Eine Seenplatte, wo vorher Vorgärten waren: Aufnahme aus der Siedlung am Seebach vom 30. August.
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Eine Seenplatte, wo vorher Vorgärten waren: Aufnahme aus der Siedlung am Seebach vom 30. August.

Hochwasserschutz für Dorfen

Nach schweren Überflutungen in Region Erding: Hochwasser-Analyse überrascht - „War schockiert“

  • VonTimo Aichele
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Im August trafen den Landkreis Erding heftige Unwetter mit Überschwemmungen. In Dorfen wird nun ein Hochwasserschutzkonzept erarbeitet.

Dorfen – Eine Hochwasserkatastrophe wie in der Siedlung am Seebach in Oberdorfen darf sich nicht wiederholen. In diesem Ziel ist sich der Dorfener Stadtrat einig. Dazu soll nun ein Hochwasserschutzkonzept für den gesamten Bereich entlang des Bachs erstellt werden. Der Weg zu diesem Gutachten ist allerdings noch ungewiss. Denn die nach Kommunalrecht eigentlich notwendige Ausschreibung kann zu Verzögerungen führen.

Nach heftigen Überschwemmungen: Dorfen arbeitet an Hochwasserschutzkonzept

Der Stadtrat nahm am Mittwochabend einstimmig den Antrag der Hochwasserreferenten Gerald Forstmaier (GAL) und Walter Zwirglmaier (ÜWG) auf Erstellung des Konzepts an. Die Hoffnung ist nun, dass die Kommunalaufsicht einer „Auftragserweiterung“ zustimmt – nämlich an das Ingenieurbüro, das bereits seit 2019 an einer Starkregenkarte für ganz Dorfen arbeitet und der Stadtverwaltung davon Ende August 2021 einen Entwurf vorgestellt hatte.

Einfach überschwemmt wurde die Gemeindeverbindungsstraße nach Esterndorf. Von ihr hatte man sich eine gewisse Dammwirkung erwartet. Bei diesen Wassermassen hat es einfach nicht gereicht.

Diese Fachleute haben das gesamte 100 Quadratkilometer große Gemeindegebiet mit seinen 200 Ortsteilen untersucht und unter anderem digitale Geländemodelle und Handlungsempfehlungen ausgearbeitet. Nicht nur die Siedlung am Seebach sei problematisch, verriet Bürgermeister Heinz Grundner (CSU): „Da waren auch Bereiche, von denen man nicht ahnen konnte, dass dort Starkregengefahr besteht. Es wurden acht oder neun neuralgische Punkte identifiziert.“

Überflutungen in Dorfen: Auswirkungen im ganzen Gemeindegebiet zu spüren

Öffentlich behandelt wird die Starkregenkarte in der nächsten Sitzung des Umwelt-, Natur- und Klimaausschusses (wir berichteten). Jeden Vorwurf der Untätigkeit in dieser Sache weise er entschieden zurück, sagte Grundner. Das Gutachten sei 2019 sofort nach der Förderzusage in Auftrag gegeben worden und habe in der Bearbeitung nun mal so lange gedauert. „Leider kam es zu spät für die Siedlung am Seebach“, bedauerte er.

Beim folgenschweren Starkregen am Montag, 30. August, seien Auswirkungen im ganzen Gemeindegebiet zu spüren gewesen. „Unser Hochwasserrückhaltebecken hat zum Glück gehalten. Die Abflüsse reichten aber nicht. Hier mussten zwei schwere Pumpen eingesetzt werden“, erklärte der Bürgermeister. „Am Isenwehr hatten wir außerdem nahezu den gleichen Wasserstand wie beim Hochwasser von 2013.“

Hochwasserreferent Forstmaier begründete seinen Antrag mit detaillierten Schilderungen der Katastrophe vom Montag vergangener Woche. „Der Bach hat sich über 40 bis 50 Meter ausgebreitet“, sagte er über die Siedlung, die zum einen in einer Senke liegt und in der zum anderen bis ans Ufer gebaut wurde.

Hochwasser in Erding: „Niederschlagsmenge eigentlich gar nicht hoch“

„Die Verengung des Seebachs durch das Baugebiet ist aus meiner Sicht der hochwassertechnische Sündenfall gewesen“, erklärte der Landschaftsarchitekt. Ihn habe erschreckt, dass Anwohner von bereits drei Überschwemmungen seit Bestehen der Siedlung berichtet hätten. „Früher hat man sich auf die großen Hochwässer entlang der Isen konzentriert“, sagte Forstmaier. Doch die Hälfte der Überflutungen sei mittlerweile – auch durch den Klimawandel – nicht mehr nur durch die großen Gewässer verursacht.

Der Schaden liege bei den 24 betroffenen Anwesen bei mindestens 150 000 Euro pro Gebäude plus 70 000 Euro für den Hausrat, rechnete der GAL-Rat vor. Die Summe dieser Schätzung liegt bei 5,3 Millionen Euro.

„Der Punkt, der mich am meisten schockiert hat, war dass die Niederschlagsmengen eigentlich gar nicht so hoch waren“. erklärte Forstmaier. 40 bis 60 Millimeter am Tag wurden gemessen. Schon das fünfjährliche Regenereignis liege statistisch bei 73 Millimetern. Im Ahrtal seien heuer 160 Millimeter niedergegangen, 2016 in Simbach 216 Millimeter.

Der stärkste Niederschlag fand am 30. August zwischen 8 und 9 Uhr statt. Das zeigt diese Grafik von der Messstelle Dorfen. Die Werte sind allerdings weit von Höchstständen entfernt.

Von einem Jahrhundertregen war dieser Niederschlag also weit entfernt. Die Wiederholungsgefahr liegt nach Forstmaier auf der Hand. Um dafür gewappnet zu sein, müssten verschiedene Maßnahmen ergriffen werden.

„Durch eine Betonmauer um die Siedlung herum würde das Gefahrenpotenzial auf andere Bereiche verschoben“, sagte er. Dagegen müsse man sich zum Beispiel über die Dammwirkung der Straße nach Esterndorf, die Enge entlang des Seebachs in Zeilhofen und eventuell einen Damm westlich von Niederham unterhalten. Zu den Hochwassersünden vergangener Tage sagte Forstmaier: „Die Summe vieler kleiner Fehler ergibt irgendwann ein großes Problem.“

Hochwasserschutzkonzept in Dorfen: Dialog mit Landwirten wichtig

Hier müsse man auf die Wissenschaft setzen „und auch mal ganz mutig sein, Nein zu sagen, wenn es auf der Kippe steht“, so Michael Oberhofer (CSU) über künftige Baugebietsausweisungen.

„Wenn, dann muss man Dämme bauen“, zeigte sich Martin Heilmeier (LDW) überzeugt. Allerdings sei der Dialog mit den Landwirten wichtig. „Wenn wir die Wiesen überschwemmen, müssen wir über Entschädigungen reden“, so Heilmeier.

Zwirglmaier spielte den Ball dagegen auch zu den Bauern. „Die Böden sind bei weitem nicht mehr so saugfähig wie früher. Das hat auch mit der modernen Bewirtschaftung zu tun.“ Das wollte Günter Drobilitsch (GEM) nicht so stehen lassen. „Die größten Hochwasserverhinderer sind die Landwirte“, widersprach er. „Durch die Aufhaltung der Böden sind diese heute im Gegenteil besonders saugfähig.“ Und die große Landmaschinen mit ihren großen Reifen würden „einen geringeren Druck ausüben als ein 15er Eicher mit seinen schmalen Reifen“.

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