Daimler-Chef Zetsche hört auf - Nachfolger steht wohl fest

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Stadt mit 200 Stadtteilen: Zwei Drittel der Bewohner von Dorfen leben in der eigentlichen Stadt, viele aber auch in winzigen Orten wie Geierseck oder Urtlfing.

Eine Stadt im Wandel

Wachstumsschmerzen im Isental

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„Wen Gott hat verworfen, den schickt er nach Dorfen.“ So hieß früher ein beliebter Spruch – inzwischen hat sich alles geändert: Die Stadt im Landkreis Erding brummt, 2019 bekommen die Dorfener sogar eine eigene Autobahnausfahrt. Nicht alle finden das gut. Eine Geschichte über eine Kleinstadt im Umbruch.

Dorfen – „Dorfen – unser geliebtes Nest“. Das war in den 1980er- und 1990er-Jahren ein beliebter Autoaufkleber. Er brandmarkte den Ort im Isental als Provinznest. Heute sieht man – wenn überhaupt – nur noch vereinzelt alte Karren damit rumfahren. Aus dem Provinznest ist eine Kleinstadt geworden, auf der ein enormer Siedlungsdruck lastet.

Nicht wenige Dorfener würden daher am liebsten das Rad zurückdrehen. So etwa Rupert Moser, 60. „Friaras hod ma d’Leid auf der Straß’ no kennt“, sagt der Lagerist. Und schon kommt seine Rede auf den Autoaufkleber: „Friaras ham ma drüba glacht. De Zeit werd kema, wo mia dea Zeit vo domois nochtrauern.“

Eingefleischte Dorfener wie Moser sind es, bei denen gerade eine Sehnsucht nach Heimeligkeit des Nestes aufflammt. Denn der Zuzugsdruck auf die Isenstadt (so genannt wegen des durch die Stadt fließenden Flusses Isen) ist enorm. Er hat die Stadt verändert – und er wird sie noch viel mehr verändern. 1970 hatte Dorfen noch knapp 10 000 Einwohner. Mittlerweile sind es fast 15 000. Dorfen, so ist die Stimmung unter vielen Einheimischen in der zweitgrößten Stadt im Kreis Erding, ist fest im Würgegriff Münchens.

Die Argumentation dafür liegt auf der Hand: Bezahlbarer Wohnraum ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Und ein Ende der Preistreiberei ist nicht in Sicht. Pro Quadratmeter werden schon über 13 Euro Kaltmiete bezahlt. Der Kaufpreis für Wohneigentum steigt ebenfalls rasant an – in den vergangenen Jahren um über 80 Prozent. Wer eine Eigentumswohnung kaufen will, zahlt derzeit fast 4600 Euro pro Quadratmeter. Und auch der Preis für Bauland explodiert. Quadratmeterpreise ab 650 Euro aufwärts sind normal und bis zu 1000 Euro längst keine Seltenheit mehr.

Für Münchner Verhältnisse sind das noch bescheidene Preise. Deshalb ist Dorfen aus Sicht von Großstädtern so attraktiv. Denn die Zuganbindung an die Landeshauptstadt ist bestens. Teilweise im 20-Minuten-Takt fährt die Südostbayernbahn nach München. Die im Bau befindliche A 94, die Ende 2019 fertig wird, macht Dorfen für Pendler noch interessanter. Die Stadt bekommt sogar eine eigene Autobahnausfahrt. Dann ist man in 30 Minuten in der Landeshauptstadt.

„Potenzial, zum Vorort Münchens zu werden.“ Stefan Tremmel.

Stefan Tremmel, Vorsitzender des Förderkreises Dorfen, in dem Dorfener Geschäftsleute zusammengeschlossen sind, sieht darin das Potenzial, dass Dorfen „zum Vorort Münchens wird“. Knapp 4500 Menschen pendeln jetzt schon täglich von Dorfen nach München zur Arbeit. Aber für Einheimische, vor allem für junge Familien, bleibt nicht mehr viel Platz. Auf 25 Parzellen im aktuell mit 104 Wohneinheiten größten Dorfener Baugebiet An der Mühlleite gab es 300 Bewerbungen. Auf einer Interessentenliste für Grundstücke in der Stadt stehen weit mehr als 400 Personen. Die Stadt muss etwas gegen die Preisexplosion unternehmen, das ist für Bürgermeister Heinz Grundner klar. „Eine große Herausforderung“, sagt der CSU-Politiker. Grundner will den Druck im Kessel durch die weitere Ausweisung von Bauland abmildern. Doch trotz neuer Baugebiete: Das Preisbarometer sinkt nicht, es steigt weiter an. In den vergangenen fünf Jahren sind in der Stadt mehr als 400 und im Umland 150 Wohneinheiten entstanden. Auf dem 21 Hektar großen ehemaligen Areal der Ziegelei Meindl soll in den nächsten Jahren Wohnraum für bis zu 1800 Menschen entstehen.

„Dorfen darf sein Gesicht nicht verlieren.“ Bürgermeister Heinz Grundner.

Das Wachstum hat schon jetzt gravierende Auswirkungen auf die Infrastruktur. Derzeit baut die Stadt bereits die zehnte Kita. Vor einigen Jahren musste eine zweite Grundschule gebaut werden. Gerade ist der Startschuss zur Erweiterung der Kläranlage gefallen. In Planung ist ein millionenschweres Jahrhundertprojekt: Die Auslagerung von Freibad, Eishalle und Fußballplätzen an den Stadtrand. Die Sport- und Freizeiteinrichtungen sind längst an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Wenn Grundner sagt, die Stadt werde darauf achten, „dass Dorfen sein Gesicht nicht verliert“, dass sie sich „ihrer Wurzeln und der Tradition bewusst bleibt“, dann klingt dies in den Ohren von Kritikern wie Hohn. Es sind vor allem SPD und Grüne im Stadtrat, die gegen „ein Wachstum um jeden Preis“ ankämpfen. SPD-Stadtrat Heiner Müller-Ermann, der im Widerstand gegen die A 94 der führende Kopf war, hat im Stadtrat schon mehrmals Dampf abgelassen: Dorfen brauche keine neuen Baugebiete, „die sich nur Gwappelte leisten können“. Gwappelt ist bairisch und heißt so viel wie privilegiert.

Trotzdem hat der Stadtrat im letzten Sommer mittels Änderung des Flächennutzungsplans die Weichen für die nächsten zwei Jahrzehnte gestellt. Bis zu 40 Hektar Wohn- und gemischte Bauflächen können realisiert werden. Das wird selbst im Landratsamt mit gemischten Gefühlen gesehen. Die Behörde ist der Meinung, dass die Flächen, die Dorfen ausweist, zu groß bemessen sind. Doch das ist wohl auch der besonderen Situation der knapp 100 Quadratkilometer großen Flächengemeinde geschuldet. Denn etwa zwei Drittel der knapp 15 000 Einwohner leben in der eigentlichen Stadt. Der Rest in Dörfern wie Grüntegernbach, Wasentegernbach, Schwindkirchen.

Dann gibt es auch noch unzählige Weiler wie Urtlfing, Kleinatzbach oder Wampeltsham oder Einöden wie Geiers-eck, Galgenberg oder Schergenhub. Mehr als 200 Stadtteile hat Dorfen – und ist damit eine spezielle Mischung aus Kleinstadt und sehr viel ländlicher Umgebung. Auch dem will Stadtchef Grundner gerecht werden. Er will Neubaugebiete auch in den Außenbereichen schaffen. Grundner sieht überall Handlungsbedarf. Dorfen ist eine junge Stadt. Jeder fünfte Einwohner ist unter 18. Die Stadt benötigt seiner Meinung auch deshalb Arbeitsplätze. Firmen und Gewerbe sollen sich ansiedeln.

Bald in Rekordzeit in München: Bauarbeiten an der Isental-Autobahn, die Dorfen eine eigene Ausfahrt beschert.

Doch lange hat die Regierung von Oberbayern beim Gewerbegebiet, das an der Autobahn liegt, durch landesplanerische Bedenken eine Ansiedelung von Firmen verhindert. Grundner reagierte nicht nur einmal mit geharnischter Kritik. „Die A 94 wurde als Entwicklungsachse für den südostbayerischen Raum bezeichnet und dann konterkariert man jede Entwicklung mit überbordendem Bürokratismus.“ Langsam kommt jetzt doch Bewegung ins Spiel: Derzeit wird gerade ein großer Bau- und Gartenmarkt gebaut, demnächst sollen ein Fast-Food-Restaurant und eine große Tankstelle folgen. Förderkreischef Tremmel sieht die Entwicklung gespalten. Gewerbeansiedelungen seien wichtig für die Stadt, sagt er. Aber nur, wenn das Motto des Gewerbevereins „Do leb i und do kaf i“ auch wirklich gelebt werde, habe der Handel in Dorfen auch eine Chance. Fest steht allerdings auch: Jeder Zuzügler, der einem Beruf nachgeht, bringt der Stadt Geld. Alleine in diesem Jahr rechnet die Finanzverwaltung mit Einnahmen aus der Beteiligung an der Einkommenssteuer in Höhe von zehn Millionen Euro. Dagegen nimmt sich die Gewerbesteuer mit etwa vier Millionen Euro Einnahmen eher bescheiden aus.

Angesichts hoher zweistelliger Millioneninvestitionen braucht Dorfen gerade jeden Cent. 20 000 Einwohner seien „durchaus vertretbar“, das hat Bürgermeister Grundner schon vor Jahren als Zahl in den Raum gestellt. Die SPD reagierte geschockt. Trabantensiedlungen wie etwa in Vaterstetten oder Poing wurden befürchtet. In Dorfen würden schon jetzt in Neubausiedlungen so kleine Grundstücke angeboten, dass dies auf Dauer keine wirkliche Wohnqualität mehr bedeute.

„Wachstum ja, aber es muss moderat sein“, sagt die SPD-Stadträtin und Parteivorsitzende Simone Jell. „20 000 Einwohner, das sind schon brutal viel Leute für unsere Stadt.“ Und noch eines sieht Simone Jell: „Die Zuzügler müssen ja auch ins gesellschaftliche Leben integriert werden. Die Leute sollen sich hier ja wohlfühlen und nicht nur hier wohnen.“

Der pensionierte Postamtsleiter Schorsch Bauer sieht den Zuwachs dagegen positiv: „Zuzug ist notwendig, sonst bleiben wir das geliebte Nest.“ Ohnehin sei die Entwicklung nicht aufzuhalten. Mit 20 000 Einwohnern hätte Bauer kein Problem. Nur die Infrastruktur müsse halt stimmen. Für andere Dorfener wie für den Lageristen Moser ist schon der bloße Gedanke daran einige Nummern zu groß. Sie haben dafür einen Spruch auf Lager: „Wen Gott hat verworfen, den schickt er nach Dorfen.“

Der Spruch stammt aus früheren Zeiten. In Dorfen gab es ein Priesterheim, in das Geistliche aus ganz Bayern zur Läuterung geschickt wurden. Für Moser steht fest: „Eine Läuterung könnten auch diejenigen vertragen, die ganz Dorfen zubauen wollen.“

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