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„Die Zukunft war früher auch besser“, lautet ein Zitat von Komiker Karl Valentin, das in einem der Referate gezeigt wurde. Diskutiert haben (v. l .) Klaus Steiner (Geschäftsführer Stadtwerke), Gerald Forstmaier (Umweltreferent), Michael Suda (Professor für Wald- und Umweltpolitik Weihenstephan, Moderator), Tim Liepold (Verfasser der Masterarbeit), Bürgermeister Heinz Grundner und Detlef Fischer (Geschäftsführer VBEW). 

Energiewende in Dorfen

Vollbremsung für das Klima

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Bis 2030 will die Stadt Dorfen die Energiewende geschafft haben und CO2-neutral sein. Kann das überhaupt gelingen? Und wenn ja, verändert das etwas in der Welt? Darüber haben Fachleute und Stadtpolitiker bei einer Veranstaltung der Agenda-21-Gruppe Dorfen diskutiert.

Dorfen – Hintergrund der Agenda-21-Veranstaltung am Montagabend im Jakobmayer-Saal ist der Grundsatzbeschluss des Stadtrates von 2012, dass sich Dorfen bis zum Jahr 2030 mit regional erzeugter erneuerbarer Energie selbst versorgen will. Der Verein Energiewende Kreis Erding hat dazu 2017 eine Studie zu diesem Thema initiiert. Tim Liepold, Student der Elektrotechnik an der Hochschule München, hat darüber eine Master-Arbeit geschrieben. Auf Grundlage der Daten, die ihm die Stadtwerke zur Verfügung gestellt haben, hat er die Möglichkeiten untersucht, wie der CO2-Ausstoß in Dorfen reduziert werden kann.

Die Diskussion wurde aber nicht für 2030, sondern unter dem Motto „Dorfen CO2-neutral bis 2040“ geführt. Die Ansichten reichten von einer positiven Sicht mit „Wir schaffen das“ bis hin zu düsteren Zukunftsprognosen „Für die Energiewende ist es zu spät“.

Dass an die 200 Besucher zu dem Diskussionsabend kamen, ist für Umweltreferent Gerald Forstmaier (Grüne) ein Zeichen, dass sich die Leute durchaus Gedanken über die Zukunft machen. Die Euphorie wurde allerdings schon beim Vortrag von Detlef Fischer, dem Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW), empfindlich gedämpft. Denn mit vielen wissenschaftlich hinterlegten Zahlen und Fakten zeigte er auf, dass es in Sachen Klimaschutz eigentlich nur noch einen Weg gibt, die Erderwärmung gemäß dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 auf 1,5 Grad zu begrenzen – das wäre Verzicht und eine radikale Änderung der Lebensgewohnheiten jedes einzelnen. Doch dem stünden die Wachstumsbedürfnisse der Menschen gegenüber, etwa Reichtum und soziale Anerkennung, „und die können nie wirklich befriedigt werden.“

„Im Beschließen sind wir ganz groß, in der Umsetzung hapert es ganz gewaltig“, konstatierte der VBEW-Geschäftsführer mit Blick auf die CO2-Emissionen in Bayern, die nach wie vor steigen. 2016 sind demnach in Bayern 78,7 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre emittiert worden. In den offiziellen Zahlen sind da aber nur Quellenbilanzen zugrunde gelegt, also weder Flug- und Schiffsverkehr noch Emissionen aus Stromimporten berücksichtigt, so Fischer. „Zwischen reden und handeln liegen Welten.“ Des Deutschen liebstes Kind seien nach wie vor große und schnelle Autos. Die täglichen Staus auf Autobahnen und Straßen zeigten eine erschreckende Realität: In den allermeisten Autos säßen ein, maximal zwei Personen. Fahrgemeinschaften, wie sie früher auf den Weg zur Arbeit üblich waren, gebe es kaum noch. Und in den Urlaub fliegen, Kreuzfahrten unternehmen, werde als „Muss“ angesehen, „denn wer das nicht macht, ist nicht in“.

Ihr Gewissen würden die Menschen anderweitig beruhigen. Etwa durch Unterstützung des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“. Für den einzelnen Bürger bleibe das ohne Konsequenzen, es bedürfe nur einer Unterschrift. Die Menschen würden sich dann gut fühlen, „was für das Klima getan zu haben“. Für Fischer „ist die Energiewende gescheitert.“ Schuld daran ist der „Vollhorst“. So bezeichnet Fischer „den Erfolgstyp des modernen deutschen Politikers. Er muss nicht ehemaliger bayerischer Ministerpräsident sein, nicht einmal den Namen Horst tragen: Er kann auch Sigmar, Angela, Winfried oder vielleicht auch Markus heißen. Hauptsache, er behauptet heute etwas, was er gestern verteufelt hat und morgen wieder vergessen haben wird.“ Und die Bürger? Manche Leute würden es intellektuell schaffen, gleichzeitig gegen Kernkraft und Stromtrassen zu demonstrieren, selbst Wasserkraft- und Gaskraftwerke würden durch Proteste verhindert.

Umweltreferent Forstmaier setzte Fischers Sicht seine eigene entgegen: „Wir können das in Dorfen deutlich besser.“ So seien 2015 32 Gigawattstunden (GWh) Strom verbraucht worden, aber 34 GWh durch erneuerbare Energien erzeugt worden. Damit sei Dorfen rein rechnerisch beim Strom bereits autark. Handlungsbedarf gebe es aber im Bereich Wärme und Verkehr.

Vor allem in der Solarenergie sieht die Liepold-Studie große Potenziale. Aber auch Windenergie wäre geeignet. Für Umweltreferent Forstmaier steht fest, dass die Stadt lenkend eingreifen muss. Etwa, dass bei neuen Baugebieten nur noch Häuser im Niedrigenergie-, Passiv- oder Plusenergiestandard zulässig sind. Es müsste auch darauf geschaut werden, dass Bürger ihre Altgebäude dämmten, auf erneuerbare Energien umstellten oder sich an das Fernwärmenetz anschließen.

Zudem müssten Photovoltaikanlagen, etwa an den Südhängen der A 94, aufgebaut werden. Bei der Stromversorgung seien Quartierslösungen anzustreben. Im Bereich Verkehr sollte die Stadt E-Mobilität fördern. Es bedürfe „einer Vollbremsung für das Klima“. Wenn die Welt sich weiter dramatisch erwärme, werde der Meeresspiegel um mehr als 55 Meter ansteigen – allerdings über einen Zeitraum von über 1000 Jahren, wie Forstmaier auf Nachfrge unserer Zeitung erklärte. Dänemark und deutsche Städte wie Kiel, Hamburg und Berlin würden dann überflutet. Wie die Stadtwerke die Energiewende vorantreiben wollen, stellte Geschäftsführer Klaus Steiner vor (Bericht folgt.)

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