+
Von Nazis ins KZ gesteckt: Karl Wastl aus Dorfen.

Erinnerungen an die weiße Rose

Der Held und der Henker

Sophie Scholl war eine Ikone des Widerstands. Das ist allerorts bekannt. Aber wer weiß schon, dass Scholls Henker in Algasing gestorben ist? Oder wer kennt Karl Wastl, einen Dorfener Widerstandskämpfer, der viele Jahre im KZ verbracht hat? Geschichte ist nicht nur eine Verkettung historischer Fakten und Daten, sondern die Geschichte hiesiger Menschen – und genau daran möchten die Geschichtswerkstatt Dorfen sowie Schüler des Dorfener Gymnasiums am kommenden Dienstag erinnern.

VON MICHAELE HESKE

Dorfen– Sophie Scholl war eine Ikone des Widerstands. Das ist allerorts bekannt. Aber wer weiß schon, dass Scholls Henker in Algasing gestorben ist? Oder wer kennt Karl Wastl, einen Dorfener Widerstandskämpfer, der viele Jahre im KZ verbracht hat? Geschichte ist nicht nur eine Verkettung historischer Fakten und Daten, sondern die Geschichte hiesiger Menschen – und genau daran möchten die Geschichtswerkstatt Dorfen sowie Schüler des Dorfener Gymnasiums am kommenden Dienstag erinnern.

In der heutigen Zeit, in der alles mit dem Smartphone fotografiert und danach schnellstmöglich gepostet wird, hätten die Dorfener Widerstandsgeschichten bestimmt eine Menge Likes. Und wäre folgende Episode heute passiert und nicht in der Nazizeit, hätte Maria Schatz in sozialen Netzwerken bestimmt viel Zuspruch für ihre Zivilcourage bekommen. Schatz arbeitete im Friseursalon Lechner, den es heute noch gibt.

Die Friseurin sollte einer Frau die Haare scheren, die die Nazis sodann mit Glatze und Schild vor dem Bauch durch Dorfen jagen wollten, weil diese mit einem französischen Kriegsgefangenen ein Verhältnis hatte. Schatz weigerte sich, sehr zum Ärger der Nationalsozialisten und gehört somit zu den Alltagsheldinnen – zumindest aus heutiger Sicht.

„Über Einzelschicksale lässt sich Geschichte jungen Leuten näher bringen“, sagt Hans Elas, der früher selbst Geschichte an der Mittelschule in Dorfen unterrichtete und gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen Schorsch Wiesmaier die Geschichtswerkstatt Dorfen gegründet hat.

Die pensionierten Lehrer erforschen das Thema Nationalsozialismus, suchen in Archiven und graben die lokale NS-Geschichte Dorfens aus. „Diese Zeit ist nach wie vor tabuisiert oder wird schlichtweg beschönigt“, weiß Wiesmaier. An Orten wie Dorfen lasse sich jedoch beispielhaft zeigen, wie sich das Leben nach Hitlers Machtergreifung tatsächlich verändert hat. „In Dorfen gab es Denunziationen, Deportationen und Zwangsarbeit – aber auch Widerstand gegen die aktiven Nationalsozialisten“, sagt Wiesmaier.

Der gebürtige Dorfener Karl Wastl gehört beispielsweise zu den konsequentesten und aktivsten Widerstandskämpfern seiner Zeit, meinen die Hobby-Historiker. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Wastl an der Front verwundet wurde, machte er in der Arbeiterbewegung mit und stellte sich schon früh gegen Hitler. Den Sozialdemokraten und Gewerkschafter zog es nach der Ausbildung zum Kupferschmied in den hohen Norden. In Oldenburg wurde er 1932 Landtagsabgeordneter. Ein Jahr später inhaftierten ihn die Nazis erstmals. Die Zeit von 1939 bis zur Befreiung durch die Amerikaner 1945 verbrachte er in mehreren Konzentrationslagern, unter anderem in Mauthausen im österreichischen Linz.

„Die Ehrung von Karl Wastl ist überfällig“, so Hans Elas, „es gibt keine Dorfener Persönlichkeit, die auch nur ansatzweise eine so beeindruckende Widerstandsbiografie gegen die Naziherrschaft aufzuweisen hat.“ Grund genug für Elas und Wiesmaier, am Dienstagabend im Jakobmayer vom Leben Wastls zu erzählen.

Wenn es nach Elas gegangen wäre, hätte Wastl verdient, dass mindestens eine Schule seinen Namen trägt. Dabei verweist er auf Korbinian Aigner und das gleichnamige Erdinger Gymnasium. Korbinian Aigner, Johannes Gmeiner, Karl Graf und Georg Grein gehörten zu den Priestern des Landkreises, die sich allesamt systemkritisch zeigten und gegen das NS-Regime gepredigt haben.

Wenn auch keine Lehranstalt, so wurde immerhin jüngst eine Straße nach Wastl benannt, auch eine Sophie-Scholl-Straße gibt es mittlerweile in Dorfen. „Ikone des Widerstands“, nennt Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung. die Studentin. Scholl wurde beim Verteilen von Flugblättern gegen die Nazis erwischt und deshalb hingerichtet. Die frühere SPD-Landtagsabgeordnete referiert am Dienstag im Jakobmayer über das Leben der jungen Widerständlerin.

Außerdem tragen zwei Dorfener Gymnasiasten ihre Recherchen zum Thema „Es lebe die Freiheit – Jugend und Widerstand im Naziregime“ vor. „Es ist schließlich unsere Aufgabe, das Interesse der Schüler an geschichtlichen Themen vor Ort zu fördern“, sagt Projekt- und Fachbereichslehrer Alexander Graf.

Antisemitismus nehme wieder zu, sagt Elas. Er habe einen Rechtsruck in der Gesellschaft beobachtet. „Wehret den Anfängen“, meint auch Wiesmaier, „Hitler wurde zunächst ebenfalls verharmlost.“ Und der Pädagoge ergänzt: „Widerstand ist keine Frage der Bildung, sondern eine Frage der Haltung.“ Wiesmaier freut sich, dass mittlerweile gerade junge Leute wieder politisches Interesse zeigten, beispielsweise bei den Friday-for-Future-Demos. „Wer auf die Straße geht, setzt sich mit den ökologischen und politischen Gegebenheiten auseinander – ein Hype, der zeigt, dass Veränderung möglich ist.“

Einen wahren Shitstorm hätte heuer wohl Sophie Scholls Henker ausgelöst. Johannes Reichhart, der übrigens seine letzten Jahre in Dorfen verbrachte, hat im Namen der Nazis rund 3000 Menschen hingerichtet; nach der Kapitulation exekutierte er für die Amerikaner weitere 150 Kriegsverbrecher. Einsam sei er gewesen, heißt es. Gemieden von allen, starb er in Algasing.

Die Veranstaltung

„Karl Wastl & Sophie Scholl“, Geschichtswerkstatt Dorfen am Dienstag, 21. Mai, um 19.30 Uhr im Jakobmayer Saal.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Neue Wartenberger Landjugend hat viele Ideen
Soafakistl-Rennen, Glühweinstand, Ferienprogramm. Die Wartenberger Landjugend hat sich vor Kurzem neu aufgestellt. Jetzt ist die Bahn frei für neue Ideen.
Neue Wartenberger Landjugend hat viele Ideen
Bürgermeisteramt statt Rente: Franz Hörmann (CSU) will weiter machen
Mit einer 28-köpfigen Kandidatenliste, davon 13 Parteifreie, geht die Walpertskirchener CSU in den Kommunalwahlkampf. An der Spitze: Bürgermeisterkandidat Franz Hörmann.
Bürgermeisteramt statt Rente: Franz Hörmann (CSU) will weiter machen
Bürgermeisterwahl: Dieter Heilmair tritt an
Gemeinderat und FC-Finsing-Vorsitzender Dieter Heilmair hat sich entschieden: Er kandidiert bei der CSU für das Bürgermeisteramt.
Bürgermeisterwahl: Dieter Heilmair tritt an
U17-Eispiraten gewinnen klar gegen Amberg
Die U17 des ESC Dorfen gewann 5:0 beim ERSC Amberg – der zweite Sieg im zweiten Bezirksliga-Spiel.
U17-Eispiraten gewinnen klar gegen Amberg

Kommentare