sterbebegleiterin bezeichnet. In Wirklichkeit ermöglichen Barbara Huber und ihre sieben Kolleginnen Patienten mit schweren Erkrankungen, die oft starke Schmerzen haben, dort zu sein und zu bleiben, wo sie am liebsten sind: zu Hause. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Zuhause die eigene Familie oder die gewohnte Umgebung in einer Pflege- oder Behinderteneinrichtung ist. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Verbesserung und Erhaltung der Lebensqualität durch bestmögliche symptomlindernde Therapie“, erläutert Huber Tätigkeit. Seit fünf Jahren ist die gelernte Krankenschwester in diesem Beruf jetzt tätig. Dass sie sich um Sterbende kümmert, hat sich aus ihrer beruflicher Erfahrung so ergeben.

Die feinfühlige Frau hat es seit ihrem 17. Lebensjahr erlebt, „dass Sterben im Krankenhaus sehr schwierig ist“. Dort könne nicht individuell auf die Patienten, die Angehörigen, das Umfeld eingegangen werden. Und natürlich auch nicht auf die persönliche Lebenssituation. Schon als junge Krankenschwester war es für Huber nicht nachvollziehbar, „dass Sterben ein Tabu ist. Mein Wunsch war, das zu ändern, das ganz anders zu machen.“ Ihre Vorstellungen vom liebevollen Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden kann die Fachfrau im Palliativteam Erding umsetzen. Huber hat eine Doppelfunktion: Sie ist stellvertretende Pflegedienstleitung im Palliativteam und übernimmt überwiegend pflegerische und medizinische Versorgung von Patienten zuhause. In der Dorfener Klinik ist sie für Patien zur palliativen Überleitung da.

Respekt vor den Angehörigen

Einen Tag in der Woche geht sie mit den beiden Chefärzten Prof. Folke Schriever und Dr. Ludwig Rudolf auf Visite und lernt dabei Patienten kennen, die aufgrund ihrer schweren Erkrankung als nicht mehr heilbar gelten und die wissen, dass ihr letzter Weg auf Erden begonnen hat. Viele von diesen Patienten wollen die letzte Zeit ihres Lebens zuhause verbringen. Huber hilft ihnen und den Angehörigen dabei. „Wir geben Sicherheit, nehmen die Angst“, sagt die 52-Jährige. Und sie ist voll des Lobes, gerade für die Angehörigen. „Die meisten wachsen schnel in die Arbeit hinein. Ich habe ungeheueren Respekt davor, was die über Wochen oder Monate leisten.“

Wenn es geht, ist Huber auch dabei, wenn ihre Patien sterben. Es bedarf meist keiner großen Worte. „Manchmal genügt es, die Hand des Sterbenden zu halten. Ich bleibe dann da, bis es vorbei ist.“ Das Sterben habe meist etwas friedliches, erzählt Huber. Doch nicht alle Menschen sterben gut. Nicht selten ist der Übergang vom Leben in den Tod unruhig und schmerzvoll. Gerade junge Patienten wehrten sich oft gegen das Sterben – „Da ist noch so viel ungelebtes Leben“, sagt Huber dazu. Doch auch Erwachsene, die noch viel Unaufgeräumtes, etwa Streit in der Familie, in ihrem Leben angehäuft hätten, würden am Leben festhalten. Gelingt es, diesen Streit beizulegen, würde auch der Abschied aus dem Leben leichter fallen.

2016 hat das Palliativteam Erding 300 Sterbende begleitet. Huber selbst hat in den fünf Jahren ihrer Tätigkeit mehrere hunderte Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Voll des Lobes ist die bewunderswerte Frau dabei von der „hervorragenden Zusammenarbeit“ in Dorfen mit dem Altenheim Marienstift und dem Pflegeheim Algasing. Das sei im Landkreis längst nicht selbstverständlich. „Es wird oft auch weggeschaut, was in Heimen passiert“, klagt Huber.

Die durchschnittliche Betreuung von Patienten beträgt etwa 16 Tage, bis sie versterben. Manchmal dauert eine Betreuung auch über ein Jahr. Und es gibt auch kleine Wun-

der: In seltenen Fällen bessert sich der Gesundheitszustand von Patienten wieder so, dass eine palliative Betreuung

Zweifel an Existenz Gottes

nicht mehr notwendig ist. „Das ist dann eine große Freude für uns, das tut uns gut“, sagt Huber.

Sie bezeichnet sich selbst als gläubigen Menschen. Doch immer wieder überkommen sie Zweifel. „Ich gehe häufig sehr hart mit dem da oben ins Gericht“, sagt sie über Gott. „Manchmal bin ich auch richtig wütend auf ihn und frage, wo bist Du, schau halt nur einmal hier her“! Gerade bei Sterbenden, die noch kleine Kinder hätten, „fällt es mir schwer, an Gott zu glauben“, räumt Huber ein. Auch wenn emotionale Distanz in ihrem Beruf sehr wichtig ist, immer ist das nicht möglich. „Es kommt dann schon mal vor, dass man am Patientenbett steht und mitweint“.

In der Gesellschaft wird der Tod noch immer tabuisiert, doch Huber bemerkt langsam ein gewisses umdenken. Was früher üblich war, Verstorbene noch für einige Tage im Haus aufzubahren, werde heute immer öfter wieder praktiziert. „Der Tod braucht Zeit“, sagt Barbara Huber dazu. So könnten Familie und Nachbarn vom Verstorbenen in seiner vertrauten Umgebung Abschied nehmen. „Eine schöne Bewegung, die da wieder aufkommt. Der Tod kehrt ins Leben zurück.“


Licht in die Herzen

Das Leserhilfswerk des Erdinger/ Dorfener Anzeiger unterstützt unverschuldet in Not geratene Bürger im Landkreis. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN DE54 7005 1995 0000 0171 11. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie bitte mit Ihrer Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht wünscht, vermerkt es bitte auch auf der Überweisung.

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