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Es hat perfekt gepasst: Mit-Organisator Alfred Mittermeier führte durch den Abend und nahm außerdem die Politlandschaft aufs Korn.

Erstes Jakobmayer-Brettl

Wilder Wortwitz, starke Stücke, rüde Reime

Als Versuch war es gedacht, das erste Jakobmayer-Brettl, das Kabarettist Alfred Mittermeier und Jakobmayer-Chefin Birgitt Binder unter dem Titel „Rampensäue“ auf die Beine gestellt haben. Die hochkarätigen Gäste überzeugten das Publikum sofort.

Dorfen– In ihren Programmen sehr unterschiedlich haben die vier Künstler doch etwas gemeinsam: Sie sind alle Profis und haben sich schon mehrere Preise erspielt. Die Kabarettisten des ersten Jakobmayer-Brettl begeisterten das Publikum im vollen Saal.

Birgitt Binder, Chefin des Dorfener Kulturhauses, und der Kabarettist Alfred Mittermeier, der in Dorfen daheim ist, hatten die Idee entwickelt. Mittermeiers Kontakte in die Kabarett-Szene waren da sehr hilfreich, denn der Erfolg dieses Abends lag mit Sicherheit an der abwechslungsreichen Auswahl der Künstler.

Während Moderator und Gastgeber Mittermeier bekannt ist für sein politisches Kabarett, erheiterte der Österreicher Ludwig Müller mit seinem Sprachwitz. Messerscharf analysierte die Schweizerin Lisa Catena die Befindlichkeiten ihrer Landsleute, und René Sydow aus dem Ruhrgebiet ist so gesellschaftskritisch unterwegs, dass die Eltern im Publikum ob so mancher Erziehungsfragen beschämt in den Boden schauten. Er prangerte an, dass nur Erfolg, nicht Leistung zähle.

„Wir bewundern die reichen Leute und bestaunen den Fortschritt, aber nicht die Krankenschwestern und das Pflegepersonal“, sagte Sydow. Er zitierte Statistiken: „3,6 Milliarden Arme besitzen insgesamt genauso viel wie die 85 Reichsten.“ In solchen Momenten wurde es ganz still im Saal. Er kritisierte, dass die Kinder keine Bücher mehr lesen, fragte dann aber ins Publikum: „Aber was lesen wir Erwachsenen eigentlich?“ Er gab dann aber auch zu, sich in der Pubertät auch mehr für „Enthüllungsjournalismus“ als für gute Bücher interessiert zu haben. Sydow ist in seinem Vortrag sehr dicht, bringt seine Kritik auf den Punkt und löst Betroffenheit aus.

Selbst ertappt war so mancher Zuschauer direkt erleichtert, als Ludwig Müller auf die Bühne trat. Von Mittermeier abgekündigt als eine Mischung aus Loriot und Karl Valentin lenkte er das Publikum mit seinen Späßen vom schlechten Gewissen ab. Denn als „Vorsitzender des Vereins der Freunde des Schüttelreims“ schleuderte er einen Kalauer nach dem anderen heraus und löste beim Publikum Schenkelklopfer aus. Das gelang dem 51-Jährigen Wahl-Münchner auch mit seiner internationalen Begrüßung von Ehrengästen in der Rolle als Vorsitzender eines Vereins, der nun der EU untersteht.

Frisch und fröhlich hüpfte die Bernerin Lisa Catena auf die Bühne und fragte mit unverkennbarem Akzent, ob man sie schon verstehe, wenn sie Hochdeutsch spricht. Und sogleich war sie mit Tipps zur Stelle. Angesichts der Fremdenfurcht und des Bierkonsums in Bayern riet sie: „Sauft weniger, dann seht ihr nur halb so viele Flüchtlinge!“ Äußerst fremdenfreundlich zeigten sich dagegen die Schweizer Kiffer: „Der schwarze Afghane wird mit offenen Armen aufgenommen.“ Messerscharf analysierte sie die Schieflagen in der Gesellschaft. Vielleicht macht es ihr Akzent, dass die 38-Jährige trotzdem nie anklagend, eher nachsichtig rüber kam. Sie machte sich lustig über den „Olivenöl-Porno“, den so mancher beim Einölen von Hühnerschenkeln zelebriere. Denn – so ihre Beobachtung: Ab einem gewissen Alter wird das Essen wichtiger als Sex und die Qualität des Olivenöls zum „sozialen Schwanzvergleich“. Die Schweizerin hielt ein Plädoyer für Satire, denn nur mit Humor könne man ideologischen Machthabern beikommen. „Haben Sie schon mal einen lustigen Nazi oder einen witzigen Taliban gesehen?“ Auch mit ihren Kolleginnen, die sich in erster Linie mit Cellulitis, Wechseljahren und Thermomix beschäftigen, geht sie hart ins Gericht: „Was wir Frauen im Kabarett an veralteten Rollenklischees vorführen, da kriegen Islamisten einen Ständer.“

Lokalmatador Mittermeier mistete in bekannter und bewährter Weise in der Politlandschaft aus: Er verglich Donald Trump mit heftigen Wirbelstürmen: „Sie kommen aus dem Nichts, reißen alles nieder, und sind dann wieder weg.“ Dann fragte er beinahe flehend: „Gibt es nicht eine einzige Praktikantin, die den wegbläst?“ Er sorgte bei seinem Heimspiel im Jakobmayer aber auch für Lokalkolorit, denn die Bewerbung der Dorfener um die Landesgartenschau 2024 mache ihm Sorgen: „Bis die Besucher auf der B 15 alle Ampeln und Kreisverkehre bewältigt haben, sind die Blumen verwelkt.“ Aber vielleicht gibt es ja bis zur Fashion Week bei Friedberger in unbestimmter Zukunft dann die nötigen Zufahrtswege.

Nicht nur dem Publikum, auch den Künstlern schien es im Jakobmayer-Saal gefallen zu haben. Denn Müller kündigte an, dass er eben mit Binder vereinbart habe, dass er am 22. September in Dorfen sein neues Programm vorstellt. Am 28. Dezember ist dann Mittermeier mit seinen neuen Vorstellungen an der Reihe.

Alexandra Anderka

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