Reduzierte 	Kursstärke:  „Übergangsgeldberechnung“ ist das Thema dieser Studenten bei Dozentin Kerstin Schuh. Das Sozialgesetzbuch gehört genauso dazu wie derzeit die Maske. Wie lange Präsenzunterricht wegen Corona überhaupt noch möglich ist, ist unklar.
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Reduzierte Kursstärke: „Übergangsgeldberechnung“ ist das Thema dieser Studenten bei Dozentin Kerstin Schuh. Das Sozialgesetzbuch gehört genauso dazu wie derzeit die Maske. Wie lange Präsenzunterricht wegen Corona überhaupt noch möglich ist, ist unklar.

Akademie auf dem Meindl-Areal

Studentenstadt Dorfen

  • vonTimo Aichele
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Die Hochschule für den öffentlichen Dienst unterrichtet seit September auf dem Meindl-Areal in Dorfen. Die Studierenden leben auch in der Stadt. Und es könnten noch mehr werden.

Dorfen – Eigentlich könnte schon „Hochschulstadt Dorfen“ auf den gelben Ortsschildern stehen. Seit September lernen die ersten Dorfener Studenten in einem neuen Gebäude auf dem Meindl-Areal. Als Schulstadt sei Dorfen ja schon lange profiliert, erklärt Immobilienunternehmer Robert Decker. „Jetzt haben wir eine Akademie“, sagt er über das Gebäude, das sein Unternehmen Timber Homes für die Hochschule für den öffentlichen Dienst, Fachbereich Sozialverwaltung (HföD), errichtet hat. Den Zusatz „Hochschulstadt“ auf den Schildern könne er sich da sehr gut vorstellen, sagt der 50-Jährige grinsend.

Mit den zwei Hörsälen nebst Nebenräumen ist das Projekt Studentenstadt noch lange nicht am Ende. „Die platzen dort aus allen Nähten“, erzählt Decker über den HföD-Hauptsitz am Bildungszentrum in Wasserburg. „Die Ausbildungszahlen haben sich mehr als verdoppelt“, bestätigt das der Wasserburger HföD-Direktor Rainer Schmid. Derzeit werden Jahre lange Sparauflagen für die Rentenversicherungsträger wieder aufgeholt, und es gehen geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand.

„Wir werden auf jeden Fall weitere Hörsäle und Unterkünfte für 40 Studierende brauchen“, erläutert Brigitte Schulan, Leiterin der Akademie der Sozialverwaltung, auf Nachfrage. In Wasserburg sei dafür kein Platz. „Und eine weitere Außenstelle neben Dorfen wäre organisatorisch eine Katastrophe für uns.“ Allerdings könne man einer offiziellen Ausschreibung noch nicht vorgreifen.

Doch auch die erste Stufe der Studentenstadt ist noch nicht vollendet. Schon lange bekannt ist das geplante Wohngebäude mit 69 Einzimmerapartmets direkt neben dem Lehrgebäude. Das Angebot richtet sich nicht nur an die Sudierenden der HföD. Unter Corona-Bedingungen sind es gerade ohnehin nur 30, in Vollbelegung dann bis zu 50. Auch andere Studenten könnten sich dort einmieten. Wer in München eine Uni besucht, ist ja mit dem Zug schnell dort.

„Eigentlich hätten wir das Wohnheim ja schon gebaut“, berichtet Decker. Der Bebauungsplan musste aber wegen Umplanungen Extarunden im Stadtrat drehen – insbesondere wegen der theoretischen Möglichkeit, dass die Akademie und das Wohnheim der Dorfener Wunsch-Bahntrasse im Weg stehen.

Wenn das geklärt ist und die Baugenehmigung vorliegt, „wollen wir das Wohnheim in sechs Wochen gebaut haben“. Die modulare Holzkonstruktion macht das möglich. In der Zwischenzeit wohnen die Dorfener Neu-Bürger auf Zeit in Apartments im umgebauten Tagwerk-Gebäude jenseits der Gleise. Dieser Studentenjahrgang ist schon mal bis einschließlich März in der Stadt, dann folgt ein Praxissemester. Allerdings rücken dann schon die nächsten Studierenden nach.

Stolz auf den Timber Campus ist Unternehmer Robert Decker. Das dreistöckige Gebäude sei bewusst groß ausgelegt. „Das ist unser Versuchslabor“, sagt er über das Modul-Haus. 

Auch das Lehrgebäude mit 1100 Quadratmetern Geschossfläche auf drei Stockwerken hat Decker im Sommer in fünf Wochen hinstellen lassen. Gerade wegen der Diskussion um die Bahntrasse ist wichtig: Diese Immobilie ist notfalls sehr mobil. „Es ist alles zusammensetzbar und wieder auseinandernehmbar“, erläutert Decker die Konstruktionsweise seiner Timber Homes. „Es bleibt ein temopräres Gebäude. Es kommt auf jeden Fall mal weg. Wir wollen ja dem städtebaulichen Wettbwerb nicht vorgreifen.“

Damit spielt er auf die langfristige Entwicklung der 21 Hektar großen Industriebrache an. 14 Hektar im Süden, also nahe der Bahn, sollen Wohnbauland werden. Wie das genau aussehen soll, wird ein städtebaulicher Wettbewerb klären (wir berichteten mehrfach). Auch dieser Schritt stockt noch wegen des ungewissen Ausgangs der Bahndiskussion.

Decker hofft, dass der Wettbewerb nach dem Jahreswechsel offiziell ausgelobt wird. „Es wäre schön, wenn 2022 das erste Haus gebaut werden kann“, meint der Unternehmer. In der Zwischenzeit herrscht aber alles andere als Stillstand auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Meindl. Deckers eigene Firma expandiert. Die Produktion von Timber Homes werde aktuell auf zwei Schichten ausgedehnt.

Das Akademie-Gebäude hat auch noch Kapazitäten. Die HföD belegt bisher das Erdgeschoss. Im ersten Stock hat Decker aktuell Mitarbeiter seiner eigenen Buchhaltung untergebracht, um Büros in Corona-Zeiten zu entzerren. Und im zweiten Stock ist ein großer Coworking-Bereich in Planung. Dort können Freiberufler und Firmen ab Januar Büroarbeitsplätze mieten, auch vorübergehend. Außerdem freut sich Decker auf Entwicklungen, über die er noch nichts verraten will. „Wir werden im nächsten Jahr einiges vermelden können, was wir an neuen Firmen nach Dorfen bringen wollen“, sagt er.

Fürs Partyvolk ist das Meindl-Areal bereits seit Mitte 2019 ein Magnet. Das „Tonwerk“ erregt mit immer neuen Events und Locations Aufsehen. Mit dem „Heizwerk“ ist gerade ein Club in Bau, in dem nach Corona abgetanzt werden kann. Die „Alte Schlosserei“ wird ein Veranstaltungssaal für 550 Gäste.

Die Zwischennutzung mit dem Tonwerk sei auf zehn Jahre angelegt. „Und der Mietvertrag der Akademie läuft fünf Jahre mit Verlängerungsoption“, verrät Decker. Provisorisch wirkt die Party-Area dennoch nicht. Die Alte Ziegelei wird nach und nach mit gutem Gespür für den Industrie-Charme hergerichtet. Und wie lange dann die einzelnen Nutzungen tatsächlich Bestand haben, hänge auch von der Reihenfolge der Bebauung in dem in vier Quartiere geteilten Plangebiet zusammen, sagt Decker.

Die Party- und Gastro-Zone mit „Mogli’s“, „Shinebar“ und „Pajo’s Zapfbar“ ist sowieso die perfekte Abrundung für die kleine Studentenstadt in der Hochschulstadt Dorfen. Wenn es die Pandemie wieder zulässt, werden die Studierenden hier wohl Stammgäste sein. Ohne diese Möglichkeiten sei es für die jungen Neu-Dorfener hier gerade „kein Vergnügen“ fern ihrer jeweiligen Heimat, findet HfÖD-Direktor Schmid. Er weiß aus Erfahrung: „Für eine Stadt wie Wasserburg oder Dorfen sind unsere Studenten auch ein Wirtschaftsfaktor.“ Nicht zuletzt, weil die künftigen Diplom-Verwaltungswirte (FH) in ihren dualen Studiengängen nach guten Tarifverträgen entlohnt werden.

Das ist ganz im Sinne Deckers. „Uns war es wichtig, dass das Gelände nicht vor sich hintodelt“, sagt er. Neben Party und Wohnen hat der Unternehmer vor allem die Wirtschaft im Blick: „Unser Ziel ist es, wieder 300 Arbeitsplätze auf dem Areal zu schaffen.“ So wie damals zu besten Meindl-Zeiten.

„Dorfen ist im Münchner Osten das attraktivste Pflaster“, ist der 50-Jährige überzeugt. „Die Leute sind von der Autobahndiskussion noch so beeindruckt, dass sie gar nicht die Chancen sehen.“ Spätestens nach dem Bahnausbau sei die Stadt verkehrlich top erschlossen, findet der Unternehmer. „Auch die Akademie hat sich für Dorfen entschieden, weil sich unser Standort vernünftig mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen lässt.“

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