Leere Schulungsräume: Andrea Widl (l.) und Annkatrin Wollersheim verwalten aktuell den Leerstand im DZIF. Für geteilte Klassen sind frei zu haltende Plätze markiert. Der Verein musste auch in IT für die Übertragung von Kursen investieren.
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Leere Schulungsräume: Andrea Widl (l.) und Annkatrin Wollersheim verwalten aktuell den Leerstand im DZIF. Für geteilte Klassen sind frei zu haltende Plätze markiert. Der Verein musste auch in IT für die Übertragung von Kursen investieren.

Keine Kurse, keine Einnahmen

Dem Dorfener Zentrum für Integration droht der Corona-Tod

  • vonTimo Aichele
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Die Stadt Dorfen übernimmt das diesjährige Defizit des DZIF nicht. Insolvenz und Vereinsauflösung könnten die Folgen sein.

Dorfen – Jahre lang war die Siemensstraße 11 ein wichtige Adresse für ausländische Menschen in Dorfen, gerade für die Frauen unter ihnen. Denn im dortigen Dorfener Zentrum für Integration und Familie (DZIF) wurden Sprachkurse angeboten – und Kinderbetreuung gleich dazu. Doch der Verein ist zum Corona-Opfer geworden. Bis vor kurzem durften in der Pandemie keine Kurse angeboten werden, damit brachen alle Einnahmen weg. Das für 2021 prognostizierte Defizit von rund 69 000 Euro wird die Stadt nicht übernehmen. Der Haupt- und Finanzausschuss hat den Zuschussantrag einstimmig abgelehnt. Nun droht die Insolvenz.

Beim DZIF herrschen nun Frust und Unverständnis. Die drei gleichberechtigten Vorstandsmitglieder wollten ihr Amt in der anstehenden Mitgliederversammlung ohnehin zur Verfügung stellen. Nun wird es am kommenden Mittwoch noch schwieriger, die satzungsgemäß nötigen drei Nachfolger zu finden. Die Auflösung des Vereins und eine Insolvenz sind realistische Szenarien.

Das DZIF hat bisher für seinen Betrieb drei Schulungsräume, ein Kinderbetreuungszimmer und weitere Räume gemietet. Dazu gibt es Teilzeitangestellte für die Verwaltung. „Sie arbeiten aber für einen Hungerlohn“, betont Vorsitzende Annkatrin Wollersheim. Überhaupt seien die Leistungen des DZIF nur mit einem beträchtlichen ehrenamtlichen Engagement zu stemmen.

Vorstandsmitglied Andrea Widl sorgt sich nun um die Kursteilnehmer. „Die Frage ist: Kriegen sie alle Plätze in umliegenden Kommunen? Und wie kommen sie da hin?“ Insbesondere viele Mütter würden nun in der Folge wohl keinen Sprachkurs mehr besuchen. Denn in einigen Kulturen gelte es als ausschließliche Pflicht der Frauen, sich um die Kinder zu kümmern. Die ehrenamtliche Betreuung der Kleinen, während die Mama Deutsch lernt, war da ein besonderer Beitrag des DZIF zur Integration von Migrantenfamilien, schildert die 51-Jährige.

Vor der Pandemie besuchten gut 100 Teilnehmer Kurse im DZIF – vor allem Sprach- und Integrationskurse, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert wurden. Der BAMF-Zuschuss von 4,40 Euro pro Stunde und Kursteilnehmer sei ohnehin nur bei bester Auslastung annähernd kostendeckend, so Wollersheim. Vor Corona habe das DZIF aber gut gewirtschaftet.

Das Spielzimmer des DZIF ist derzeit ungenutzt. Zuvor war es für viele Familien wichtig.

Der Verein habe den Zuschussantrag Anfang Dezember gestellt, berichtet Wollersheim. Der von Bürgermeister Heinz Grundner (CSU) und der Verwaltung vorbereitete Beschlussvorschlag habe schon vor der Sitzung festgestanden. „Wenn die Stadt etwas gesagt hätte, hätten wir uns die wochenlange Arbeit für den detaillierten Zuschussantrag und vor allem drei Monate lang Kosten sparen können“, kritisiert die 65-Jährige, die früher als Marketing-Direktorin in der IT-Branche gearbeitet hat. Eine Verkleinerung der angemieteten Flächen sei eine Option, eine andere die Umstellung auf ein anderes Kursangebot, das ohne die aufgeblähte BAMF-Bürokratie auskommt. Doch darüber werde ein neuer Vorstand entscheiden, sofern überhaupt Kandidaten gefunden werden.

Die Beratung begann in der öffentlichen Ausschusssitzung und wurde für eine halbe Stunde hinter verschlossenen Türen weitergeführt. Mit Details über den Geschäftsbetrieb im DZIF, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, überzeugte der Bürgermeister offensichtlich zuvor noch kritische Stadträtinnen.

Simone Jell-Huber (SPD) plädierte zunächst noch für eine Unterstützung: „Sie leisten eine immens wertvolle Arbeit.“ Auch Ulli-Frank-Mayer und Susanne Streibl (GAL) drückten ihr Bedauern aus. „Das reißt eine Riesenlücke“, erklärte Streibl. „Der Verein leistet im Bereich der Integration und der Sprachkurse einen großen Beitrag“, würdigte auch Grundner. Dennoch würden die finanziellen Möglichkeiten der Stadt mit einer Förderung in dieser Größenordnung überstrapaziert. Andere Vereine oder Bildungseinrichtungen – etwa die VHS oder die Kreismusikschule –würden bei weitem nicht so großzügig bezuschusst.

Auch er sehe die Verdienste, doch man dürfe dem DZIF keinen „Blankoscheck“ ausstellen, erklärte Martin Bachmaier (CSU) – und unterstützte damit die von Grundner formulierte Marschroute. Der Verein erhält nun keinen Zuschuss, kann aber am Ende des Geschäftsjahrs einen Zuschussantrag stellen. Die Mittel dafür sollen aus dem städtischen Integrationstopf kommen. Darin stehen für alle Dorfener Institutionen in diesem Bereich insgesamt 20 000 Euro zur Verfügung.

Wollersheim ist frustriert über diesen Beschluss: „Das heißt: Wir sollen erst pleite gehen, und dann können wir nochmal nachfragen.“

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